Leseproben

Prolog

»Banjo, kommst du?« Sean Harrisons Hand legte sich auf seine Schulter und Darrel löste seinen Blick von dem weißen Grabstein, der vor ihm auf dem Grün stand. Dicht an dicht reihten sich hier die weißen Steine und erinnerten an die Gefallenen. Er sah sich um und traf auf die grünbraunen Augen seines Kollegen. Viele kleine frische Wunden im Gesicht des sonst so hart wirkenden Mannes sorgten dafür, dass Darrel wieder bewusst wurde, dass sie sich noch vor vierundzwanzig Stunden mitten in einem Gefecht befunden hatten. In einem Kampf, der jedem von ihnen das Leben hätte kosten können. Aber sie hatten Glück gehabt. Ihre Schutzengel hatten Überstunden geschoben, um sie unversehrt zurückzubringen.

Nicht einer von ihnen war unverletzt aus Nigeria zurückgekehrt, aber niemanden hatte es wirklich schlimm erwischt. Sie alle würden nun aber einige Zeit brauchen, um wieder einsatzbereit zu sein. Er hatte niemandem gesagt, dass er bereits in der Nacht einen Flug nach Perth gebucht hatte. Ein Kloß bildete sich in seinem Hals. Er würde sich eine kurze Auszeit außerhalb seiner neuen Familie nehmen, um seine Familie in Australien zu besuchen. Um ein lang aufgeschobenes Versprechen einzulösen. Um einen Besuch zu erledigen, vor dem er sich immer wieder mit Ausreden gedrückt hatte.

»Ich komme.« Er schluckte, salutierte vor dem Grabstein und warf einen letzten Blick auf die Stelle, an der Logan Collister seine letzte Ruhe gefunden hatte.

Stunden und viele Gläser Whiskey später, bemerkte Darrel, dass die kleine Bar sich geleert hatte und nur noch das Team der International Anti Terror Force an der Bar stand. Yvonne lehnte müde an Syrell, der seit einer Ewigkeit ein Bier in der Hand hielt. Nathans Kopf war auf den Tresen gefallen und Darrel würde fünfzig Dollar darauf wetten, dass der Mann eingeschlafen war. Selbst Paul Redman saß immer noch auf einem Barhocker und starrte den goldenen Whiskey in seinem Glas an. Darrel sah sich suchend nach Cayden um und fand ihn mit Jordan im Arm in der letzten Ecke der Bar. Sie hatten es sich auf einer Eckbank gemütlich gemacht.

Er holte Luft und war sich nicht sicher, welche Worte er wählen sollte. »Leute, ich muss euch was sagen.« Erstaunt darüber, dass alle, selbst Nathan, ihn ansahen, sprach er weiter: »Ich werde morgen nach Perth fliegen, ich muss etwas erledigen. Und Paul, bevor du mich nun steinigst, mein Urlaubsantrag liegt auf deinem Schreibtisch.«

Verwunderte Blicke wurden gewechselt und blieben am Ende auf ihm liegen.

»Wie lange, Banjo?« Pauls Blick bohrte sich in ihn. Vielleicht hätte er den Captain vorher fragen sollen.

»Drei Wochen?«, fragend sah er in die Augen seines Vorgesetzten, der schnaubend die Arme vor der Brust verschränkte.

»White, ich weiß, wo ich dich finde. Ich hoffe, das ist dir klar.«

»Aye, Captain.« Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Paul hatte ihn schon einmal gefunden. Würde es ihm wieder gelingen? Würde Darrel dann wieder alles abbrechen und sich auf ein neues Abenteuer stürzen? Vor seinen Freunden flüchten, nur um zu vergessen? Nein, dieses Mal würde nichts unerledigt bleiben und er würde den Mut finden, der ihm lange gefehlt hatte.

»Erledige deinen Kram und komm zurück.«

John erhob sich träge: »Ich nehm mir ein Taxi, wer will mit?« Darrel atmete erleichtert auf, als sich das halbe Team John anschloss und auch Cayden mit Jordan die Bar verließ.

»Darrel?«

Syrell ließ ihn in seiner Absicht die Bar zu verlassen innehalten

Er sah zur Seite und traf auf sechs Augenpaare, die ihren Blick auf ihn gerichtet hatten.

»Ja?«

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er Syrell an, der Nathan stützte. Yvonne hatte einen Arm um den Indianer gelegt.

»Du weißt, wie du mich erreichen kannst, wenn du reden willst.« Syrell nickte ihm zu und wollte mit Nathan an ihm vorbei, doch der ehemalige SEAL legte eine Hand an seinen Arm.

»Banjo«, lallte Nathan und suchte Halt an ihm.

Auch wenn sein Kollege mehr als einen Drink zu viel getrunken hatte, konnte Darrel erkennen, dass er ihm etwas Wichtiges sagen wollte. Darrels Aufmerksamkeit wanderte kurz zu der Platzwunde an Nathans Augenbraue, die er sich zugezogen hatte, als Sean ihm vor einer Stunde gesagt hatte, dass der Drink, den er zu dem Zeitpunkt in der Hand gehalten hatte, sein Letzter gewesen sei. Die Brüder hatten sich einen kurzen, aber heftigen Schlagabtausch geliefert, bis Tom und Bear die Männer getrennt hatten. Darrel zwang seine Gedanken zurück in die Realität und er sah Nathan in die Augen.

»Was, Nath?«

»Komm bloß wieder zurück, Alter.«

»Klar.«

Yvonne lächelte ihn an, aber es war ein seltsames Lächeln. Es war voller Verständnis und er meinte, dass sie etwas kommen sah, dass er verdrängen wollte.

Würde er Nathans Wunsch wirklich erfüllen?

Oder war es an der Zeit, etwas zu verändern?

1.

Neun Jahre zuvor.

Darrel warf einen Blick auf das trockene Gras am Boden und ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Soweit er sehen konnte, gab es nichts außer Büschen, einzelnen Pinien, einigen Rindern und die typische rote Erde Australiens.

