Leseproben

Prolog
Nathan sog die kühle Nachtluft ein. Er beobachtete, wie Syrell die Hände auf Yvonnes Schultern legte, die vor ihnen auf der Bank saß. Nochmals tief einatmend, spürte er wie sich irgendwo tief in seinem Inneren ein Knoten löste, der ihn viel zu lange blockiert hatte.
»Wisst ihr, ich weiß, dass ich vieles getan habe, das ich vielleicht nicht hätte tun sollen. Da ist so vieles, was ich rückgängig machen möchte, kann es aber nicht. Ständig höre ich Shanes Stimme und immer wieder sehe ich ihn vor mir.«
Er hörte wie Syrell zischend den angehaltenen Atem ausstieß.
»Nein Indy, ich werde mir keinen Seelenklempner suchen, vergiss es.« Nathan wusste, was Syrell sagen wollte, dafür musste er kein Hellseher sein.
»Nathan?« Yvonne drehte sich zu ihm um und Nathan beobachtete, wie Syrell ihr eine Strähne aus dem Gesicht strich.
»Ja?«
»Wer ist sie?« Die grünbraunen Augen der Deutschen strahlten ihn neugierig an und er bemerkte das verdutzte Gesicht von Syrell.
»Wer?« Nathan schluckte und versuchte die Erinnerungen zu verdrängen, die plötzlich wieder hervorkrochen und sich, wie eine Schlinge, um ihn legten.
Yvonne lächelte ihn an.
»Zu wem gehören diese grünen Augen, Nathan?«
Er hasste es, wenn sie das tat. Aber noch mehr verfluchte er es, wenn Syrell es war, der in seinen Gedanken herumstocherte und Dinge hervorholte, die er nie wieder hatte sehen wollen.
Nathan zögerte, sah Yvonne in die Augen und schluckte. »Harper, ich habe sie während der Ausbildung kennengelernt.« Er konnte das Lächeln nicht unterdrücken, das sich auf sein Gesicht legte, als er an die blonde Schönheit dachte, die er durch sein Verhalten verjagt hatte, bevor sie sie überhaupt richtig kennenlernen konnten.
»Ich glaube, du hast ganz viel zu erzählen Nath. Ich wusste nicht, dass es in deinem Leben ein weibliches Wesen gibt.« Die tiefe ruhige Stimme von Syrell bewirkte, wie so oft, dass Nathans Puls sich verlangsamte.
»Da ist noch viel mehr Sy, viel mehr.« Nathan seufzte. Plötzlich wollte das, was er seit Jahren hinter großen Türen eingeschlossen hatte hinaus.
Er begann zu erzählen. Wie er, Cayden und Sean von seinem Vater ständig zu schulischen Höchstleistungen angetrieben wurden. Wie sehr ihn der ständige Druck belastet hatte und wie froh er gewesen war, dass Shanes Familie ihn gelegentlich aufgenommen hatte. Shanes Namen auszusprechen verlangte ihm eine unglaubliche Kraft ab. Mit geschlossenen Augen holte er tief Luft und war froh, dass ihn niemand drängte weiter zusprechen. Erst als er sicher war, dass er seine Gefühle im Griff hatte, fuhr er fort.
Erzählte davon, wie er kurzfristig seinen besten Freund aus den Augen verloren und sich bei der Navy gemeldet hatte um dort auf wieder auf Shanes zu stoßen..
Syrell und Ivy waren einfach nur da und hörten ihm zu. Keine Vorwürfe. Keine Fragen. Sie überließen ihm das Tempo und das Thema. Es tat gut einen Teil des Ballastes abzuwerfen, der sich auf ihn gelegt hatte.
»Bewegt euch verdammt noch mal!« Paul Redmans Stimme hallte durch die Nacht und Nathan verkniff sich das genervte Aufstöhnen, als er die Stimme ihres Captains hörte.
»Ja!«, schrie Syrell über seine Schulter auf die Haustür der Gaststätte zu. Yvonne erhob sich und sah Nathan an.
»Vergiss nicht was du sagen wolltest, ja?«
Er schüttelte den Kopf und sah zum Himmel auf der sternenklar über ihnen lag.
»Und nun holen wir uns diese kleinen Arschlöcher und treten ihnen mit Hingabe in den Allerwertesten.« Syrell legte einen Arm über Nathans Schultern und zog ihn mit sich zur Tür der Gaststätte, in der sie sich einquartiert hatten.
»Aye«, antwortete er und spürte einen stechenden Schmerz, irgendwo in seinem Inneren.
Die Worte von Syrell waren so vertraut.
Die folgenden Tage vertiefte er sich in seine Arbeit, bangte beim Absturz des Helikopters um das Leben seiner Freunde und bemühte sich nicht daran zu denken, was auf ihn zukommen würde, wenn seinen Brüdern etwas passierte. Immer wieder beobachtete er Yvonne, die eine unglaubliche Ruhe ausstrahlte, und fragte sich, warum er nicht auch in der Lage war, eine solche Gelassenheit an den Tag zu legen.
Nach einer Woche Wirren in Deutschland, in denen Miguel sie auf die Probe gestellt hatte, brachen sie ab und kehrten nach San Diego zurück, ohne den Italiener gefasst zu haben. Was ihr ehemaliger Teamkollege jedoch vorhatte, lag in einer Grauzone und Harry versuchte selbst nach der Rückkehr noch einen Sinn in dem zu finden, was der Gebirgsjäger getan hatte.
»Kommst du?« Syrells Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und er stellte die Tasse, die er bereits vor einer Ewigkeit geleert hatte, auf den Küchentisch der Villa.
»Ja.«
Es war früher Morgen und seit vier Tagen traf er sich mit Ivy und Syrell am Strand. Bis jetzt hatte er allerdings den Faden noch nicht wieder gefunden, mit welchem er an das anknüpfen konnte, was er ihnen in Deutschland erzählt hatte. Wie sollte er von Harper zu dem kommen, was in Afghanistan passiert war? Langsam verließ er die Villa und genoss die Sonnenstrahlen, die sich über seinem Gesicht ausbreiteten. Erstaunt darüber, dass er das erste Mal seit seinem Einzug den salzigen Geruch des Meeres bewusst wahrnahm, ließ er sich neben Syrell und Yvonne nieder.
