Taylor – Helden sterben einsam

Leseprobe

1.

»Hey, Harson, so früh heute?« 

Taylor sah auf, als er die Stimme vernahm, während er die Sunrise Bar an der Market Street betrat. Langsam ging er auf die hinterste Ecke der Bar zu und sank auf einen, mit schwarzem Leder bezogenen, Barhocker. Sein Blick wanderte durch den langgezogenen Raum zu einer vergilbten Wanduhr. Er musste Pablo, dem Barmann, recht geben. Er war früh dran. Viel zu früh. Außer ihm war noch eine Gruppe von fünf jungen Frauen anwesend, die sich eine große Schüssel Salat teilten. 

»Bier?« Pablo war zu ihm herüber gekommen und sah ihn fragend an. Der Mann mit den langen, struppigen Haaren war ihm weit lieber als der junge mit dem kurzen blonden Haarschnitt, bei dem er noch vor etwas mehr als vierundzwanzig Stunden seine Zeit verbracht hatte. Nein, er hatte sie nicht verbracht. Er hatte sie abgesessen. Wieder einmal. Pablo hatte Bier und Whiskey, sein Psychiater nicht einmal eine bequeme Couch. Außerdem hatte der junge Arzt ihm Alkohol verboten. Taylor schnaubte. Was der Mann ihm verbieten wollte, war ihm egal. Er war alt genug, um die richtigen Entscheidungen zu fällen. Er nickte dem Barkeeper zu, der ihn immer noch ansah.

»Gestern hast du noch was verpasst.« Pablo schob ihm ein Bierglas zu und Taylor wusste, dass er gleich, ob er wollte oder nicht, erfahren würde, was passiert war.

»Deine Kollegen hätten mir fast den Laden zerlegt.« 

»Das sind nicht meine Kollegen, verdammt«, knurrte er den Barmann an, der mit den Schultern zuckte und etwas Unverständliches murmelte, ehe er sich einigen Gläsern zuwandte. Wie so oft, wenn der Mann hinter dem Tresen bemerkte, dass Taylor nicht mit ihm reden wollte, griff er nach einem bereits sauberen Glas, nahm das weiße Handtuch, das er über seiner Schulter trug, und begann das Glas auf Hochglanz zu polieren. Taylor war sich sicher, dass das die Art war, mit der Pablo ihm sagen wollte ›Okay, ich sprech dich nicht wieder an‹. Aber er wusste auch, dass Pablo es wieder tun würde. Sehr bald sogar schon. Er tat es immer. Aber Taylor war dem Puerto Ricaner nicht böse drum. Eigentlich war er froh, dass Pablo immer wieder auf ihn zukam.  

Sein Blick wanderte wieder zu den Frauen, die kichernd immer wieder Salatblätter aus der großen blauen Glasschüssel angelten. 

In einer Bar wie dieser hatte er vor über zwanzig Jahren Evangeline kennen und lieben gelernt. 

Damals hatten sie beide gerade die Schule beendet und genossen die freie Zeit, ehe der Ernst des Lebens sie einholen würde. Taylors Problem war nur, dass er noch keine Ahnung hatte, wie dieser Ernst aussehen sollte. Evangeline hingegen hatte, wie es schien, ihr Leben bereits bis ins hohe Alter minutiös durchgeplant. 

Sie wollte als Anwältin erfolgreich werden und irgendwann eine kleine Familie gründen. Ein Haus kaufen oder gar selber bauen. Mit Pool und Garten und all dem Schnickschnack. Taylor hingegen war absolut unentschlossen, was seine Zeit nach dem College anging. 

Sein Dad war ein angesehener Detective und seine Mutter als Herzchirurgin ebenfalls sehr erfolgreich. Irgendwann, nach dem ersten Zusammentreffen mit Evangeline, schnappte er bei einer Tour mit seinen Freunden den Spruch auf, dass es keinen sichereren Arbeitsplatz als den bei der Army gab. Und da der Druck, den sein Vater auf ihn ausübte, was das Finden eines Jobs anging, von Tag zu Tag größer wurde, machte er sich auf den Weg zum Hafen. Dort ließ er sich von der Navy rekrutieren.

Trotz der wenigen Zeit, die ihm und Evangeline in ihrer Freizeit blieb, schafften sie es, ihre Beziehung zu vertiefen. Zu dem Zeitpunkt, an dem er sich in ihre bernsteinfarbenen Augen verliebt hatte, wusste er nicht viel über sie. Nur eines wußte er sicher, ein Leben ohne sie wäre sinnlos. Und sie musste feststellen, dass er beim Feiern gerne über die Stränge schlug. Erst mit der Zeit bemerkten sie, wie viele Gemeinsamkeiten sie hatten. Sie mochten die gleichen Filme und genossen beim Schauen der Thriller am liebsten australischen Rotwein. Sie mussten sich nicht streiten, welche Bücher im Regal landeten, da sie die gleichen Lieblingsautoren hatten. 

Taylor tat alles, um seine knappe Zeit mit ihr zu verbringen. Er begann sogar, die trockenen Gesetzestexte zu lesen, um sie beim Lernen unterstützen zu können. So langweilig es auch war, er genoss jede Minute, in der er sie abfragen konnte. Es ging ihnen nur darum, gemeinsam Zeit zu verbringen. Es war egal wie und wobei. 