Tief sog er die Luft ein und versuchte sich den Geruch einzuprägen, um ihn nicht zu vergessen. Wenn Freiheit einen Duft hatte, dann musste es wohl der sein. Das Aroma von verdorrtem Gras, gemischt mit Wind, der tausende Meilen über das Land gekommen war, um sich hier mit dem Geruch von Pferden und Rindern zu vermischen.

Hatte er die richtige Entscheidung getroffen?

Wollte er all das wirklich zurücklassen?

Ja, er war nicht der geborene Farmer und sein Vater nahm es ihm nicht übel, dass sein einziges Kind die Farm nicht weiterführen wollte. Darrel hatte zwar keine Ahnung, wer das riesige Grundstück mit den Unmengen Ländereien einmal übernehmen würde. Er wusste nur, dass er es nicht war. Er würde seinen Kindheitstraum weiter verfolgen.

Er nahm die Zügel wieder auf und strich über das samtweiche Fell seines Pferdes. Das war etwas, das er zweifelsohne vermissen würde. In vierundzwanzig Stunden würde er im Auto sitzen und Stunden über sandige Pisten fahren, bis er irgendwann Melbourne erreichen würde. Seinen großen Traum hatte er sich erfüllt. Er hatte die Ausbildung zum Polizisten hinter sich gebracht. Was ihm aber niemand gesagt hatte, war, wie schwer es sein würde, einen Job im Outback zu bekommen. Ihr alter Sheriff würde zwar sehr bald in Rente gehen, aber der Job war schon einem anderen Mann zugesagt worden.

Als Kind hatte Darrel immer davon geträumt, einmal wie Sheriff Harris von Farm zu Farm zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Davon, Viehdiebe zu stellen und für jeden Bewohner als Helfer in der Not zu gelten. Seine Schulleistungen hätten noch für viel mehr gereicht als nur den Dienst bei der Polizei. Seine Mutter hatte darauf bestanden, dass er sich zum Fremdsprachenkorrespondent oder Übersetzter ausbilden ließ. Immer wieder lag sie ihm in den Ohren, dass er sein besonderes Talent für Sprachen nicht vergeuden durfte. Er hatte aber keine Lust und auch keine Geduld auf einen Job, der sich nur auf Sprachen bezog. Neue Sprachen zu lernen war ihm schon immer leicht gefallen und er fand das auch durchaus praktisch, aber daraus einen Beruf zu machen, war ihm nie in den Sinn gekommen.

Er presste seine Schenkel an den warmen Körper von Tango und das Pferd wusste sofort, was Darrel von ihm verlangte.

»Lass uns heim, Dicker. Sonst sucht der Alte uns noch.« Darrel schnalzte mit der Zunge und trieb seinen treuen Gefährten an.

Wann würde ihm das nächste Mal der Wind an den Haaren zerren?

Wann würde er das nächste Mal die donnernden Hufe seines Pferdes hören?

Würde er es schaffen, mindestens zwei Mal im Jahr hierher zurückzukommen?

Sicher, er würde es noch viel öfter schaffen. Drei Jahre hatte er nun schon mehr oder minder als Pendler verbracht. Wobei das Pendeln sich darauf beschränkt hatte, alle drei oder vier Monate hierher zurückzukehren. An den Ort, an dem er eine unbeschwerte Kindheit erlebt hatte. Aber er hatte sich gegen das Leben entschieden, das seine Eltern sich aufgebaut hatten, auch wenn er die Freiheit noch so sehr genoss, die es mit sich brachte. Keine Auszeit und keinen Urlaub zu haben, war einer von vielen Gründen, die ihn dazu bewogen hatten sich für den Job des Polizisten zu entscheiden.

Als er in der Ferne das Windrad erkennen konnte, das hinter dem Haupthaus der Farm stand, trieb er Tango ein letztes Mal an. Ihm war bewusst, dass sein Pferd mit seinem endgültigen Weggang an einen der Arbeiter übergehen würde, oder, was Darrel nicht gut heißen konnte, an einen der Rucksacktouristen, die regelmäßig auf der Farm halfen, um ein wenig Urlaub vom Alltag zu machen. Viel zu schnell hatte er die Tränken am Windrad erreicht. Er rollte mit den Augen, als er das quietschende Geräusch vernahm, das seit einiger Zeit immer wieder zu hören war, wenn die Pumpe Wasser nach oben förderte. Es wurde Zeit, dass die alte Pumpe ausgetauscht wurde, aber sein Vater würde wohl erst eine neue besorgen, wenn die alte endgültig den Geist aufgegeben hatte.

Er schwang sein Bein über den Rücken seines Pferdes und glitt zu Boden. Ein seltsam bedrückendes Gefühl machte sich in ihm breit, als er die Zügel über den Kopf von Tango zog, der ihn aus großen dunklen Augen ansah.

Konnte ein Pferd vorwurfsvoll schauen?

Quatsch.

Darrel schüttelte den Kopf, als er die Zügel über einen Pfosten des Zaunes warf und den Sattel vom verschwitzten Rücken des Pferdes nahm. Er legte den Sattel über die oberste Latte des Zaunes, drehte sich um und ließ seine Hände ein letztes Mal über das beinah sandfarbene Fell von Tango gleiten.

»Hey, Darrel.«

Er zuckte zusammen, als er die helle Stimme einer jungen Frau vernahm und stieß den Atem aus, als sich seine Vermutung bestätigte. Er hatte nicht mal eine Ahnung, wie die blonde Frau hieß, die nun mit einem freudigen Grinsen auf ihn zu kam. Seit er vor einer Woche angekommen war, tauchte sie ständig an jeder Ecke auf, beinah als würde sie ihn verfolgen.

»Hey.« Er sah über den Hals von Tango und strich mit seinen Fingern durch die dunkle Mähne. Sie hatte ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden, an dem überall einzelne Strähnen wild heraushingen. Sie trug eine dunkle Jeans und ein hellblaues Hemd, das aussah, als hätte sie mit Absicht die obersten Knöpfe nicht geschlossen, da er den Ansatz eines schwarzen Spitzen-BHs erkennen konnte.

»Soll ich dir Tango abnehmen?« Sie blieb mit einem verführerischen Lächeln neben Tango stehen und sah ihm über den Hals des Pferdes hinweg an.