Es schmerzte ihn in seiner Seele zu sehen, wie vertraut Yvonne ihren Kopf an Syrell legte, der sich hinter sie gesetzt hatte und ihren Blick fragend auf Nathan richtete.
»Hast du viel mit ihr geredet?«
»Wir hatten nicht wirklich die Möglichkeit zu reden, Poison. Als ich sie kennengelernt habe, war Sean schuld, dass ich schnell wieder weg musste.«
»Ach die aus der Bar«, murmelte Syrell.
»Ja die.« gab Nathan leise zurück. Er schloss die Augen und dachte an die Zeit, bevor er Harper kennengelernt hatte. Langsam holte seine Vergangenheit ihn ein und riss ihn mit sich.

1.
Er hasste dieses Gesicht, das sich nur Zentimeter von seinem entfernt befand. Er hasste die grünen Augen, die ihn an funkelten. Er hasste die Stimme, die in sein Ohr drang.
»Harrison, was glauben Sie was Sie hier machen? Bewegen Sie sich verdammt noch mal!«
Er hasste die Lautstärke, in der der Mann vor ihm ihn anbrüllte.
Er rief sich wieder in Erinnerung, warum er eigentlich hier stand. Warum er sich von einem kleineren Mann anbrüllen ließ.
Hinter ihm standen andere Männer und nur gemeinsam konnten sie ihre Aufgabe so erfüllen, dass der Senior Chief vor ihnen vielleicht zufrieden war.
Seine Arme brannten vor Anstrengung und er hievte den Baumstamm wieder über den Kopf. So ging das schon seit Stunden.
»Stellt euch nicht so an! Was seit ihr für Mädchen?« Nun lief er an ihnen vorbei und brüllte jeden Einzelnen hasserfüllt an. Sie stemmten den Baumstamm wieder auf die Schulter, was den Schmerz von den Armen in die Schulter verlagerte.
»Das hab ich schon mal schöner gesehen!«
Wieder und wieder stemmten sie den 160 Kilo Stamm nach oben, und das Gebrüll des Chiefs ließ nicht nach. Nathans Realität begann langsam vor Erschöpfung zu verschwimmen, er wusste, dass der Tag noch lange nicht vorbei war.
Er musste bis zum Essen durchhalten, das hatte Cayden gesagt und Sean war lachend aus dem Zimmer gegangen. Seine Brüder hatten es auch geschafft und er würde so lange weiter machen, bis auch er das Trident der SEALs an seiner Brust trug. Sein Stolz ließ nicht zu, dass sie besser sein sollten als er. Sein Vater hatte es zwar nie bis zum SEAL gebracht, aber immerhin war auch er ein angesehener Soldat, der allerdings im Gegensatz zu ihnen, früh in den Innendienst gegangen war. Seans Wahn war es wohl gewesen, der dafür gesorgt hatte, dass Cayden ihm in die Navy gefolgt war und das sein Vater immer wieder voller Stolz gesagt hatte:
»Schau dir die Jungs an Nath, die bringen es mal zu etwas.«
Nathan schnaubte bei dem Gedanken an die Worte seines Vaters. Ja, Sean hatte es zu etwas gebracht, er war ein SEAL. Auch Cayden hatte es geschafft und war nun ständig auf Lehrgängen, um ein noch besserer Schütze zu werden, als er es eh schon war.
»Ablegen! Liegestütze! Alle!«
Wieder diese gottverdammte Stimme, in einer Lautstärke die selbst Tote wecken könnte.
So vorsichtig sie konnten, legten sie den Stamm auf den Sand des Strandes, für dessen Schönheit sie kein Auge hatten.
»Schneller!«
Nathan verdrehte die Augen, als er die Stimme des Chiefs vernahm. Entweder sie waren zu langsam oder nicht ordentlich genug. Irgendetwas hatte der Mann mit den dunklen kurzen Haaren immer an ihrer Arbeit auszusetzen. Er ließ sich, wie die anderen auch, auf den Boden fallen, und begann seine Liegestütze zu zählen.
»Harrison, glauben Sie bloß nicht, dass ich blind bin!« Der Chief stand neben ihm und drückte ihn, mithilfe seines Fußes, den er auf Nathans Rücken gestellt hatte, in den Sand. Mit zusammengebissenen Zähnen stemmte sich Nathan wieder und wieder hoch, bis es dem Chief scheinbar zu langweilig wurde und er sich einen Anderen aussuchte, den er terrorisieren konnte.
»Ich werde dafür sorgen, dass Sie die nächsten vier Monate nicht mal mehr im Ansatz an das denken, was Sie in dieser Position sonst noch machen könnten. Haben Sie das verstanden?«Wieder dröhnte die Stimme von O’Neil über sie hinweg.
»Hooyah Senior Chief O’Neil!«, grölten sie als Antwort.
Nathan lief der Schweiß in die Augen und blinzelnd versuchte er sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Er kam aber aus dem Takt und sofort war der kleine Mann wieder neben ihm. Erst sah Nathan nur die Füße von O’Neil, dann ließ sich der Chief neben ihn auf den Boden fallen und sah ihm in die Augen.
»Was machen Sie hier Harrison?«, schrie er ihn an, während er sich wieder hoch stemmte.
»Ich lasse mir von Ihnen den Arsch aufreißen Senior Chief O ›Neil!«, schrie er ebenso laut zurück.
»Okay.« Mit einer eleganten Bewegung war der Mann wieder auf den Beinen. »Dann hat Ms. Harrison sicher nichts dagegen, noch mal 40 Liegestütze extra zu machen.«
Am liebsten hätte Nathan nun geschnaubt und sich geweigert aber er wusste, dass er sich so nur noch mehr Ärger eingeheimst hätte.
»Nein, Senior Chief O’Neil!«
»Wunderbar!«
Zwei dunkle Stiefel tauchten vor seinen Augen auf und er sah, wie der Mann vor ihm die Arme hinter dem Rücken verschränkte. Seine Muskeln brannten und er verfluchte es, dass der Chief in der Lage war jede, noch so kleine Bewegung, von ihnen zu deuten. O’Neil hatte recht, die nächsten Wochen würde er wieder jeden Abend ins Bett fallen und sich wünschen, nicht am frühen Morgen wieder aus dem Schlaf gerissen zu werden. Selbst wenn er den Stützpunkt verließ, kam er nicht einmal im Ansatz auf die Idee, sich abends mit seinen Brüdern in einer Bar volllaufen zu lassen. An diesen Wochenenden wollte er einfach nur seine Ruhe und es genießen nichts zu machen, was dafür sorgen könnte, dass es Ärger bekam. Zu oft hatte er Sean gesehen, der morgens bei ihm und seinen Eltern aufschlug und aussah wie ein geprügelter Hund. Zwar sagte sein Bruder immer wieder, dass er die Schlägereien nicht angefangen hätte, aber ob Nathan einem Mann von 1,95m die plumpen Ausreden abkaufen sollte, die er ihm und seinen Eltern auftischte, wusste er nicht.