Sein erster viermonatiger Auslandseinsatz im Irak wurde zu einer Belastungsprobe für seine Beziehung. Auch wenn es ihm nur drei Mal möglich gewesen war sie anzurufen, so schrieb er doch jeden Tag in Briefen das auf, was er erlebt hatte, und keiner dieser ab und an doch recht kurzen Texte, endete nicht mit den Worten: Ich liebe dich. Nie hätte er gedacht, dass er solch tiefe Gefühle für eine Frau entwickeln könnte. 

Aber die Zeit im Irak veränderte ihn auch. In ihm wuchs der Wunsch, sich den SEALs anzuschließen. Der Wunsch, das Land mit den Besten zu verteidigen, kam an dem Tag in ihm auf, als er das SEAL Team 3 beobachtete, wie sie in einer Nacht- und Nebelaktion aufbrachen. Warum hatte man ihm beigebracht mit Waffen umzugehen, wenn er sie nicht nutzen würde? Das Einzige, was er tat, war, defekte Flugzeuge an Bord eines Flugzeugträgers zu reparieren, der im Persischen Golf kreuzte. Die SEALs hingegen brachen wie Superhelden auf, kamen erfolgreich zurück und wurden von allen gefeiert. Er war der Meinung, dass er es schaffen würde, sich den Frogmen anzuschließen. 

Die gesamten Monate war seine größte Angst nicht die, von einer Kugel getroffen zu werden, sondern die, dass Eva nicht da wäre, wenn er zurückkam. Aber diese Angst stellte sich als unbegründet heraus. Eva war eine von vielen Frauen, die seine Truppe bei ihrer Rückkehr in Empfang nahmen. 

Jedes Mal aufs Neue genoss er das Wiedersehen. Im Laufe von zwei Jahren bestritt er insgesamt drei Auslandseinsätze, ehe er seinen Mut zusammennahm und die Ausbildung bei den SEALs begann.

2.

Das Scheppern der Bartür riss ihn aus seinen Gedanken und sein Blick fiel auf das inzwischen leere Bierglas in seinen Händen. Dann bemerkte er zwei Männer in Uniform, die die Bar betraten. Die Art, wie sie schweigend auf den Tresen zugingen, ließ Taylor erschaudern. Die dunkelblauen Galauniformen mit unzähligen Auszeichnungen saßen perfekt an den beiden Männern. Ihre stur auf den Tresen gerichteten Blicke sprachen Bände. 

Taylor wusste, wo sie herkamen, und auch Pablo schien zu ahnen, was sie getan hatten, ehe sie hierher gekommen waren. Pablo schenkte, ohne nachzufragen, einen doppelten Whiskey in zwei Gläser und reichte sie an die Soldaten weiter. Der Barkeeper kam wieder auf Taylor zu, nahm zwei weitere Gläser und füllte auch diese mit dem goldbraunen Getränk. Taylors Herz zog sich schmerzhaft zusammen. 

Verflucht! 

Wie viel Whiskey würde noch nötig sein, um dieses Gefühl zu vergessen? War es überhaupt möglich, Trauer in Alkohol zu ertränken? 

Nein, er schüttelte den Kopf. 

Es war einfach nicht möglich, diesen Schmerz zu vergessen. 

Es war nicht möglich, das Erlebte zu vergessen. 

Es war nicht möglich, das Gesagte zurückzunehmen. 

Erst recht war es nicht machbar, das, was er getan hatte, rückgängig zu machen. Da konnte sein Arzt noch so oft davon sprechen, wie es ihm gelingen könnte, damit zu leben.

»Semper fi, Andy.« Es war eine tiefe Stimme, die fest die Worte der SEALs aussprach, die schon lange nicht mehr nur den SEALs gehörten. Es war ein gängiger letzter Gruß. 

»Semper fi.« Taylor schluckte und prostete den Soldaten zu. Diese Worte gingen von Mal zu Mal schwerer über seine Lippen. 

Immer treu. 

Wie sollte er einem Mann gegenüber treu sein, der sich für ihn geopfert hatte? Einem Mann, der nicht mehr lebte, aber Vater geworden war? Das Wissen, dass es ein kleines Kind gab, das seinen Vater nicht kennenlernen würde, nagte an ihm. 

Der Whiskey brannte in seinem Hals und begann langsam, ihn von innen zu wärmen. Der ältere der beiden Soldaten sah zu ihm herüber. 

»Army?« 

»Nein.« Taylor hatte keine Lust zu reden. Er wollte nichts über den Verstorbenen wissen. 

»Er ist ein SEAL«, platzte es aus Pablo heraus, der einen neuen Whiskey für die Männer eingoss.

»Pablo«, fuhr Taylor den Barkeeper an. 

Konnte man niemandem etwas im Vertrauen erzählen? Musste alle Welt immer mit allem hausieren gehen? 

»Sorry.« Wie immer, wenn er etwas Unüberlegtes getan hatte, wandte Pablo sich den Gläsern zu und begann, sie zu polieren. 

»SEAL?« Der Mann Ende vierzig kam auf ihn zu.