»Nein, danke. Heute mach ich das selber. Ist mein letzter Tag hier«, erwiderte er kühl, und freute sich, als ihr die Gesichtszüge entglitten. Das war eine Tatsache, die er ihr bisher verschwiegen hatte.

»Dein letzter Tag? Wo gehst du hin?« Sie klang deutlich verwirrt und Darrel musste sich daran hindern, einfach loszulachen. Sie sah wirklich entsetzt aus. Sollte sein langjähriger Freund Alex doch recht haben und das junge Küken hatte sich in ihn verliebt? Allein der Gedanke ließ ihn schnauben. Sie war viel zu jung, zu aufgedreht und schien nur auf ihr Äußeres bedacht zu sein.

»Was denn?«, fragte sie etwas schnippisch und beobachtete, wie er Tango in den Paddock führte und das Halfter abzog.

»Lauf, Großer«, murmelte er geistig abwesend, als er sich wieder zu der jungen Frau umsah, die ihn beobachtete.

»Ich mag Männer, die mit Tieren reden.« Ihr Grinsen wurde immer breiter.

Und er mochte Frauen, die den Mund hielten, aber das behielt er besser für sich.

»Hey, Darrel. Wo bleibst du? Dein Bier wird warm.«

Erleichtert seufzend sah er seinen Freund Alex auf sie zukommen. Selten war er so froh gewesen, den braun gebrannten Weiberhelden zu sehen, mit dem er seine Jugend verbracht hatte. Alex war der Sohn von Harry Ryan und lebte einige Kilometer entfernt auf einer riesigen Rinderfarm. Darrel wusste nicht mehr, wie oft er schon vor seinem sechzehnten Geburtstag einfach in den Landrover seines Vaters gestiegen war, um die vierzig Kilometer zu Alex zurückzulegen und ein paar Bier zu trinken.

»Ey, träumst du?«

Darrel blinzelte und sah, wie Alex seinen Arm um die Frau legte, die nicht begeistert aussah, als Alex sie an sich zog.

»Fiona, was hast du mit ihm gemacht? Der hat ja die Reaktionszeit eines Faultieres.«

»Ich hab gar nichts gemacht«, fiepste sie. Darrel sah grinsend zu, wie Fiona versuchte, sich von Alex zu trennen. Ihm war nicht klar, warum sie versuchte sich einem Mann zu entwinden, der derart gut aussah. Alex war mit seinen einsfünfundsiebzig zwar kleiner als er, womit Darrel ihn immer wieder aufzog, bot aber einen durch Training gestählten Körper, der normalerweise dafür sorgte, dass es Alex war, der reihenweise Frauen abbekam.

»Alex, lass mich los.« Wieder versuchte sie, sich von den kräftigen Armen zu lösen.

»Och, Fee«, schmollend presste Alex die Lippen zusammen und sah aus wie ein kleines Kind, dem man im Hochsommer das Eis aus der Hand gerissen hatte. Lachend beobachtete Darrel, wie Alex der kleinen Blondine einen Kuss auf die Lippen presste, den sie nicht haben wollte.

»Lass mich los, du Arsch.« Wieder versuchte sie, sich von ihm zu befreien. Alex löste seinen Griff und Fiona verschwand großen Schrittes in Richtung Haupthaus.

»Ey, irgendwann gerätst du noch an die Falsche. Du weißt, dass das strafbar ist. Die ist nicht mal siebzehn.« Darrel ging auf Alex zu, der immer noch breit grinsend dastand.

»Ja, weiß ich. Aber die Kleine ist einfach zu süß. Und ich glaube, ich habe eine Chance, wenn du endlich weg bist. Dann wird sie sich in meine Arme flüchten und ich werde sie trösten.« Darrel schüttelte den Kopf und sie machten sich schweigend auf den Weg.

Vor ihnen lag das große, aus hellem Sandstein erbaute Haupthaus. Das Haus, in dem Darrel geboren war. In dem das Leben das gesamte Jahr über tobte. Wo es nie Stillstand gab. Darrel legte den Kopf schief, als ihm seine Gedanken bewusst wurden. Dort tobte nicht das Leben. Dort tobte sein Vater, wenn die Arbeit nicht so getan wurde, wie er es sich vorstellte. Im Haupthaus hatte er zwar viel Zeit verbracht, aber am meisten Spaß hatte er immer in den Nebengebäuden bei den Angestellten, in den Ställen oder auf dem Rest der Farm gehabt.

»Hey, was machst du für ein Gesicht?« Alex riss ihn aus seinen Gedanken. »Ist wohl doch nicht so toll in der großen Stadt, oder?« Die hochgezogenen Augenbrauen rundeten den fragenden Gesichtsausdruck seines Freundes ab.

»Weiß nicht«, erwiderte Darrel und ging an Alex vorbei. Er wollte nicht reden und wenn es nach ihm gehen würde, hätte seine Mutter auch keine Abschiedsfeier organisiert. Am liebsten wäre er einfach in den Wagen gestiegen und gefahren. Aber nein, nun musste er sich den gesamten Abend immer und immer wieder von seinen Freunden verabschieden, bis diese sich sicher erst am frühen Morgen in die Betten der Gästezimmer zurückziehen würden. Er schnaubte unbewusst, was Alex damit bedachte, dass er ihm den Ellenbogen in die Rippen schlug.

»Komm, hör auf mir zu erzählen, dass es dir Spaß macht.«

»Hab ich das je gesagt? Aber wenn hier keine Stelle frei ist, muss ich wohl oder übel nach Melbourne. Ich habe keine Lust hier draußen zu versauern«, knurrte er.

»Darrel White.« Alex griff nach seinem Arm und hielt ihn fest. Er drehte sich zu seinem Freund um und bemerkte den ernsten Ausdruck in den braunen Augen. Auch dass Alex auf seine Unterlippe biss, entging ihm nicht. Ihn schien etwas wirklich sehr zu beschäftigen.