»Vierzig, nass und sandig!«
Nathan sprang auf und rannte hinter den Anderen seiner Gruppe her, als diese sich in die Wellen warfen, um Sekunden später wieder aus dem Wasser zukommen und sich wie Hunde im Sand zu wälzen.
»Bewegt euch!«
Nathan war sich sicher, dass er es O’Neil eines Tages heimzahlen würde, was er ihm in den letzten Wochen angetan hatte. Er sprang auf und hoffte, dass der Großteil des Sandes wieder aus seinen Sachen fallen würde, wusste aber, dass sich dieses Wunschdenken nicht erfüllen würde. Der dunkelhaarige Mann setzte sich eine Sonnenrille auf und trieb sie am Strand entlang. Kilometer für Kilometer wurden Nathans Glieder schwerer und der Sand setzte sich in jede Hautfalte. Schwer atmend stellte er nach einer gefühlten Ewigkeit fest, dass sie wieder am Stützpunkt angekommen waren.
›Pause, endlich ein paar Minuten ohne den Chief. Zeit zum durchatmen und essen.‹
Seine Gedanken kannten nur dieses eine Ziel. Eine Sekunde zögerte er, als er die kalte Dusche mitsamt seinen Sachen betrat. Normalerweise waren die Duschen dazu gedacht, ihre Ausrüstung in kürzester Zeit vom Sand zu befreien, aber ihre Ausbilder nutzen die Dusche auch, um ihre Schüler vom Sand zu säubern. Sein Glück war es, dass sie nach dem Essen noch stundenlang Theorie pauken würden. Somit würde er am Abend nicht nur körperlich erschöpft ins Bett fallen, wahrscheinlich würde sein Kopf so schmerzen, dass er schon schlafend die Stube betreten und die schmerzenden Muskeln nicht mehr bemerken würde.

2.
Die nächsten Tage reihten sich an den vorhergegangen an und er war froh, als er am späten Freitagabend in seinem alten oliv farbenen Landrover saß und dieser ihm sogar den Gefallen tat und ansprang. Bis Lamont wären es mindestens vier Stunden Fahrt, in denen es angebracht wäre, nicht am Steuer einzuschlafen. Nathan seufzte und spielte kurz mit dem Gedanken auf dem Stützpunkt zu bleiben, oder bei Sean und Cayden vorbei zuschauen, die sich eine, in seinen Augen, völlig überteuerte Wohnung in Santa Monica genommen hatten. Er war sich nicht mal sicher, warum gerade Sean meinte, er bräuchte noch eine andere Unterkunft neben der Naval Base. Sean war ein Arbeitstier. Er hatte ohne mit der Wimper zu zucken BUD’s hinter sich gebracht, die Höllenwoche mit gebrochenem Fuß überstanden, und war nach dem anschließenden Tauchtraining und dem SQT schnell einem Platoon zugeteilt worden. Im Augenblick wartete er wieder einmal auf einen Einsatz. Sein großer Bruder hatte ihm die Illusion genommen, dass nach BUD’s alles besser werden würde. Die alten Hasen hatten Sean und auch Cayden den Einstieg ins Team schwer gemacht und selbst ein Typ, wie Sean musste sich am Anfang mit geringeren Aufgaben abgeben.
Ein Klopfen ließ Nathan aus seinen trüben Gedanken auftauchen und er stellte fest, dass er immer noch auf dem Parkplatz an der Base, in seinem Auto saß. Er sah nach rechts und blickte in das glatt rasierte, grinsende Gesicht von Shane Baker, der neben seinem Wagen stand. Nathan kurbelte die Scheibe hinunter.
»Hey Harrison, schläfst du schon?«
»Nicht wirklich.« Er kannte den 1,85m großen, dunkelhaarigen Mann, mit dem ovalen Gesicht und den beinah golden wirkenden Augen seit der Highschool. Nathan hatte keine Ahnung, dass Shane sich ebenfalls für den Weg zum SEAL entschieden hatte, bis sie sich beim Indoc wieder begegnet waren. Er hatte sich geschworen ihre Freundschaft solange zurückzustellen, bis sie entweder an die Glocke getreten waren, oder die Höllenwochen hinter sich gebracht hatten. Scheinbar sah Shane die Sache etwas anders.
»Was hast du vor Harrison?«
»Ich wollte nach Lamont, zu meinen Eltern.«
»Hm, da bist du ja bis in die Nacht unterwegs. Hast du nicht Lust, mit mir und ein paar Jungs, um die Häuser zu ziehen?« Shane hatte seinen Hände auf die heruntergelassene Scheibe gelegt und sah ihn fragend an.
»Eigentlich wollte ich eine ruhige Kugel schieben, Baker.«
»Ach komm Nathan, wird Zeit mal wieder ein paar Mädels aufzureißen. Sag nicht, dass du dazu zu müde bist.«
Nathan wollte nicht durchblicken lassen, dass ihn das Training mehr als nur schlauchte und er eigentlich selbst zum fahren, schon viel zu müde war. Außerdem war es vielleicht eine Abwechslung, mal ein paar Stunden raus zu kommen. Ein paar Drinks würden sicher nicht schaden.
»Komm Harrison, gib dir einen Ruck.« Shane grinste ihn frech an.
»Hey, ja, okay.« Er stellte den Motor ab, zog den Schlüssel ab und schob Shane beim öffnen der Autotür zur Seite.
»Geht doch, hab schon gedacht O’Neil hätte den Draufgänger zum Schweigen gebracht.« Lachend ging der dunkelhaarige Mann einige Meter zurück. »In einer Stunde vorne, dann sind wir auch da.«
»Wer ist ›Wir« Baker?« Interessiert sah er den Mann vor sich an.