»Außer Dienst im Augenblick«, knurrte Taylor gereizt, auch wenn er wusste, dass der Fremde vor ihm nichts von dem wusste, was ihm passiert war. Nur wenige wussten es und noch weniger wussten von dem, was danach geschehen war.

Der Soldat nickte ihm knapp zu, bestellte ein Bier für Taylor und ging wieder zurück zu seinem Kollegen, der betrübt den Kopf hängen ließ, als er das leere Glas zurückstellte.

Taylor murmelte ein »Danke«, wusste aber nicht, ob das Wort seine Kameraden erreichte. 

Die Zeit des Basic Underwater Demolition Trainings, welches kurz nur als BUD bezeichnet wurde, war für ihn und Eva die Hölle und die Erlösung daraus war die Höllenwoche. Mit jedem Tag dieser Woche kam Taylor dem Wiedersehen mit Eva ein Stück näher. Dieses Wissen und das, dass er den schlimmsten Teil seiner Ausbildung hinter sich gebracht hatte, sorgte dafür, dass die Höllenwoche lange nicht so grausam wurde, wie er es sich vorgestellt hatte. 

Auch wenn sie beide das Gefühl kannten, getrennt zu sein, so war die Zeit der Ausbildung beim BUD etwas völlig anderes. Bei den Auslandseinsätzen trennten sie tausende Kilometer, während der Ausbildung nur wenige Autominuten und ein tyrannischer Ausbilder. Der Gedanke, alles hinzuwerfen und zu flüchten, war nicht nur einmal in Taylors Gedanken aufgetaucht. 

Der Druck, den die Ausbilder aufbauten, war unerträglich für sein damals noch dünnes Nervenkostüm. Er war einer derer, die viel zu schnell den Kopf einzogen und alles ertrugen. Den Tag, als einer seiner Chiefs auf ihn zukam, würde er wohl nie vergessen. Der Mann trug immer, selbst bei Nacht, eine Sonnenbrille, aber an diesem Tag nahm er sie ab, um Taylor in einer der wenigen kurzen Pausen direkt in die Augen zu sehen. 

»Harson, du bist eine gottverdammte Heulsuse. Reiß dich am Riemen und stell dich deinen Aufgaben. Warum zum Teufel seh ich dich immer ganz hinten? Du gehörst nach ganz vorne. Das hier kannst du mit links packen, Harson, mit links, hörst du? Nimm deinen verfickten Arsch in die Hand und hör auf, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Jungs in der Sniper School warten schon auf dich. Du bist kein Loser. Aber wenn du so weitermachst, fliegst du und polierst den Rest deines Lebens Flugzeuge.« 

Diese Worte brannten sich in seine Erinnerung und waren auch Jahre später oft wieder der Grund, warum er nicht aufgab. Nur mit jedem Mal, in dem er sich diese Worte in Erinnerung rief, verblassten sie mehr und verloren den eindringlichen Ton, bis sie nur noch Worte ohne Bedeutung waren. 

Nach dieser ersten Ansprache wurde es zwar nicht leichter, aber für Taylor war es einfacher zu ertragen. Es blieb dabei, dass er die kalte Dusche hasste, wenn sie sandbedeckt vom Strand kamen. Er hasste den Sand, der bis in die letzte Hautfalte kroch und die Haut dort wund scheuerte. Er hasste die schlaflosen Nächte und das eiskalte Wasser der Bay. Mit der Zeit wurde der Hass zu Ignoranz und vielleicht war es das, was die Ausbilder erreichen wollten. Er begann, das kalte Wasser der Bay, die brennenden, wundgescheuerten Hautpartien und die ständig schmerzenden Muskeln zu ignorieren. Mit jedem Tag ging er mehr über seine Grenzen hinaus und bemerkte es nicht mehr, da es ihm egal war. 

Er begann aber auch etwas anderes zu ignorieren. Er ignorierte seine Kollegen, begann Schlägereien in der wenigen Freizeit und wäre so um ein Haar beinah aus dem BUD geflogen. Nicht weil er zu schwach war, sondern weil er plötzlich Probleme mit seiner Teamfähigkeit hatte. Was interessierten ihn andere? Die einzige Person, die ihn wirklich interessierte, war Eva. 

Nur die Stärksten beendeten neben ihm die Höllenwoche. Mit dieser Woche endere für ihn auch die Zeit ohne die Frau, die immer noch wie ein Engel auf ihn wirkte. Auch wenn sie mit ihren Locken vielleicht der einzige Engel mit braunen Haaren war. Ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten an manchen Tagen in einem hellbraun und verzauberten ihn immer wieder aufs Neue. 

Sein Wiedersehen mit Evangeline nach der härtesten Woche seines Lebens verlief im ersten Moment verhalten. Sie wollte ihm klar machen, dass er mitgenommen aussah, was er vehement abstritt. Er war ein SEAL, SEALs konnte man nicht ansehen, dass sie gelitten hatten. Zumindest dachte er das. Diese Diskussion entwickelte sich zum ersten Streit ihrer Beziehung. Und das bereits nach fünf Minuten des Wiedersehens. Nur Sekunden, nachdem er sie wild herumgewirbelt hatte und ihren Geruch in sich aufgesogen hatte, sprach sie Worte aus, die ihn wie ein Stich in die Brust trafen. 