»Was?«

»Erzähl mir nicht, dass du die Stadt dem, was du hier hast, vorziehst. Das ist eine Lüge, das weißt du. Alter, dein Leben war immer hier, auch wenn du Rinder und Schafe nicht magst. Von Pferden hast du viel Ahnung und warst du es nicht, der mich gefragt hat, ob ich Tango nehme? Hör auf, Darrel. Du wirst das hier vermissen. In Melbourne hast du kein Pferd, keine Möglichkeit mal über Stunden hinweg niemandem zu begegnen. Ich freue mich für dich, dass alles so geklappt hat, wie du es dir vorgestellt hast, aber ich glaube nicht, dass du das auf Dauer aushältst.« Alex sprach unheimlich schnell und Darrel wurde das Gefühl nicht los, dass eben diese Worte bereits seit Stunden, wenn nicht sogar seit Tagen im Inneren seines Freundes gebrodelt hatten. Und was noch viel schlimmer als die hektischen, vorwurfsvollen Worte seines Schulfreundes waren, war die Tatsache, dass er recht hatte. Melbourne war eine Stadt voller Menschen. Dicht an dicht, keine Luft zum Atmen und kein Platz zum Leben. Seufzend sah er seinen Freund an.

»Sag, dass ich recht habe und dann komm, das Bier wird warm. Außerdem muss ich mir Fiona warmhalten, die will sicher getröstet werden, wenn du weg bist.«

Darrel konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, als Alex sich lasziv mit der Zunge über die Lippen fuhr. Hatte sein Freund doch tatsächlich vor, das junge Mädchen zu verführen. Aber bei all dem, was ihn gerade zum Schmunzeln brachte, brannten sich die Worte von Alex in sein Gehirn und er stellte sich einmal mehr diese eine Frage. Würde er in einer Stadt wie Melbourne, wirklich glücklich werden? Er ließ sich von Alex zur Terrasse schieben, auf der seine Mutter einige Tische gedeckt hatte. Die meisten Nachbarn waren bereits angekommen und Darrel überlegte, wann er sie alle das letzte Mal so zusammen gesehen hatte. Erst die Worte von Miss Norris halfen seinem Gedächtnis auf die Sprünge.

»Darrel, ich freu mich, dass ich hier sein darf. Ich hab dich vor vier Jahren das letzte Mal gesehen, weißt du das noch?« Miss Norris war mit ihren achtundsiebzig Jahren nicht nur die älteste Nachbarin, sie wohnte von allen auch am weitesten entfernt. Darrel fiel nach einigen Sekunden ein, was vier Jahre zuvor passiert war. Man hatte Mister Norris tot im Paddock aufgefunden und, wie sich schnell herausstellte, war der Stier Schuld am Tod des liebenswerten Farmers gewesen. Das tonnenschwere, gutmütige Tier hatte Mister Norris das Gatter an den Kopf geschlagen.

Darrel sah sich kurz um und stellte fest, dass alle Plätze belegt waren. Alex hatte sich auf einer Bank neben Fiona niedergelassen, die Darrel schmachtend ansah. Seine Eltern und die Mitarbeiter hatten auf der Terrasse die Tische und Bänke aufgestellt. Die großen Bäume schützen vor der Sonne und der blühende Lavendel verteilte schon seit Tagen seinen Duft überall. An den Stellen, an denen die Sonne den ganzen Tag erbarmungslos auf die zarten Halme brannte, wurde aus dem Grün schnell ein helles Braun, was aber nicht hieß, dass kein Leben mehr vorhanden war. Sobald der Regen kam, dauerte es gewöhnlich nur wenige Tage und das Grün kehrte zurück. Lustlos ließ er sich neben Miss Norris nieder. Er als attraktiver Junggeselle saß neben einer Frau, die ihre besten Jahre bereits weit hinter sich gelassen hatte.

Das makabere Auflachen konnte er im letzten Moment verhindern. Er starrte seine verschmutzten Turnschuhe an. Seine Jeans hatte ebenso, wie die Schuhe bereits bessere Zeiten erlebt. So würde er sich nicht in Melbourne zeigen können.

»Deine Eltern können stolz auf dich sein, Darrel«, platzte seine Sitznachbarin in seine Gedanken.

»Möglich«, erwiderte Darrel träge, ohne die Frau mit den fast weißen Haaren genauer anschauen.

»Es ist schön, dass du deinen Weg gehen willst, Darrel. Ich weiß noch, wie du als Kind auf deinem Pferd bei uns aufgetaucht bist, als man uns die Rinder gestohlen hat und du dem Sheriff helfen wolltest. Schon damals wolltest du zur Polizei.«

Vor Darrels Augen tauchten Erinnerungen auf, die er längst verdrängt hatte. Aber diese Erinnerungen hatten weniger mit dem Diebstahl der Rinder zu tun, als mit dem Ärger, den er sich von seinen Eltern eingeheimst hatte, als sie ihn gesucht hatten.

»Vielleicht kannst du ja irgendwann mal hier einen Job annehmen. Bei mir bist du immer auf einen Kaffee oder ein Bier willkommen.«

Darrel beobachtete, wie Mrs. Norris einen Schluck Kaffee nahm und er sah seine Mutter mit einer neuen Kanne Kaffee auf sie zukommen.

»Das Fleisch ist gleich fertig. Darrel, es wäre nett, wenn du deinem Vater am Grill hilfst.«

Er seufzte. Nun musste er an seinem letzten Tag auf der Farm auch noch die hungrige Meute von Nachbarn versorgen. Er erhob sich und ließ seinen Blick nochmals über die Anwesenden schweifen. Es würden Monate vergehen, bis er sie wiedersah. Auch wenn er schon in der Ausbildung selten hier gewesen war, jetzt würde es sicher noch seltener werden.

»Darrel, warte mal.«

Er wollte gerade seiner Mutter folgen, als er die helle Stimme von Fiona vernahm, die aufgestanden war und auf ihn zukam. Alex drehte sich um und sah ihn schulterzuckend an.