»Siehst du dann Harrison.«
Mit diesen Worten rannte Shane auf das riesige, graue Gebäude zu, in dem sie in der Woche und auch an den Wochenenden untergebracht waren. Nathan schüttelte den Kopf, als er sah, wie Shane in dem Gebäude verschwand. Seinem Freund schien die Quälerei der letzten Tage nicht im Geringsten zu stören, er bewegte sich wie immer, geschmeidig und schnell wie eine Raubkatze.
Nathan zog seinen Rucksack wieder von der Rückbank, warf die Autotür zu und schloss den Wagen ab. Langsam ging er wieder auf das Gebäude zu, aus dem er vor dreißig Minuten herausgekommen war und sich auf eine Badewanne mit viel warmen Wasser gefreut hatte. Nun würde er sich wieder mit der kalten Dusche begnügen müssen.
45 Minuten später stand er vor dem kleinen, weißen Häuschen, an dem sich Fremde an und er sich abmelden musste. Suchend sah er sich um und schaute dann auf seine Uhr. Er war fünf Minuten zu früh. Vor einigen Monaten noch hatte es ihn nicht gestört zu warten, aber seit einiger Zeit konnte er es nicht mehr leiden, wenn sich jemand auch nur um Sekunden verspätete. Er begann im Geiste die Sekunden zu zählen und starrte seine weißen Adidas-Schuhe an. Genervt sah er sich nach sechs Minuten erneut um. Immer noch war niemand zu sehen.
Er hätte doch zu seinen Eltern fahren sollen. Dort hätte er in Ruhe das Bad belegen können und wäre anschließend einfach ins Bett gefallen.
Gelächter sorgte dafür, dass er sich umsah und er entdeckte im Schein der Laternen, die die Naval Base erhellten, vier Männer, die auf ihn zukamen. Allein schon an der Stimmlage des einen wusste er, wer es war und er stöhnte genervt auf.
»Na Kleiner, wie geht es dir? Ich dachte, es wird Zeit, dass du mal ein paar Stunden auf andere Gedanken kommst.« Ein Mann mit breiten Schultern, dunkelbraunen Haaren und einem Bartansatz kam als Erstes auf ihn zu.
»Hey Sean, Cayden.« Er rollte mit den Augen, als er sah, wie seine Brüder auf ihn zuliefen. Das war nicht die Art der Abendgestaltung, die er sich gewünscht hatte. Hart schlug sein ältester Bruder ihm auf den Rücken.
»Baker, ich hab doch gesagt er freut sich, wenn er uns sieht. Los Rothaut, beweg dich, wir wollen los.«
Nathan sah an Sean vorbei, der ihm mit seinem Körper die Sicht verstellt hat, und bemerkte einen Mann mit langen, schwarzen Haaren, der auf sie zukam und ihn freundlich anlächelte. Genau diesen Mann hatte er am Morgen noch vor sich im Wasser gesehen, als sie ihre morgendliche Runde im Meer zurück gelegt, und der Chief sie, wie immer, zusammen geschrien hatte. Er hatte keine Ahnung, warum dieser Typ sich nicht an den Kurzhaarschnitt halten musste.
»Heya.«
»Hey.« Nathan sah fragend zu Shane, der neben dem Mann, der scheinbar indianischer Abstammung war, stehen geblieben war.
»Syrell, Nathan, die anderen zwei aus der Sippe kennst du ja schon. Nathan verfolgt mich seit der Highschool«, lachend drehte sich Shane zu Cayden, der mit dem wachhabenden Offizier sprach. Nach wenigen Minuten kam er wieder auf sie zu.
»Okay, wir können. Morgen früh müssen wir aber vor vier wieder hier sein, damit die Kleinen aus dem Bett geworfen werden können, für den Fall, dass sie aus dem Bett geworfen werden.«
»O’Neil hat uns freigegeben, ich wollte vorhin eigentlich nach Hause, bis Baker mich überredet hat zu bleiben.« Nathan sah triumphierend zu Cayden, der ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansah.
»Ui, acht Wochen rum und schon das zweite Mal frei, Donnerwetter.« Cayden kam auf ihn zu und wuschelte durch seine kurzen Haare.
»Ey, Alter.« Er stieß seinen zwei Jahre älteren Bruder von sich.
»Wollt ihr euch jetzt prügeln, oder wollen wir los?« Syrell hatte das Wort ergriffen.
»Die Rothaut hat recht, lasst uns fahren.« Sean zog Cayden von ihm weg und sie gingen auf den neuen Landrover von Sean zu.
»Holla, da war wohl wieder Kohle über«, murmelte Nathan.
»Wer hat, der hat, Kleiner.« Sean ließ sich mit einem Grinsen in den Fahrersitz fallen.

3.
Vierzig Minuten später betraten sie eine völlig überfüllte Bar und schoben sich durch die Menschenmasse auf den Tresen zu. Nathan ließ seinen Blick über die Masse schweifen und entdeckte einige junge Frauen, die sich interessiert zu ihnen umsahen. Er schnaubte, also hatte Sean mit seinen Geschichten tatsächlich recht. Sean bestellte für alle Bier und machte sich dann zu der Gruppe auf, die sich scheinbar über sie sprachen.
Nathan blieb neben Shane stehen, während Syrell mit Cayden in ein Gespräch vertieft war, dessen Inhalt er aufgrund der lauten Musik nicht verstehen konnte.
»Deine Brüder sind echt eine Wucht«, rief Shane gegen die Musik an.
»Wenn du meinst«, erwiderte Nathan gelangweilt. Er war der Meinung das seine Brüder nur Eindruck bei den Frauen schinden wollten mehr nicht. Sollte Shane sich davon wirklich beeindrucken lassen? Und vor allem, ließen sich die Frauen von seinen Brüdern beeindrucken?
»Nathan Harrison, nun sei nicht so, wir haben frei, lass uns das genießen, bevor es wieder richtig losgeht, oder hast du etwa vor das Handtuch zu werfen?« Shane sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
»Nein.« Nathans Blick wanderte über Shanes rechte Schulter zu einer jungen Blondine, die verloren an der Bar stand und sich umsah. Als Shane bemerkte, dass er ihn nicht ansah, warf der dunkelhaarige Mann einen Blick über seine Schulter und versuchte zu entdecken, was Nathans Blick gebannt hatte.
»Geht doch Nathan, entspann dich mal eine Stunde oder zwei, oder so« lachend drehte Shane sich um und ging tatsächlich auf die Blondine zu, die Nathan entdeckt hatte. Wüst schob Nathan andere Besucher der Bar zur Seite und blieb freundlich lächelnd neben Shane stehen, der die blonde Schönheit bereits erreicht hatte.