»Du hast dich verändert. Wo ist der Mann mit der sensiblen Seite hin, Taylor?« Sie machte einen Schritt zurück, was fast noch mehr schmerzte als ihre Worte.

»Der steht vor dir«, gab er leicht irritiert zurück. Er war immer noch derselbe – oder nicht? 

»Warum empfinde ich dann keine Wärme mehr, wenn ich in deinen Armen liege?« 

Es war das erste Mal, dass er Tränen in ihren Augen sah. Dieses Gefühl war so elementar, dass er sich schwor, ihr nie wieder einen Grund dafür zu geben zu weinen. Nie wieder wollte er sie so verletzen, dass sie weinte. 

»Honey.« Er spürte wie die Fassade, die er in den letzten Wochen errichtet hatte, unter ihren Tränen zu bröckeln begann. Er zog sie an sich und musste seine eigenen Tränen zurückkämpfen, als ihre sein Shirt tränkten. Da gelang es den Tränen einer Frau, einen SEAL dazu zu bringen, dass er weinte. 

Ihm wurde klar, dass er in Zukunft auf zwei Seiten leben würde. Auf der einen konnte er bleiben, wer er war und konnte Eva der Mann sein, in den sie sich verliebt hatte. Auf der anderen musste er sich verstellen, um von seinen Kollegen akzeptiert zu werden. 

»Taylor, ich liebe dich und will nicht, dass du unglücklich wirst. Verbieg dich doch nicht.« Mit dem Finger pochte sie auf seine Brust. 

Er holte tief Luft, wollte ihr an den Kopf werfen, dass die ganze Schinderei nicht umsonst gewesen sein sollte, doch dann schluckte er seinen Ärger hinunter. Die Zeit mit ihr war einfach zu kurz, um sie mit Streitereien zu verbringen. Er hatte noch Monate vor sich, bis er endgültig zu den SEALs gehörte und in dieser Zeit würde er sie viel zu selten sehen. 

Taylor schüttelte den Kopf, er legte seine Hände an ihr Gesicht und schloss für einen Moment die Augen. Das Gefühl ihrer warmen, zarten Haut an seinen Händen holte ihn endgültig zurück in die Welt, in der er vor den SEALs gelebt hatte. Er konnte ihren rosa schimmernden Lippen nicht widerstehen. Verhalten legte er seine Lippen auf ihre, vergrub seine Finger in ihren Haaren. Der Kuss wurde schnell intensiver. Eva war es, die mit ihrer Zunge Einlass forderte. Er ließ es zu und genoss den Moment, in dem sie es war, die das Tempo bestimmte. 

Sie war für ihn ein Punkt der Ruhe. In ihrer Gegenwart war die Welt in Ordnung. Ihre Hände glitten beruhigend über seinen Rücken und er ließ sich einen Moment in das Gefühl der Geborgenheit fallen, das sie ihm gab. Viel zu schnell lösten sich ihre Lippen wieder und auch ihre Hände verschwanden von seinem Rücken. Mit ihren Daumen strich sie durch seinen Bart.

»Du musst dich dringend rasieren, Bigfoot.« Noch einmal legte sie ihre Lippen für einen kurzen Kuss auf seine. »Sonst wird das mit dem Kuscheln nichts«, hauchte sie ihm zu.

»Wir könnten das Vorspiel weglassen.« Er zog sie mit einem gespielten Schmollmund enger an sich.

»Nein, nein.« Mit einem frechen Grinsen im Gesicht legte sie ihre Hände auf seine Brust und versuchte, ihn von sich zu schieben. »Erst will ich meinen Taylor wiederhaben, den ich am Sandkasten zum Spielen abgegeben habe.« Ein neckisches Funkeln lag in ihren Augen. 

»Hast du gerade Sandkasten gesagt?« Mit gespieltem Entsetzen sah er sie an. 

»Na, vielleicht war es ja auch der Spielplatz.« 

Er hielt sie fest, als sie versuchte, sich zu befreien.

»So, Spielplatz?« Er warf einen Blick über seine Schulter, um sicher zu sein, dass niemand außer ihnen auf dem kleinen Parkplatz war. Langsam glitt er mit seiner Hand unter ihr Shirt und umfasste kurz ihre Brust. »Wie wäre es mit Spielwiese?« 

3.

»Hey, Taylor, die Jungs geben noch einen aus.« Pablo riss ihn aus seinen Gedanken, die ihn in ein weiches Kissen gehüllt hatten. Seine Hand bewegte sich träge auf den goldbraunen Whiskey zu, den der Barmann ihm bereits eingeschenkt hatte. Mit einem knappen Nicken bedankte er sich bei den beiden Männern, die ihm zuprosteten. »Semper fi.«

Taylor konnte nur nicken. Er brachte die Worte einfach nicht über die Lippen. Plötzlich war da eine Blockade, die, wie ein riesiger Abgrund, unüberwindbar wirkte. Schwer schluckend beobachtete er, wie die beiden ihre Gläser in einem Zug leerten, ehe er seines ebenfalls austrank. 