»Was denn? Ich wollte meinem Dad helfen.«

»Musst du wirklich gehen?« Sie warf sich ihm an den Hals, ehe er sie zurückhalten konnte und ihm zog der fruchtige Duft ihres Parfums in die Nase. Genervt griff er nach ihren Armen und schob sie von sich. Ein kurzer Blick zur Seite ließ ihn auf das breite Lächeln von Mrs. Norris treffen. Er rollte mit den Augen. Alleine der Gedanke an das, was die ältere Dame nun denken mochte, behagte ihm nicht.

»Ja, Fiona, muss ich. Nun lass mich bitte gehen, sonst bekommt hier keiner etwas zu essen.« Er registrierte Alex, der aufgesprungen war und mit einem Glas in der Hand auf sie zukam.

»Ich hab dir doch eben schon gesagt, dass er heute keine Zeit hat. Aber hey, wenn er weg geht, bleibt mehr Zeit für uns.« Alex Lippen wollten sich auf Fionas Hals legen, aber sie riss den Kopf zur Seite, schnappte sich ihr Glas und verschwand wieder in die Richtung des Tisches, von dem sie gekommen war.

»Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mich nicht mag.« Alex lachte auf und machte Anstalten, der jungen Frau zu folgen. Darrel legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes.

»Lass sie. Sie will dich nicht.«

»Das werden wir noch sehen. Ein paar Whiskey noch und ich...«

»Alex, lass es.« In Darrel keimte ein seltsames Gefühl auf, als er den schmachtenden Blick seines Freundes bemerkte.

»Hey, ich will nur ein wenig Spaß haben und sie sicher auch.«

Darrels Griff wurde fester. »Vergiss es, Alex!«, zischte er seinem Jugendfreund ins Ohr.

»Ach, hör auf, Darrel.« Alex wandte sich zur Seite und entkam so seinem Griff. Nur widerwillig ließ er seinen Freund ziehen und beobachtete mit einem flauen Gefühl in der Magengegend, wie Alex sich Fiona näherte, seine Arme um sie legte und ihr etwas zuflüsterte. Da sie keine Anstalten machte, sich von seinem Freund zu lösen, beließ Darrel es bei dem Gedanken, später nochmals zu schauen was Alex trieb, und leistete seinem Vater am Grill Gesellschaft.

2.

Einige Stunden und viele Biere später, sank Darrel müde, satt und erschöpft auf die Bank vor dem Haus. Einige der Nachbarn hatten sich wieder auf den Weg zurückgemacht. Drei, zu denen auch Mrs. Norris zählte, waren in den Gästezimmern untergebracht und ihre Mitarbeiter hatten schon vor Stunden ihre Betten aufgesucht, um am nächsten Morgen ausgeruht ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Darrel starrte auf den Horizont, an dem er im Mondschein die Umrisse einiger Bäume erkennen konnte. Er würde die hier herrschende Stille vermissen. Er vermisste sie eigentlich jeden Tag, den er in Melbourne verbracht hatte. Nur war es jetzt ein seltsames Gefühl. Vor Jahren hatte er gehofft, dass er seine zukünftige Arbeitsstelle hier finden würde und somit hatte es sich nicht schmerzhaft angefühlt, seine Ausbildung in der Millionenstadt zu machen. Dass er die Stelle, die er gerne gehabt hätte, nun nicht bekommen und jetzt einen Job in Melbourne angenommen hatte, machte alles so endgültig. Vorher war es ein eingegrenzter Zeitraum, aber jetzt?

Er schloss die Augen. Lauschte auf das Zirpen der Grillen. Es würde ihm fehlen. Er würde die Ruhe, den Duft und das Leben hier vermissen.

Ein spitzer Schrei gefolgt von einem lauten Fluchen ließ ihn aufschrecken. Kurz lauschte er, von wo der plötzliche Lärm kam. Darrel musste nicht lange überlegen. Das wilde Geschrei, das beinah wie ein Weinen klang, kam aus dem Gebäude, in dem ihre Mitarbeiter in kleinen Zweizimmerappartements untergebracht waren. Er sprang auf, rannte auf das niedrige lange Gebäude zu und sah erste Zimmer, in denen das Licht eingeschaltet wurde. Das Geschrei wurde wüster und er beeilte sich noch mehr, als ihm klar wurde, wer da schrie. Es waren Fiona und Alex. Ohne zu klopfen, riss er die blaue Tür von Fionas Appartment auf und sah die junge Frau in ihrem Bett sitzen. Sie hatte sich die geblümte Decke schützend vor die Brust gezogen und starrte Alex an, der mit nacktem Oberkörper und geöffneter Hose vor ihrer Schlafstätte stand.

»Stell dich nicht so an, Kleine«, lallte sein Freund und schien Darrels Anwesenheit nicht einmal zu bemerken. Dass Alex eindeutige Absichten hatte, war nicht mehr zu übersehen. Darrel sammelte sich einen Moment und sah die Tränen in Fionas Augen. Hatte sein Freund wirklich vorgehabt, eine junge Frau ... Er schüttelte den Kopf, allein der Gedanke war ihm zuwider.

»Alex, raus hier! Sofort!«, schrie er Alex an, der erschrocken zusammenzuckte.

»Was machst du hier?« Die Worte waren kaum verständlich und Darrel wurde klar, dass sein Freund viel zu viel getrunken hatte, aber das war keine Entschuldigung für sein Verhalten.

»Die Frage sollte ich dir stellen. Komm raus hier und zieh dir was an.« Darrel bemühte sich ruhig zu bleiben, als er Alex aus dem Zimmer schob.

»Was ist hier los?« Darrels Vater kam mit einer Taschenlampe aus der Dunkelheit auf sie zu. Darrel stand der Schweiß auf der Stirn. Er hatte keine Ahnung, was er seinem Vater sagen sollte. Inständig hoffte er Fiona würde schweigen und er müsste nicht erklären, warum sein Jungendfreund mit heruntergelassener Hose im Zimmer der jungen Frau stand.

»Nichts, Mister White. Ich glaube, Alex hat sich im Zimmer geirrt und ich bin ehrlich gesagt gerade zu Tode erschrocken.« Fiona war in ihre Decke gehüllt hinter Darrel in die Tür getreten und er war sich sicher, dass man den Stein, der ihm vom Herzen fiel, hätte hören müssen. Erleichtert stieß er den angehaltenen Atem aus, als er sah, wie sich das verärgerte Gesicht seines Vaters zu einem amüsierten Grinsen wandelte. »Alex, Alex«, lachend und ohne weitere Worte verschwand sein Vater wieder Richtung Haupthaus und Darrel war froh, dass sein alter Herr ihm zutraute, mit einem Betrunkenen fertig zu werden.