»Baker«, zischte er ihm ins Ohr »Wir müssen reden.« Nathan zog Shane von der jungen Frau fort und baute sich vor ihm auf. Eine unglaubliche Wut überkam ihn, als Shane ihn angrinste.
»Na geht doch, sollst doch nicht in Tristes verfallen, nur weil O‹ Neil dich im Auge hat. Sie gehört dir.« Grinsend drehte Shane sich um und ging zurück zur Bar, wo er sich zu Cayden und Syrell Gesellschaft leistete. Nathan sog die rauchige Luft ein und zwang sich seinen Puls wieder auf ein normales Level zu bringen.
Die Frau lächelte ihn immer noch an, als er wieder zu ihr sah, und ihn überkam das ungute Gefühl, dass Shane ihr irgendetwas gesagt haben musste, das mit ihm zusammenhing. Nathan konnte seine Augen nicht daran hindern, sie genauestens zu mustern. Ihre schlanken Beine wurden nur an den Oberschenkeln durch einen sehr kurzen, schwarzen Rock verdeckt. Ihr rotes Oberteil war ebenso knapp bemessen und gab den Blick auf ein Bauchnabelpiercing frei. Sein Blick wanderte weiter an ihr hinauf. Ihre Brüste waren zwar recht klein, aber irgendwie passte alles zusammen. Ihre langen blonden Haare fielen wild um ihr Gesicht und ihre grünen Augen strahlten ihn an, als seine Aufmerksamkeit vollends auf ihr lag. Ihr war nicht entgangen das er sie wie ein Stück Vieh begutachtete hatte, was ihm die Schamesröte ins Gesicht trieb.
»Hi«, brachte er fast heiser hervor.
»Hi, bist du mit den anderen Jungs von der Base hier?« Ihr Lächeln war umwerfend, und während sie sprach, fiel ihm auf, dass auch ihre Zunge mit einem Piercing gespickt war.
»Welche meinst du? Hier sind neunzig Prozent von der Base.«, er konnte nicht anders, er musste sie anlächeln.
»Na der, der eben hier war und der Indianer und der Große da, der immer wieder für Ärger sorgt.«
Nathan folgte ihrem Blick zu Shane, Syrell und Sean, der von vier Frauen umringt in einer Ecke stand. Nickend sah er sie an.
»Magst du was trinken?« Nathan versuchte so schnell wie möglich, vom Thema Base wegzukommen.
»Gerne, ein Sex on the Beach wäre toll.« Sie lächelte ihn verschmitzt an und er fragte sich, ob hinter dieser Bemerkung wohl mehr stand, als nur ein Drink.
Nathan winkte den Mann zu sich der hinter dem Tresen mit einigen Gläsern beschäftigt war, bestellte den gewünschten Cocktail und ein neues Bier für sich. Die junge Frau gesellte sich zu ihm, lehnte sich mit dem Rücken an den Tresen und sah ihn über ihre Schulter hinweg mit einem Blick an, der nicht in eine Bar gehörte.
Nathan grinste, naja vielleicht gehörte der Blick doch hierher, wenn man eindeutige Ziele hatte. Er bezahlte die Drinks und reichte das große Glas an die Frau weiter, die ihn anstrahlte. Einen Moment sahen sie sich schweigend an und Nathan nutzte die Zeit um ihre grünen Augen zu bewundern.
»Und, gehörst du zu ihnen oder nicht?«
Langsam tauchte Nathan aus seiner Trance auf und sah nochmals hinter sich, wo Syrell Sean mit einem Glas in der Hand zuprostete.
»Ich befürchte ja.« Er sagte es mehr zu sich selbst, als zu der jungen Frau.
»Dann hast du sicher auch einen Namen abbekommen oder?« Keck lächelte sie ihn an während sich unter ihren Augen kleine Grübchen bildeten.
»Oh ja, entschuldige, meine Manieren sind wohl in der Base geblieben, Nathan.« Wieder blieb er an ihren Augen haften die, wie er meinte, noch grüner geworden waren. Sein Blick wanderte auf das Bierglas in seiner Hand. Oder lag es am Alkohol? Schlafentzug?
»Harper.« Ihre Hand berührte seine und es fühlte sich an, als hätte ihn ein Stromschlag getroffen. Kurz zuckte er zusammen, ergriff jedoch schnell ihre weichen Finger und lächelte sie an.
»Angenehm. Entschuldige, ich hatte echt eine lange Woche.«
»Navy?« Sie entzog sich seinem Griff, was ihn sofort zurück in die Wirklichkeit riss. So plötzlich wie er die Menschen um sich herum ausgeblendet hatte, nahm er sie wieder wahr.
»Nicht ganz.« Er war versucht sie wieder zu berühren, aber da sie sich etwas von ihm entfernte und ihn genau musterte, beließ er es bei einem Lächeln.
»So? Nicht ganz?« Der freundliche Ton war aus ihrer Stimme verschwunden. »Du bist ein SEAL oder?«
»Noch nicht, aber ich habe es vor, Ja.« Verwirrt sah er sie an. Warum sie so schnell eine Fassade der Abneigung aufgezogen hatte, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären.
»Ich kenne Typen wie dich. Du bist überheblich, egoistisch, ruhmsüchtig, lügst wie gedruckt und denkst, du kannst dir alles erlauben«, fuhr sie ihn an.
Mit großen Augen sah er sie an. Das war nicht die Reaktion, die er erwartet hatte. Sean und Cayden hatten immer damit geprahlt, dass sie alleine mit der Aussage, das sie SEALs wären, die Frauen reihenweise ins Bett bekamen. War er nun an eine von 1000 geraten, die das anders sah?
»Wie kommst du darauf?« Es interessierte ihn, warum sie so eine schlechte Meinung über die SEALs hatte. Sie waren keine Lügner und das sie mit ihren Ruhmestaten hausieren gingen, wäre ihm neu. Auch wollte er sich nicht als egoistisch bezeichnen.
»Ihr kommt hier rein, reißt Frauen auf, glaubt ihr seit die Helden schlecht hin. Prügelt euch, prahlt mit euren Heldentaten und denkt ihr seit Götter.« Ihre Worte trieften vor Verachtung.