Der Whiskey tat gut. Er war anders als an anderen Tagen. Er vernebelte seinen Kopf viel schneller als sonst. Der ständige, seltsame Druck, der seit Monaten schwer auf ihm lastete, ohne dass er herausbekommen konnte, warum, ließ nach. Mit geschlossenen Augen atmete er durch. Ja, es veränderte sich irgendetwas. 

Als er die Augen wieder öffnete, sah er, wie Pablo den beiden Soldaten die Gläser abnahm. Der Barkeeper schlug das Geld aus, das sie ihm geben wollten, und erklärte, dass die Getränke aufs Haus gingen. Taylor wusste, dass Pablo selbst nie gedient hatte. Für ihn war es seine Aufgabe, die Männer zu stützen, die zurückkamen und Hilfe benötigten. Pablo sah sich als Psychologe in einer Bar. Er bot ein offenes Ohr und den Alkohol, den einige benötigten, um endlich das aussprechen zu können, was sie belastete. Alkohol war keine Lösung, das wusste Taylor. Auch Pablo wusste es. Nur manchmal half er dann doch. Er selbst hatte es in letzter Zeit immer wieder beobachtet. Entweder torkelten die Männer sturzbetrunken aus der Bar, fingen Schlägereien an, oder sie brachen mental zusammen und kamen einen Tag später mit geklärten Gedanken wieder. Nur warum funktionierte das bei ihm nicht? Das Einzige, was geschah, war, dass er von Tag zu Tag mehr benötigte, um sich wohlzufühlen. Hatte Eva recht? War er auf dem Weg zum Alkoholiker? 

»Kanntest du den, auf den sie angestoßen haben?« Der Barmann riss Taylor erneut aus seinen Gedanken, als er wieder vor ihm auftauchte.

»Nein.« 

»Hm, ich habe in letzter Zeit nichts von einem Gefallenen gehört oder gelesen.« Neugierig lagen die Augen des braungebrannten Mannes auf ihm.

»Du sollst ja auch nicht alles wissen. Vielleicht war es etwas Geheimes«, nuschelte Taylor, den Blick auf die Flaschen an der Wand hinter Pablo gerichtet. Musste dieser Mann immer solche Fragen stellen? 

»Man kann ja mal fragen.« Pablo mixte sich einen Gin Tonic mit deutlich mehr Gin als Tonic. »Dachte immer, dass über unsere Helden spätestens dann berichtet wird, wenn sie in Ausübung ihrer Pflicht umgekommen sind«, flüsterte er nachdenklich, während er an seinem Glas nippte.

»Vielleicht können sie noch nichts sagen, weil die Operation noch nicht beendet ist oder die Angehörigen möchten es nicht«, murrte Taylor erklärend. Er wollte nicht, dass die Armee in ein schlechtes Licht gerückt wurde oder irgendwelche Spekulationen über die Vertuschung von Gefallenen stattfanden.

»Hast du Familie? Kinder?« Pablos Frage bohrte sich wie ein glühendes Messer in sein Herz.

»Ja«, stieß er heißer hervor und etwas nahm ihm die Luft zum Atmen. Ein tonnenschweres Gewicht legte sich auf ihn und mit jedem einzelnen Gedanken an Eva und die Jungs vervielfachte sich der Druck auf seiner Brust. 

»Ich hab es geschafft, Honey. Ich hab es wirklich geschafft.« Seine Freude kannte keine Grenzen mehr und er konnte nicht anders als Eva anzurufen, auch wenn er in weniger als dreißig Minuten bei ihr sein könnte. Er musste es ihr einfach sagen. Sie sollte als erste erfahren, dass man ihm vor einer knappen Stunde seinen Budweiser überreicht hatte und er nun offiziell ein SEAL war. Ein echter Frogman. 

»Wow, ich bin stolz auf dich, Teddy.« 

Die sanfte Stimme am anderen Ende ließ ihn die Augen schließen, auch wenn er es immer noch nicht leiden konnte, dass sie ihn, seit er sich einen Bart wachsen ließ, Teddy nannte. 

»Kommst du heim?« 

Er konnte die Sehnsucht in ihrer Stimme hören und doch musste sie noch etwas warten, bis sie ihn sehen konnte.

»Ganz bald, ja? Ich muss nur noch was erledigen, dann komme ich heim.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »In eineinhalb Stunden bin ich da.« Auch er sehnte sich danach, sie wiederzusehen und in die Arme zu schließen. Aber heute verfolgte er noch einen anderen wichtigen Plan. Ihre Enttäuschung schwang durch die Leitung, als sie sich von ihm verabschiedete und auflegte. 

»Hey, Harson, kommst du mit? Wir wollen noch auf unsere Budweiser anstoßen.« 

Taylor hatte sich noch keine zehn Meter vom Telefon entfernt, welches an der Wand hing und in Zeiten der Mobiltelefone wie ein Relikt aus vergangenen Tagen wirkte, als ein rothaariger Mann neben ihm auftauchte. Randy Scanlon, ein Mann von einssiebzig und mit schmaler Statur, schlug ihm hart auf die Schulter. Es war klar, dass die Männer ihren Erfolg feiern wollten, doch Taylor verfolgte ein anderes Ziel. 