»Komm Alter, ab ins Bett mit dir.« Darrel drehte sich kurz zu Fiona um, die ihn anlächelte. »Danke, dass du ihn nicht in die Pfanne gehauen hast. Der weiß morgen eh nichts mehr.«

»Kein Ding, Darrel, ich hab mich echt erschrocken.« Lächelnd drehte sie sich um und schloss die Tür hinter sich. Er schob seinen Freund vor sich her und musste ihn mehrfach daran hindern, einfach vorn über zu fallen.

»Ey, das besprechen wir morgen«, knurrte Darrel wütend, als sie auch am Haupthaus angekommen waren.

»Wir bereden das beschtümt morgen, Schneckchen«, lallte Alex.

»Oh ja.« Darrel war nicht nach Lachen zumute. Alleine der Gedanke, dass Fiona seinen Freund eben in Schutz genommen hatte, obwohl er eindeutige Absichten gehabt hatte, behagte ihm nicht.

Alex war ein Weiberheld, aber Darrel konnte sich nicht vorstellen, dass er sich mit Gewalt das beschaffen würde, was er wollte. Er packte Alex fester an den Armen, als sie die Holzveranda betraten und er war sich nicht sicher, ob er seinen Freund mit rein nehmen sollte oder ob es sinnvoller wäre, ihn draußen auf die Bank zu legen, damit er ausnüchtern konnte.

Alex war es, der ihm die Entscheidung würgend abnahm. Darrel machte einen Schritt zur Seite, als der Mann sich von seinem Abendessen trennte und torkelnd auf die Bank zuging, die das ganze Jahr draußen stand. Zu dieser Jahreszeit musste er kein schlechtes Gewissen haben, wenn sein Freund draußen schlief. Das Einzige, was ihm passieren konnte, waren steife Glieder am frühen Morgen, aber das war sicher das kleinste Übel für Alex.

3.

Träge streckte Darrel sich und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Die Bretter der Veranda hatten die ersten Sonnenstrahlen in sich aufgenommen und wärmten so seine nackten Füße. Es schien, als wäre er der Erste an diesem Morgen. Die halbe Nacht hatte er wachgelegen, um seine Gedanken zu sortieren. Erst nachts um drei war er sich endgültig sicher gewesen, dass er den richtigen Weg einschlug. Immer wieder hatten ihn während dieser Zeit Zweifel heimgesucht und immer wieder hatte er begonnen, das Für und Wider abzuwägen. Bis er schließlich an einem Punkt angelangt war, der ihm sagte, dass seine Entscheidung die einzig Richtige war, wenn er Menschen helfen wollte. Ein Stöhnen, das von der Bank kam, ließ ihn zur Seite sehen. Alex hatte sich seine Beine von der hölzernen Bank geschoben und stützte nun seinen Kopf mit den Händen. Darrel konnte sich ein gefälliges Grinsen nicht verkneifen, als er auf ihn zu ging.

»Hey, Alex. Wieder wach?« Darrel sank neben seinem Freund auf die helle Bank und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Boah. Komm lass mich in Ruhe«, murmelte der Mann, der hoffentlich nicht mehr wusste, was er die Nacht zuvor getrieben hatte.

»Na komm. Wer saufen kann, kann auch arbeiten«, lachend erhob Darrel sich wieder, »Willst du noch einen Kaffee mit mir trinken, bevor ich fahre?«

»Alter, ich hab voll den Filmriss und du willst, dass ich Kaffee trinke?«, stöhnend fasste Alex sich an den Kopf.

»Sei froh.« Darrel ging Richtung Haustür und hörte, wie Alex sich langsam erhob.

»Okay, einen Kaffee und du erzählst mir, was ich getan habe.«

»Ich glaube, das willst du nicht wissen.«

»So schlimm?« Alex war neben ihm angelangt und hatte weiß Gott schon bessere Tage gesehen. Darrel zog der sauere Geruch von Erbrochenem in die Nase und er war versucht, seinen Freund unter die Dusche zu schicken.

»Frag einfach Fiona.« Darrel deutete mit dem Kopf Richtung Bad. Er würde sich nicht mit diesem Mann an einen Tisch setzen, solang ein derart abartiger Geruch von ihm ausging.

»Hey, guten Morgen, Alex.« Die Stimme seines Vaters hallte durch den Flur und Alex verzog das Gesicht. Darrel konnte sich vorstellen, wie die Stimme des Mannes durch den Kopf von Alex hallte und ihm so die Farbe aus dem Gesicht trieb.

»Mister White«, brachte Alex heiser hervor.

»Na, ausgeschlafen? Hast du dein Bett noch gefunden? Wehe, ich erwische dich noch mal in einem der Zimmer meiner Angestellten. Ihr könnt machen, was ihr wollt, aber nicht auf meinem Grundstück. Darrel, du musst in einer Stunde los, sonst schaffst du das heute nicht mehr.«

Bevor Darrel antworten konnte, war sein Vater zur Tür verschwunden.

4.

Stunden später dämmerte es bereits wieder und Darrel war nur noch wenige Kilometer von seinem neuen Zuhause entfernt. Er drehte einen Pappbecher mit heißem Kaffee in der Hand und dachte an Alex, der nicht in der Lage gewesen war, beim Katerfrühstück seinen Kaffee bei sich zu behalten. Wenige hundert Meter entfernt von der Tankstelle, an der er gerade stand, befand sich die St. Kilda Police-Station, in der er am nächsten Morgen seinen ersten Diensttag verrichten würde.