»Ich würde ohne mit der Wimper zu zucken für mein Land sterben, das ist doch nicht egoistisch, das ist mehr das Gegenteil, denke ich«, fragend sah er sie an und bemerkte das sie über seine Worte nachdachte, als sie einen Schluck von ihrem Drink nahm. »Warum sollte ich mit dem prahlen, was ich tun muss, um mein Land zu verteidigen? Warum sollte ich es überhaupt jemandem erzählen?.«
»Weil ihr alle gleich seid!«, fuhr sie ihn an.
»Na, wenn du meinst, dass du uns alle über einen Kamm scheren musst, bitte, viel Spaß dabei. Ich wünsche dir einen angenehmen Abend.« Er wollte gerade auf seine Brüder zugehen, als sich eine schmale Hand um sein Handgelenk legte und ihn zurückhielt. Er sah über seine Schulter direkt in ihre grünen Augen, die ihn fragend ansahen.
»Warte, so war das nicht gemeint.« Als er sich ihr zuwandte, ließ sie seine Hand los und ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Nicht?«
»Nein, es ist nur ...« Ihr Blick wanderte an ihm vorbei zu Sean, der immer noch von Frauen umringt war. »Sie sind so. Kommen hier rein, prahlen mit dem was sie machen, als könnten sie alleine die Welt retten.« Mit einem knappen Nicken deutete sie in die Richtung seiner Brüder.
»Naja, die waren schon immer etwas anders. Sean ist ein Arbeitstier und Cayden ein Perfektionist«, grinsend sah er sie an.
»Du scheinst sie gut zu kennen.«
Er konnte sie kaum verstehen, da die Musik ihre Stimmer übertönte und sie wohl mehr mit sich selbst sprach, als mit ihm. Wie es aussah, dachte sie wirklich immer noch über seine Worte nach.
»Meine Brüder.« Er stellte sich so vor sie, dass sie ihn anschauen musste. Nathan wollte wissen, ob sie ihre Meinung über ihn geändert hätte, oder ob sie ihn immer noch für einen Egoisten hielt.
»Deine Brüder?« Erstaunt sah sie ihn an und etwas in ihrem Blick deutete schon an, dass im nächsten Moment ein Satz kommen würde, der ihm nicht zusagen würde.
»Ja.
»Sean ist ein Arsch. Er hat sich nie bei mir gemeldet.«
Das war nicht ganz das, was er erwartet hatte. Nein es war schlimmer als das, was er erwartet hatte. Sean war ein Weiberheld, seit er BUDs hinter sich gebracht hatte, das hatte Nathan bereits mitbekommen, aber das er nun ausgerechnet vor einer Frau stehen musste, die sein großer Bruder bereits von der Bettkante gestoßen hatte, gab der Sache einen faden Beigeschmack. Ihm fehlten die Worte. Sollte er seinen heldenhaften Bruder in Schutz nehmen? Der bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in eine wirklich gefährliche Situation gekommen war? Weil seine Kollegen es ihm wohl noch nicht zutrauten? Nein, warum sollte er? Sean konnte sehr gut für sich selbst sorgen, sei es im Gefecht oder in einer Bar, wo die Frauen ihm am liebsten die Kleidung vom Leib reißen wollten. Er legte den Kopf schräg und sah die Blondine an, naja wie es schien hielten nicht alle seinen Bruder für Superman.
»Ich bin nicht für das verantwortlich, was er tut. Wenn ich jemanden nach einer Telefonnummer frage, dann mache ich das entweder, weil ich bei diesem Menschen Schulden habe oder weil ich mich für ihn interessiere. Ich sammle die nicht, wie andere Tankquittungen. Bin kein Trophäenjäger«, beschwichtigte er und war froh als Harper ein Lächeln über die Lippen huschte.
»Ich weiß nicht warum, aber ich glaube dir.«
Mit großen Augen sah er verblüfft zu, wie sie ihr Glas in einem Zug leerte.
»Magst du tanzen?« Ihre Augen funkelten ihn an. Er spürte, dass es etwas in ihm gab, das auf keinen Fall Nein sagen wollte und somit seine geschundenen Füße überstimmte. Schnell leerte er sein Glas, stellte es auf dem Tresen ab und bahnte sich mit Harper einen Weg durch die Menschenmassen zur Tanzfläche.. Im Augenwinkel sah er, wie Shane Syrell einen Stoß mit dem Ellenbogen gab und mit dem Kopf in seine Richtung deutete. Auffälliger konnten sich seine Kollegen nicht verhalten. Vor allem war er sich nicht sicher, was er von dem Indianer halten sollte, der Shane zu Cayden zog, der sich mit einem anderen Mann unterhielt.
»Hey, hier bin ich.« Eine Hand legte sich auf seine Wange und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Die Berührung jagte ihm einen angenehmen Schauer über den Rücken und er ließ sich von ihren Augen gefangen nehmen. Harpers Körper bewegte sich perfekt im Takt der Musik und Nathan ließ es sich nicht nehmen, seine Hände auf ihren wohlgeformten Hintern zu legen um sie an sich zu ziehen. Schnell lag ihr Kopf an seiner Brust und er registrierte, dass seine Jeans eindeutig zu eng wurde. Ihr straffes Hinterteil lud seine Hände förmlich ein. Plötzlich lagen seine Lippen auf ihren, und ihre Zunge war es, die Einlass in seinen Mund forderte. Willig ließ er sich auf sie ein. Ihre Zungen tanzten im Takt der Musik und erst nach Minuten trennten sie sich schwer atmend voneinander.
»Okay, überzeugt. Du bist anders.« Ihre Augen sprühten förmlich vor Verlangen und er war versucht, sie einfach aus der Bar zu zerren und irgendwo ein ruhiges Plätzchen zu finden. Aber bei dem Gedanken, dass Sean eventuell schon mit ihr im Bett, oder sonst wo gewesen war, verflog sein Verlangen kurzfristig wieder.
»Hab ich ja gesagt.« Er strich mit seinen Fingern durch ihren Nacken und genoss das elektrifizierende Gefühl, das durch seinen Körper rauschte.
Plötzlich legten sich Hände auf seine Schultern, und als er sich umdrehte, um zu sehen, wer ihn störte, sah er in die Augen von Shane. Sein Freund sah ihm nicht lange in die Augen, immer wieder wanderte sein Blick über die Menschenmasse. Nathan ahnte, dass etwas nicht in Ordnung war.