»Nein, sorry, Scanlon, ich habe noch was anderes vor.« Es gelang Taylor anscheinend nicht, seine Vorfreude zu verbergen, da sich der rechte Mundwinkel seines Kollegen zu einem Grinsen hob. 

»Uh, habt ihr gehört? Harson hat noch was vor.« Der Mann aus Illinois wiederholte seine Worte so laut, dass auch die anderen ihn hörten, die nur wenige Meter von der großen Tür entfernt waren, die hinaus auf den großen betonierten Trainingsplatz führte. Als die anderen Männer ihn skeptisch fragend ansahen, befürchtete er bereits, dass ihm die Röte in die Wangen geschossen sei. 

»Genau, Harson muss seine Alte flachlegen.«

Taylor konnte die Stimme nicht zuordnen, die irgendwo aus der Nähe der Tür kam, aber es war ihm auch erstaunlich egal, wer seiner Kollegen ihn gerade provozieren wollte. Allerdings kannte er die raue Stimme, die nur Sekunden danach sprach. 

»Genau, schnell heiraten, ficken, der Alten nen Braten in die Röhre schieben und dann im ersten Einsatz fallen, weil man nur die Frau im Kopf hat.« Jake Garret, ein Mann des SEAL Team 10, der bereits viele Einsätze hinter sich hatte, kam aus dem Gang auf ihn zu, aus dem er vor einigen Minuten gekommen war. 

»Hey, Garret, genau in der Reihenfolge hatte ich das vor, nur dass ich das mit dem Fallen ausfallen lasse. Ich habe meine Gedanken so weit zusammen, dass mir das nicht passiert.« Für den letzten Satz hätte er sich ohrfeigen können, wobei er sich sicher war, dass es so sein würde. Zwar vermisste er Eva, aber dieses Gefühl würde nie sein Handeln beeinflussen. Jake, der schon fast an ihm vorbei war, wirbelte herum.

»Harson.« Etwas Bedrohliches lag in der Stimme des Mannes, der ihn mit seinen blauen Augen fixierte und mit großen Schritten auf ihn zukam. Die Hand des erfahrenen SEALs legte sich wie ein Schraubstock auf Taylors Schulter. Randy, der eben noch dicht neben ihm gestanden hatte, machte schweigend mehrere Schritte zurück und Taylor war klar, dass er eben etwas sehr Dummes gesagt hatte. Das Funkeln in den Augen von Jake Garret machte ihm Angst. Ruppig schob Jake Taylor in einen Raum, in dem sonst Lehrgänge abgehalten wurden. Die Tür flog krachend hinter ihnen ins Schloss. 

Sie waren alleine.

»Was soll der Scheiß, Garret?« Taylor wandte sich aus Jakes festem Griff heraus und baute sich vor ihm auf. Ob es allerdings eine gute Idee war, einen Mann wie Garret zu provozieren, wusste er nicht. 

»Pass auf, Greenhorn.« Jake trat dicht an ihn heran. Taylor hatte in den letzten Monaten gelernt, nicht zurückzuweichen, aber nun den heißen Atem von einem SEAL wie Garret auf der Haut zu spüren, ließ ihn das Gelernte fast vergessen. »Glaubst du den Scheiß wirklich, den du da eben von dir gegeben hast?« 

»Ehm …« Taylor stockte, er wusste, dass es falsch gewesen war zu behaupten, dass er sich nicht durch Gedanken an seine Liebste ablenken lassen würde. Jeder hatte irgendwann einen schwachen Moment. 

»Mehr hast du nicht zu sagen? Ist dir klar, dass vor zwei Wochen gerade zwei Männer aus meinem Team umgekommen sind, weil sie ein Greenhorn wie dich retten wollten? Der Idiot wollte unbedingt das Bild seiner Frau aus dem Lager holen, das unter Beschuss stand. Der Kleine hat unverletzt überlebt, aber die anderen beiden sind gefallen. Die hatten so viele Kugeln im Kopf, dass man sie nur anhand ihrer Marken identifizieren konnte.« Das drohende Brummen des Mannes vor ihm jagte Taylor einen Schauer über den Rücken. Der Mann strahlte mehr Autorität aus als, alle seine Ausbilder zusammen. »Harson, vergiss nie, dass auch du sterblich bist, auch wenn die Chiefs dir was anderes eingeprügelt haben. Bring nie deine Kollegen in Gefahr, weil du meinst, dass du was retten musst, das man ersetzen kann. Wenn dir erst dein eigenes Blut oder das von Kollegen durch die Finger sifft, wirst du wissen, dass Krieg keine Gewinner kennt und vor allem, dass auch du sterblich bist. Denk an die, die vor dir gestorben sind, Harson.« Jakes Hand deutete auf Bilder in schwarzen Rahmen, die neben der weißen Tafel an der Wand hingen. Noch ehe Taylor etwas erwidern konnte, verschwand der SEAL aus dem Raum und ließ ihn mit tausenden Gedanken alleine zurück. 