Sein kleines Appartment lag knappe zwei Kilometer entfernt in der Nähe des Botanical Gardens. Er hatte die Wohnung bewusst gewählt, da er hoffte, dass der kleine Park ihm helfen würde, das eventuell aufkommende Gefühl der Enge zu verdrängen. Er war kein Stadtmensch, aber er hatte sich nun dazu entschieden einer zu werden, also musste er damit leben, dass er den Park in weniger als dreißig Minuten durchquert hatte, in einer Zeit, in der er auf der Farm nicht einmal das Ende einer Koppel erreicht hätte.

Er stöhnte leise auf, als er wieder auf den Sitz seines Fords sank und den Motor startete. Das Fahren in der Stadt war ihm zwar auf Grund seiner Ausbildung nicht fremd, aber doch war es ein seltsames Gefühl, sich wieder in die Schlange von Fahrzeugen einzureihen, die sich nur langsam durch den Feierabendverkehr quälten. Er hätte doch früher fahren sollen. Sein Blick fiel auf ein paar junge Frauen, die vor ihm an einer Ampel die Straße überquerten und ihn interessiert musterten. An Frauen würde es ihm hier wohl nicht mangeln. Er lächelte einer jungen Blondine zu, die ihn verstohlen etwas länger angesehen hatte.

Die Ampel schaltete auf Grün und er fuhr wieder an. Sein Weg führte an Häusern verschiedenster Art vorbei. Roter Backstein wechselte sich mit Fertighäusern aus grauem Beton ab und die Seitenstreifen waren mit Autos zugeparkt. Seinem Navi war es zu verdanken, dass er nach weiteren dreißig Minuten das Haus wiedergefunden hatte, in dem er von nun an wohnen würde. Er fuhr vor die Garage und atmete aus. Er hatte es geschafft. Müde lehnte er sich im Sitz zurück, als er den Zündschlüssel abzog.

Da war er nun.

In Melbourne.

Mitten in seinem neuen Leben, das am nächsten Morgen beginnen sollte. Inständig hoffte er, dass er nicht in wenigen Minuten in einer leeren Wohnung stehen würde. Die Möbelpacker hatten ihm fest zugesagt, alle Sachen in seine neuen vier Wände zu schaffen und dort aufzubauen, damit er weniger Arbeit hatte.

Während seiner Ausbildung hatte er mit drei Kollegen in einer WG gelebt, die sie vor einigen Wochen aufgelöst hatten, da nun jeder eine eigene Wohnung bezog. Von der langen Fahrt und trotz des Kaffees träge geworden, stieß er die Wagentür auf und stieg aus. Die hintere Tür seines Fords quietschte in einem grellen Ton, als er sie aufzog, um seinen Rucksack von der Rückbank zu nehmen. Er starrte die beiden dunklen Koffer an, in denen er unter anderem seine ordentlich gebügelte Uniform verstaut hatte.

Sollte er sie jetzt gleich mit rein nehmen?

Dann könnte er sich auf sein Sofa fallen und den Abend ausklingen lassen. Von sich und seiner Trägheit gefrustet, stieß er ein Schnauben aus, und zog die schweren Koffer aus dem Wagen.

»Was du heute kannst besorgen ...«, knurrte er, als er sich den Rucksack über den Rücken warf und die Koffer in die Hände nahm. Er ging auf die dunkle Tür zu, hinter der sich sein neues Zwei-Zimmer-Reich verbarg. Mit den Koffern vor den Füßen wanderten seine Hände in seine Hosentaschen, wo er neben einem Leckerli für Tango den Wohnungsschlüssel fand. Das leise Klacken, als er die Tür aufschloss, ließ ihn unbewusst die Augen schließen.

Warum fühlte sich das alles so seltsam an?

Er hatte bereits Jahre in Melbourne verbracht, da kam es auf einige mehr nicht an. Sehr wahrscheinlich war es der Umstand, dass er nun alleine war. Da waren keine Kollegen, mit denen er abends ein Feierabendbier trinken konnte, geschweige denn jemand, dem er den Abwasch zuschieben konnte, wenn er keine Lust darauf hatte. Der Geruch von kaltem Rauch und Bier schlug ihm entgegen.

»Na wunderbar«, murrend suchte er mit seinen Fingern den Lichtschalter. Was er bereits im Dämmerlicht an Umrissen bereits erahnt hatte, bestätigte sich, als das Licht aufflammte. Die Möbel waren alle da, aber auf dem Wohnzimmertisch stand ein übervoller Aschenbecher, flankiert von Bierdosen. Seine helle Couch war mit Krümeln übersät und überhaupt sah es in der ganzen Wohnung so aus, als hätte jemand eine Party gegeben.

Er ließ seinen Blick zu der alten Küchenzeile schweifen. Die Schranktüren standen offen und auf dem Boden stapelten sich die Kartons mit dem Geschirr. Immer noch in der Tür stehend und den Blick nach rechts in die Küche gerichtet, zog er genervt seine Koffer in die Wohnung. Aufräumen. Sollte das nun wirklich seine Arbeit für den heutigen Abend sein? Nachdem er den ganzen Tag im Auto verbracht hatte?

Er hatte keine andere Wahl. Er musste das Chaos beseitigen. Auch wenn er sich wünschte, dass just in diesem Moment die Männer des Umzugsunternehmens zur Tür hinein kamen und er sie zur Verantwortung ziehen könnte. Seufzend ließ er sich auf seinem Sofa nieder.

Es half alles nichts.

Da er ein solches Chaos nicht ausstehen konnte, würde er den Müll der Männer entsorgen müssen. Ein Teil von ihm weigerte sich wieder aufzustehen, aber er überwand seinen inneren Protest. Angewidert sammelte Darrel drei Bierdosen ein und ging auf die Küchenzeile zu. Er stellte die Dosen ab und zog eine Schublade auf, nur um festzustellen, dass dort nicht das war, was er gesucht hatte. Die Hoffnung, dass er seine vier Wände schnell auf Vordermann bringen würde, zerplatzte wie eine Seifenblase. Er hatte weder Müllsäcke im Haus, noch, wie er Minuten später feststellte, etwas zu essen.