»Komm wir müssen weg, jetzt sofort.«
Nathans Blick wanderte an Shane vorbei und er entdeckte Syrell, der in die andere Richtung sah. Nathan folgte seinem Blick und sah, wie Sean einen fremden Mann an die Wand gepresst hatte und Cayden einen weiteren davon abhielt, zu Sean vorzudringen.
»Los Harrison, wir kommen in Teufelsküche, wenn uns hier wer erwischt, die haben schon die Cops gerufen. Beweg dich!« Shane zerrte an seiner Schulter und er war nicht gewillt sich von Harper zu trennen, aber der Gedanke, was es für seine Ausbildung bedeuten könnte, wenn er in eine Schlägerei verwickelt werden würde, sorgte dafür, dass er sie losließ.
»Es tut mir leid Harper.« Ihre Hände klammerten sich an seine, als Shane ihn von der Tanzfläche zog. Immer mehr Männer strömten in die Ecke, in der er vor wenigen Sekunden noch seine Brüder gesehen hatte.
»Sehen wir uns wieder?« Sie ließ ihn los und er konnte sie nicht mehr sehen, als er ihr sagen wollte, dass er sicher wieder kommen würde.
»Himmel, nun lass dich nicht so bitten.« Shane zerrte ihn hinter sich her Richtung Ausgang.
Gegen zwei in der Nacht, kam er mit Shane und Syrell in einem Taxi wieder an der Naval Base an.
Lautlos schlich er sich auf seine Stube, wo die anderen drei Betten verwaist waren, da die Männer, mit denen er sich seine Stube teilte, ihr langes Wochenende außerhalb der Base genossen Müde ließ er sich auf das Bett fallen und starrte die Decke an. Es herrschte eine ungewohnte Stille in dem kleinen Raum. Da war kein Schnarchen und auch die Gewissheit, dass in den nächsten Stunden niemand brüllend in das Zimmer stürmen würde, war befremdend für Nathan. Langsam driftete er in den Schlaf.

4.
Der Montagmorgen begann wie jeder andere Tag in der Base. Viel zu früh und mit einem ohrenbetäubendem Lärm, wurden sie wieder aus den Betten gerissen, mussten sich im kleinen Flur aufstellen und ihre Ausbilder begannen, ihre Uniformen zu begutachten. Zu Nathans Glück war bei ihm alles tadellos und er freute sich, dass er den Sonntag genutzt hatte, um seine Wäsche in Ordnung zu bringen.
»Bewegt euch verdammt noch mal! Los!« Senior Chief Ridwell, ein Typ von 1,80m, mit breiten Schultern und bis in die letzte Faser voller Muskeln, brüllte sie an. Ridwell war für Nathan der Albtraum der Ausbilder. Selbst im Vergleich zu O’Neil war der Mann mit den struppigen roten Haaren mehr ein Teufel, als ein Mensch. Er kannte keine Gnade und hätte ihnen sicher auch nie ein Wochenende Freizeit gegönnt, was er ihnen lauthals klar machte, als sie die Treppen hinunter rannten. Eines hatte Nathan seit Beginn des BUDs gelernt. Bei den SEALs wurde nicht gegangen, geschlendert oder gejoggt. Es wurde gerannt und das in Höchstgeschwindigkeit, immer und überall. Ridwell trieb sie auf einen betonierten Platz, an dem ein graues Gebäude stand. Im Gebäude befanden sich diverse Büros, die sie am Tag ihres Eintritts in die Navy von innen gesehen hatte und erst wieder sehen würden, wenn sie die Navy verlassen würden. Es gab einen kleinen, 1,50 Meter breiten, überdachten Bereich vor dem Gebäude. Vor diesem Bereich stand ein Pfahl, an dem eine Glocke befestigt war und neben dem Stahlpfeiler lagen Helme. Es waren die Helme von Männern, die ihren Traum aufgegeben hatten und an die Glocke getreten waren, um aufzugeben. Nathan hatte sich geschworen nie an die Glocke zu läuten. Er wollte seinen Brüdern, seiner Familie und vor allem sich selbst beweisen, dass er das Zeug zum SEAL hatte. Er hatte sich geschworen alles zu tun, was nötig war, um seinen Traum zu erfüllen.
»Runter!« Laut hallte die dunkle Stimme von Senior Chief Ridwell über den Betonplatz, auf dem schon tausende Träume beendet wurden. Um der ganzen Sache noch die Krone aufzusetzen, tauchten weiter Ausbilder auf, die nur dazu da waren, sie zu schikanieren.
Sprüche wie:
»Reiß dich zusammen!«
»Willst du wirklich hier sein, gib lieber gleich auf!« Und »Tu wenigstens so, als wenn du es ernst meinen würdest!«,
waren noch die harmlosesten Sachen, die er sich an einem Montagmorgen um halb fünf anhören musste.
Immer wieder stemmte er sich vom Boden hoch, bis plötzlich Füße vor seinen Augen auftauchten. Irritiert sah er hoch. Sofort traf ihn ein eisiger Wasserstrahl mitten im Gesicht und er drehte prustend den Kopf zur Seite.
»Schau mich an du Lusche! Steck es weg wie ein Mann!«, brüllte der Mann vor Nathan. Widerwillig tat er, was ihm befohlen wurde und es ergossen sich gefühlte tausend Liter Wasser über ihm, bis sich der Mann den nächsten ausgesucht hatte, den er quälen wollte.
»Stellt euch verdammt noch mal nicht so an! Ihr habt erst Schmerzen, wenn ich euch sage, dass das ihr Schmerzen habt, verstanden?«
»Verstanden«, erwiderten sie so laut sie konnten.
Ridwell ließ sie bis zur Erschöpfung Liegestütze und Sit-ups machen und Nathans Arm-, Bein- und Bauchmuskeln schmerzten, als sie endlich wieder aufstehen durften. Ridwell war es egal das seine Muskeln vor Erschöpfung zitterten. Unter lautem Gebrüll wurden sie hinunter zum Strand getrieben, wo sie sich in die Brandung warfen und wieder hinaus taumelten. Zu Nathans Überraschung befahl Ridwell ihnen nicht, sich im Sand zu wälzen. Nathan bestieg mit vier Männern, die er nicht namentlich kannte, da er sich geschworen hatte sich erst um die anderen zu kümmern, wenn er die Hellweek hinter sich hatte, ein Boot. Der Einzige, den er kannte, war Syrell, der direkt neben ihm saß. Nach einigen Kilometern hielten die Ausbilder die Boote an.