Taylors Blick lag auf den Bildern. Er ging zu den Porträts der Männer, die ihr Leben im Einsatz verloren hatten. Noch nie hatte er sich die Gesichter genauer angeschaut. Plötzlich fragte er sich, wer die Männer waren. Auf kleinen goldenen Schildern standen zwar Namen, Daten und der Ort, an dem sie umgekommen waren, aber nicht, ob sie vielleicht Frau und Kinder hinterließen oder wie und wo sie gelebt hatten. Plötzlich waren es nicht nur Gesichter, die ihm von den Bildern entgegensahen. Es waren Menschen, Leben mit Geschichten und Familien. Jemen, Irak, Afghanistan, Sudan, Mexiko – die Orte, an denen sie gefallen waren, prangten auf den Metalltafeln und ihm wurde klar, warum es den SEALs wichtig war, auch die Toten zurückzubringen. Selbst wenn man im Tode nicht mehr mitbekam, wo man sich befand, so wollte auch er nicht in einem Land beerdigt werden, in dem er fremd war. 

Minutenlang betrachtete er die Bilder, ehe er die leicht stickige Luft einsog und den Raum verließ. Auf dem Flur war niemand mehr zu sehen und ein Blick auf seine Uhr ließ ihn seine Schritte beschleunigen. Er hatte ein Versprechen abgegeben, und wenn er es einhalten wollte, musste er sich nun beeilen, auch wenn seine Gedanken noch in Bewegung waren. 

Er wollte zu Eva. Sie wartete und es gab etwas, das er dringend erledigen musste, ehe er zu ihr fuhr. Mit großen Schritten eilte auf den Parkplatz zu seinem alten Ford Mustang. Wieder wanderte sein Blick auf die Uhr. Er war eine halbe Stunde zu spät und in einem Stoßgebet bat er Gott darum, dass sein Wagen anspringen würde und er nicht einen seiner Kollegen um Starthilfe bitten musste. Entweder meinte Gott es gut mit ihm oder sein Wagen wusste, wie viel ihm daran lag, pünktlich bei Eva zu sein. Er sprang das erste Mal seit Wochen ohne Probleme an. Vielleicht sollte er öfter beten? 

Zwanzig Minuten später betrat er ein Juweliergeschäft. In den Auslagen glänzte teurer Schmuck, aber Taylor wusste bereits, was er wollte, so ließ er sich nicht von der großen Auswahl ablenken. 

»Mister Harson, ich hab schon befürchtet, Sie hätten es sich anders überlegt.« Eine Frau Mitte fünfzig kam mit einem warmen Lächeln auf ihn zu und reichte ihm die Hand. 

»Nein, Miss Ward, die Arbeit hat mich aufgehalten und nun bin ich verdammt spät dran.« Nervös biss er sich auf die Unterlippe und die Frau mit den goldenen Haaren nickte ihm lächelnd zu.

»Na, wenn das so ist, Mister Harson.« Die Frau eilte an einer Kundin vorbei, die ihr irritiert hinterhersah. »Ich will doch nicht die Schuld daran tragen, wenn der Antrag nicht stattfindet.« 

Taylor folgte ihr bis zum Verkaufstresen, unter dem mehrere Ringe, Ketten und Uhren ausgestellt waren. Miss Ward hatte sich in den letzten Tagen sehr viel Zeit für ihn genommen, um mit ihm gemeinsam einen Ring für Eva auszusuchen. Selbst an dem Tag, als er fünf Minuten vor Ladenschluss hereingestürmt war, um ihr zu sagen, dass er sich endlich entschieden hatte, hatte sie ihm noch einen Kaffee angeboten. 

»Wir haben den Diamanten eingearbeitet, inklusive einer großen Portion Glück für die Ehe.« Sie sah ihn an und stellte eine kleine rote Samtschatulle auf die Glasplatte. Mit einem Lächeln öffnete Miss Ward die Schatulle, um Taylor den Ring zu zeigen. Der Titanring für Eva trug in der Mitte einen kleinen Diamanten, der Taylors Budget fast gesprengt hätte. 

»Ich hoffe, er ist zu Ihrer Zufriedenheit, Mister Harson.« 

»Er ist toll geworden, Miss Ward, vielen Dank für Ihre Zeit und Arbeit.« Er nickte der Frau zu und spürte den wütenden Blick der anderen Kundin auf sich. Wahrscheinlich war Miss Ward gerade dabei gewesen, die Dame zu beraten, als er in den Laden gekommen war. 

»Da Sie bereits gezahlt haben, bleibt mir nun nur noch, Ihnen viel Glück zu wünschen, Mister Harson.« 

Taylor war froh, dass die Verkäuferin ihn nicht länger aufhielt. Vorsichtig schob er die kleine Box in seine Hosentasche, nickte der anderen Frau kurz zu, die sich schnaubend von ihm abwandte und eilte aus der Tür. Noch während er den Schlüssel in das Türschloss seines dunkelgrünen Mustangs steckte, schickte er ein weiteres Stoßgebet gen Himmel, damit der Wagen auch ein zweites Mal am heutigen Tag ohne Murren ansprang. Wieder waren ihm entweder Gott oder der Wagen wohlgesonnen und er musste sich zwingen, die Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten.