Hin und hergerissen von dem Wunsch, seine vier Wände so herzurichten, dass er sich wohlfühlen konnte, und dem Gedanken, dass er am nächsten Morgen um sieben auf der Wache sein sollte und eigentlich hundemüde war, starrte er die verdreckte Arbeitsplatte an und wünschte sich zurück auf die Farm. Seine Mutter wäre nun genau das, was er brauchte. Die Kühlschranktür zuschlagend, drehte er sich in Richtung Schlafzimmer. Vielleicht, so war seine Hoffnung, würde es dort nur halb so wüst aussehen und er könnte schlafen gehen. Die Arbeit im Wohnzimmer würde ihm sehr wahrscheinlich niemand abnehmen.

»Scheiß drauf«, flüsternd bewegte er sich auf die Schlafzimmertür zu und drückte sie mit etwas mehr Kraft als üblich auf, da er wusste, dass sie über den hohen Flor des Teppichs schob. Ein kurzer Blick genügte und er lehnte sich in stiller Verzweiflung gegen den Türrahmen. Das Bett stand, wie der Schrank auch, in Einzelteilen an der rechten Wand des Zimmers.

Das konnte doch alles nicht wahr sein.

Beim Blick aus dem Fenster konnte er sehen, wie die Sonne unterging und den Himmel in ein dunkles Blau tauchte. Sein Schlafzimmer lag an der Straßenseite und er konnte auf der anderen Seite der Straße, den mit Büschen bepflanzten Wall sehen, der den Park vom Rest trennte. Fluchend trat er an das Fenster, fuhr sich mit der Hand über den Nacken und sah sich im Geiste bereits dabei zu, wie er die Möbel bis in die Nacht aufbaute und am frühen Morgen völlig übermüdet seinen neuen Job antrat.

»Verfluchte Idioten«, knurrend wandte er sich dem zu, was einmal sein Bett werden sollte. Dreitausend Dollar hatte er dafür ausgegeben, dass er nun in einem Chaos saß. Dreitausend! Mit der Hand strich er sich durch das Gesicht und zwang sich, sich nicht vorzustellen, was er alles mit dem Geld hätte anstellen können.

Das schrille Läuten der Türklingel ließ ihn zusammenzucken. Wer sollte ihn um diese Zeit stören und vor allem, wer wusste, dass jemand da war?

»Ich komme.« Kopfschüttelnd über seine Worte, die völlig unnötig waren, da er mit wenigen Schritten die Wohnung durchquert hatte, trat er an die Tür. Auf der Ranch hatten seine Besucher auch mal zehn Minuten auf ihn warten müssen. Er drückte die silberne Türklinke hinunter und zog die Tür einen Spalt breit auf. Zwei Augenpaare sahen ihm freundlich entgegen und er konnte sich nicht daran hindern, die Tür weiter zu öffnen. Vor der Tür stand eine Frau mit silbernen Haaren, die ihn freundlich anlächelte. Hinter ihr stand ein Mann, der sicher ebenfalls schon über siebzig war und dem ein verhaltenes Lächeln über die Lippen huschte.

»Entschuldigen Sie die späte Störung, aber meine Frau wollte sich unbedingt noch vorstellen.« Der Mann hatte eine sanfte, tiefe Stimme und Darrel schmunzelte, als die Dame ihm nickend die Hand entgegenstreckte.

»Tessie Forsyth. Wir wohnen direkt neben Ihnen.« Ihr Lächeln war trotz ihres Alters umwerfend. Selbst die tiefen Falten, die sich um Mundwinkel und Augen bildeten, taten diesem warmen Ausdruck keinen Abbruch. Wie in Trance ergriff er die ihm gebotene Hand.

»Darrel White, freut mich, Mrs. Forsyth.« Schnell rief er sich zur Ordnung und sah nickend zu Mister Forsyth auf, »Mister Forsyth.«

»Wurde Zeit, dass wir einen neuen Nachbarn bekommen. Ich habe Sie gesehen, als Sie die Wohnung besichtigt haben. Ich hätte aber nicht damit gerechnet, dass Sie sie nehmen. Und als diese Möbelpacker hier die halbe Nacht verbracht haben, habe ich mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass Sie eine Woche später wieder hier sind«, schnatterte Mrs. Forsyth drauf los.

»Tessie, lass Mister White doch erst einmal ankommen.« Mr. Forsyth schob seine Frau ein Stück beiseite. »Wenn Sie Hilfe brauchen, scheuen Sie sich bitte nicht zu fragen«, bot er Darrel an.

»Danke, das ist nett. Ich muss mich erst einmal einrichten.« Darrel wurde bewusst, dass seine Besucher einen ungehinderten Blick in seine chaotischen vier Wände werfen konnten, da er mitten in der weit geöffneten Tür stand.

»Wie ich sehe, waren Ihre Helfer fleißig. Manche Firmen sind wirklich unmöglich. Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe benötigen, Mister White?« Kleine Fältchen bildeten sich auf der Stirn von Mr. Forsyth.

Darrel schloss kurz die Augen, als er die Frage des Mannes mit den grauen Haaren vernahm. Doch, er benötigte Hilfe, aber sollte er schon am ersten Tag um Hilfe bitten?

»Ich koche uns einen Kaffee und mein Mann hilft Ihnen, die Arbeit ihrer Helfer zu beenden.«

Perplex sah er die Frau mit den graublauen Augen an, die immer noch lächelnd vor ihm stand. Er wollte ihr widersprechen, hatte aber keine Chance mehr, da ihr Mann sich an ihm vorbei in seine Wohnung zwängte und sie über den kleinen gepflasterten Weg verschwand, der zu seinem Parkplatz an der Garage führte.

»Sie müssen mir wirklich nicht helfen, Mister Forsyth«, versuchte er zu erklären, doch sein neuer Nachbar war bereits an seiner Schlafzimmertür angekommen und strich sich durch die Haare.

»Da sollten Sie ihr Geld zurückfordern, Mister White, das ist ja wirklich die Höhe. Warten Sie, ich hole eben mein Werkzeug, dann haben wir das in einer Stunde fertig und Sie können die Nacht in einem Bett verbringen.«

Noch ehe Darrel etwas gegen den Vorschlag sagen konnte, verschwand Mister Forsyth wieder aus seiner Wohnung und ließ ihn leicht verblüfft zurück.