»Raus und zurück zum Stützpunkt!«, brüllte der Ausbilder. Ungläubig starrten sie ihn wohl einen Moment zu lange an. »Ich habe verdammt noch mal gesagt, raus! Es gibt nur einen Weg zurück und der führt durch das Wasser! Bewegt euch!«, schrie er sie an.
Nathan war es vom ersten Tag an gewöhnt in voller Montur ins Wasser zu rennen und zu schwimmen aber nun waren sie gut drei Kilometer vom Strand entfernt und sollten zurückschwimmen?
»Was sitzt ihr hier noch? Soll ich euch Beine machen oder was? Seht verdammt noch mal zu, dass ihr ins Wasser kommt!« Deutliche Aggressivität schwang in der Stimme des Mannes mit, der vor ihnen im Boot saß. Ohne weiter darüber nachzudenken, ließen sie sich in das Wasser fallen. Syrell war eine Armlänge von ihm entfernt und Nathan war klar, dass sich an diesem Umstand nichts ändern durfte, wenn sie nicht in Teufelsküche kommen wollten. Kraulend bewegten sich die Männer auf den Strand zu. Bereits nach einigen hundert Metern begannen Nathans Arme und Beine zu schmerzen und er spürte die Kälte des Wassers ebenso, wie die, durch das Wasser, schwere Kleidung. Syrell, der immer noch neben ihm war, wirkte wie in Trance und ließ sich scheinbar durch nichts aus der Ruhe bringen, selbst da nicht, als das Boot mit dem Ausbilder neben ihnen auftauchte und sie wieder einmal auf das Übelste schikaniert wurden. Der Strand kam nur langsam näher und die aufkommenden, stärker werdenden Wellen sorgten dafür, dass jeder Meter zu Qual wurde. Nathan kam an einem Punkt an, an dem er sich weigerte aufzugeben, er wollte am Strand ankommen und weiter machen, ein anderes Ziel gab es für ihn nicht. Immer wieder tauchte jedoch das Gesicht von Harper vor seine Augen auf und sorgte dafür, dass er entweder unnötig Wasser schluckte, oder aus dem Takt kam. Was wiederum dazu beitrug, dass auch Syrell langsamer machen musste, um sich nicht zu weit von ihm zu entfernen.
»Harrison, Navajo, das hier ist keine Kaffeefahrt, das ist verdammt noch mal ernst, wollen sie aufgeben, oder was soll das hier werden?«
Wie durch Watte drang die Stimme von Ridwell an sein Ohr und erschrocken sah er sich um. In einem schwarzen Schlauchboot zu seiner linken, lehnte ihr Ausbilder über dem Wasser und schrie ihn direkt an.
»Nein, Senior Chief!«, schrie er zurück und schob das Gesicht, welches er noch vor Sekunden vor Augen gehabt hatte, in eine Ecke, in der es ihn hoffentlich nicht so bald wieder stören würde.
Auch wenn seine Arme und Beine schmerzten, begann er die Kälte zu verdrängen, die um ihn herum herrschte. Er sah nach rechts und entdeckte ganz in seiner Nähe den Mann mit den langen schwarzen Haaren. Nathan musste sich wieder auf das Schwimmen konzentrieren, sollte er Syrell, oder Syrell ihn, aus den Augen verlieren, könnte es sein das er schon am Abend wieder in seinem Zimmer bei seinen Eltern sein würde. Und dann wären Sean und Cayden die nächsten, um deren Spot er sich kümmern müsste. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam die Klasse, mehr oder weniger geschlossen am Strand an. Sechs seiner Klassenkameraden stiegen in Wolldecken gehüllt aus den Booten der Ausbilder und begaben sich direkt zum Grinder, so nannten sie intern den Platz, auf dem die Glocke stand. Wieder sechs Männer, die ihren Traum aufgaben, weil sie nicht durchgehalten hatte. Nathan hatte kurz Zeit um sich nach Shane umzusehen, den er einige Meter neben sich, schwer atmend, am Strand stehen sah. Wenigstens war sein Freund nicht unter denen, die es nicht geschafft hatten.
Der nächste Morgen begann, wie der Tag zuvor geendet hatte. Laut schreiende Ausbilder stürmten in die Stuben und gaben ihnen nur wenige Minuten, um zum Abmarsch bereit auf dem Flur zu stehen. Anders als erwartet, jagte man sie nicht zum Strand oder auf den Parcours, sondern direkt in das Herz der Base, wo das Tor eines großen Hangar offen stand.
»Guten Morgen die Damen.«
»Guten Morgen Senior Chief O’Neil!«, gaben sie schreiend als Antwort.
»Das hier ist Chief Parker und er wird Ihnen die nächsten Wochen das Fliegen beibringen.«
»Hooyah, Chief Parker!«, grölten sie den kleinen Mann an, der höchstens 1,65 groß war, einen dichten Bart trug und seine Haare, zumindest rein optisch, seit Wochen nicht gepflegt hatte.
Stunden saßen sie in dem Hanger und versuchten sich alles einzuprägen, was Parker ihnen erklärte. Am Ende der Woche hockten sie in einem Transporthubschrauber. Als sich die Heckluke öffnete, pfiff ihnen der kalte Wind entgegen. Die Männer an der Luke gaben ihnen das Zeichen näher zukommen und Nathan stand einen Augenblick am Abgrund. Tief unter ihm war das Meer und er ging im Kopf nochmals alle Schritte durch, damit er während des Sprungs keine Fehler machte.
»Raus verdammt!«, brüllte ihm der Mann neben ihm, ins Ohr und gab Nathan einen heftigen Stoß. Taumelnd fiel er aus dem Chinook, verbrauchte wertvolle Zeit damit sich auszurichten und die Reißleine zu finden. Als er endlich unter dem großen braunen Segel hing, jagte sein Puls und er war bis auf die Haut nass geschwitzt. Sein Landepunkt am Strand verfehlte er völlig und wurde umgehend von wartenden Ausbildern zu Sit-ups, Beingrätschen und Liegestütze verdonnert.
Nach dieser Bruchlandung wurden seine Sprünge langsam besser und nach einer Woche gab es nichts schöneres, als einmal am Tag aus einem Hubschrauber zu fallen.