Nach fünfzehn Minuten Autofahrt, in denen er nervös mit den Daumen auf dem Lenkrad getrommelt hatte, bog er auf die kleine Einfahrt des Hauses, in dem er seit einigen Jahren mit Evangeline lebte. An der Straße parkte ein roter Sportwagen, der viel zu früh dran war, und er konnte nur hoffen, dass die Besitzerin des Wagens nichts von seinem Vorhaben an Eva weitergetragen hatte. 

Eva öffnete die Tür und blieb mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Türschwelle stehen. 

»Wo warst du so lange?« Ein kaum hörbarer Vorwurf schwang in ihrer Stimme mit und in ihm wuchs die Befürchtung, dass die Dame, zu der der rote Wagen an der Straße gehörte, mehr als nur Smalltalk gehalten hatte. »Die Maklerin ist hier und sagt, sie muss was mit uns besprechen und sie hätte einen Termin. Wann hast du einen Termin mit ihr vereinbart?« Nun wurden die Vorwürfe hörbar. 

»Ja, ich habe sie herbestellt, aber sie ist eine Stunde zu früh. Es tut mir leid, Schatz, ich wurde auf dem Weg aus der Base aufgehalten.« Taylor zog seine Geliebte in die Arme, als er die Haustür erreicht hatte. So sehr hatte er diesen Moment herbeigesehnt. Gierig inhalierte er ihren Duft. Sie trug das Parfüm, welches er ihr vor einigen Monaten geschenkt hatte und ihre Haare dufteten wunderbar fruchtig. 

»Was will sie hier?« Eva löste sich aus seiner Umarmung und sah ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen an.

»Das wollte ich dir eigentlich später erzählen.« Sein Blick wanderte über ihre Schulter in das Haus, in dem sie zur Miete wohnten. Er hatte alles, was er tun wollte, bis ins letzte Detail geplant, aber damit, dass die Maklerin früher erscheinen würde, hatte er nicht gerechnet. »Wo ist sie?« Taylor wandte seine Aufmerksamkeit wieder Eva zu. 

»In der Küche. Warum?« Argwohn schwang in Evas Stimme mit, und ihm wurde klar, dass er nun schnell etwas tun musste, um die schlanke Frau vor sich zu beruhigen. Er hatte so sehr auf einen perfekten Moment gehofft, dass er nicht mit einem Moment wie diesem gerechnet hatte, der alles andere als perfekt war.

»Honey, du hast doch immer gesagt, dass dieses Haus perfekt ist. Unsere Arbeitsstellen sind nur einen Katzensprung entfernt und auch Kindergärten, Schulen und Freizeitangebote gibt es mehr als ausreichend in nächster Nähe.« Er holte Luft.

»Ja, hab ich, sag jetzt bitte nicht, dass der Besitzer verkaufen will.« 

Mit traurigen Augen sah sie ihn an und er meinte, eine Träne in ihren Augen glitzern zu sehen. Dass sie dieses Haus so sehr liebte, hatte er nicht gedacht. 

»Doch, Honey, das will er.« Taylor schluckte, als er sah, wie eine Träne über Evas Wange rollte. »Hey, nicht weinen, Honey. Du musst auch nicht alleine das Wohnzimmer ausräumen, wenn wir die grausige Wand endlich streichen werden.« Er bemühte sich, einen ernsten Gesichtsausdruck zu machen, und beobachtete, wie seine Worte langsam Evas Verstand erreichten. Sie planten bereits sehr lange, die braune Wand im Wohnzimmer zu verändern, aber bisher hatten sie es vor sich hergeschoben.

»Nein, nein, das hast du nicht. Ich bin doch noch nicht mit meinem Studium fertig, das können wir uns doch nicht leisten.« Fassungslos starrte sie ihn an.

»Pscht, pscht. Es ist alles geregelt.« Taylor legte seine Lippen sanft auf ihre und der Geschmack ihrer salzigen Tränen legte sich auf seine Zunge. »Eva, das da hinter dir ist jetzt unser Haus. Eigentlich hatte ich einen ganz genauen Plan, wie ich es dir sagen wollte, aber da Miss Smith zu früh hier ist …« Er stockte. Jetzt war keine Zeit für eine lange Erklärung. Einen kleinen Moment schloss er die Augen und sortierte seine Gedanken um seinen Plan zu vollenden. »Also, die ganze Sache hat nur einen Haken.« 

Verblüfft legte Eva den Kopf zur Seite und musterte ihn. »Der da wäre?« 

»Also … ich möchte nur mit dir zusammen hier wohnen, wenn du meine Frau werden willst.« Bei den letzten Worten sank er vor ihr auf die Knie und sah sie flehend an, in der Hoffnung, dass sie ihm jetzt keinen Korb geben würde. »Evangeline, möchtest du mich heiraten?« Mit zitternden Fingern zog Taylor die kleine Schatulle aus seiner Hosentasche und schaffte es trotz seiner Nervosität, sie aufklappen zu lassen

»Ja, ja, ich will.« Erstaunt sah sie ihn an.

Bei ihren Worten machte sein Herz einen Satz. Er sprang auf, schlang seine Arme um sie und wirbelte sie herum. Auf diesen Moment hatte er Monate hingearbeitet. Nie hatte er vor etwas größere Angst gehabt, als vor der Antwort auf seine Frage.