Team IATF 13

Operation Broken Heart – Abschied für immer Leseprobe

1.

»Ich fasse es nicht. Wie oft denn noch?« Cayden stieß ein lautes gefrustetes Schnauben aus. Dennis wagte es nicht, von seinem Okular aufzusehen, und schloss einfach die Augen, als er mit der Wange erschöpft am Gewehr lehnte. Er konnte Caydens durchdringenden Blick auf sich spüren. Es fühlte sich an, als würden Dolche ihn durchbohren. Dieser Mann konnte nicht der sein, den seine Kollegin Yvonne immer in höchsten Tönen gelobt hatte. Sie vergötterte diesen jähzornigen Mann, der erneut schnaubend eine Patronenhülse zur Seite kickte. »Sie hat gesagt, du hast es drauf. Ganz ehrlich? Du triffst nicht mal einen Brontosaurus, wenn er vor dir steht.« 

Auf diesen nicht nur seltsamen, sondern auch völlig übertriebenen Vergleich hin, hob Dennis den Kopf. Was er sah, war genau das, was er erwartet hatte. Cayden hatte ein wütendes Funkeln in den Augen und tiefe Falten auf der Stirn. Selbst die zusammengekniffenen Lippen konnte er durch Caydens dichten Bart sehen. Sein Trainer führte sich mehr wie ein Tyrann als wie ein Mentor auf.

»Was schaust du mich an? Da hinten ist dein Ziel.« Mit ausgestrecktem Arm deutete Cayden auf die Metallplatten, die in fast tausendfünfhundert Metern aufgestellt waren und ihm seit Tagen immer wieder alles abverlangten. Nur mit Hilfe seines Zielfernrohres konnte er die Stahlplatten, die er treffen sollte und bisher auch getroffen hatte, deutlich sehen. Aber er traf eben nicht so, wie Cayden es sich vorgestellt hatte. Mal waren die Schüsse zu weit oben gewesen, dann zu weit an der Seite und schließlich war einer neben der Platte in den Boden geschlagen und hatte eine Staubwolke aufgewirbelt. Das war der Grund für Caydens jetzigen Ausraster gewesen.

 Es war zum Verzweifeln. Es wollte ihm nicht gelingen, die Schüsse so zu platzieren, dass Cayden zufrieden war. Wenn seine Kollegin mit auf dem Gelände war, waren seine Treffer nicht zwingend besser, aber die Stimmung war ruhiger und er konnte sich besser entspannen und somit auch besser konzentrieren. Dann wurden die Schüsse im Laufe des Trainings besser und nicht wie bei Cayden schlechter. Es war dieser verdammte Druck, den der Scharfschütze aufbaute, mit dem Dennis immer noch nicht klarkam. Dazu waren die Distanzen, über die er hier treffen musste, weit größer als die, die er in Deutschland hatte bewältigen müssen. Überhaupt war er in den letzten drei Wochen so oft auf dem Schießplatz gewesen, wie in den letzten Jahren in Deutschland nicht. Hier lief einfach alles anders. 

Bei seiner Ankunft hatte er damit gerechnet, dass er die größten Probleme mit Sean Harrison, dem Captain des Teams haben würde, da er ihn aus Yvonnes Beschreibungen als Sklaventreiber und ständig brüllenden Sadisten kennengelernt hatte. Aber das war nicht passiert. Seans Tonart war schroff und hart, aber das störte Dennis nicht. Er konnte beim Training mit den anderen mithalten und war selten Seans direkter Ansprache ausgesetzt. Hier auf dem Platz war er vielleicht nicht der Schlechteste, aber der, in den die größten Erwartungen gesteckt wurden. Dennis begann daran zu zweifeln, dass er eben diese erfüllen könnte. Die Trainingseinheiten, die er solo mit Cayden hatte, machten ihn emotional fertig. Dagegen war das Gebrüll ihres Captains, welches teilweise bei Sonnenaufgang begann und erst nach Sonnenuntergang endete, ein Spaziergang. Selbst das Schwimmen in der eiskalten San Diego Bay empfand Dennis als angenehmer als die Zeit hier im Staub des Schießplatzes. 

»Also nochmal. Und konzentrier dich. Im Notfall hast du keine zweite Chance, da muss der erste Schuss sitzen. Sonst riskierst du bestenfalls dein Leben und im Schlechtesten das all deiner Kollegen«, murrend legte Cayden sich neben ihm auf den Boden, um durch ein Fernglas genau sehen zu können, ob und wie Dennis sein Ziel traf. 

Dennis war sich sicher, dass es die Anwesenheit des ehemaligen SEALs war, die ihn so nervös machte. Als würde die Unzufriedenheit seines Trainers auf ihn abfärben. Der Versuch, sich von seinen Gedanken zu lösen, um sein Ziel ins Visier zu nehmen, scheiterte daran, dass er Caydens Atem so deutlich hören konnte, als wäre es sein eigener, der genervt schnaubend das Konzentrieren unmöglich machte. Noch nie hatte ihn das Atmen eines Menschen derart aus der Ruhe gebracht. Tief Luft holend, warf er einen Blick durch das Zielfernrohr. Das Fadenkreuz war seitlich neben der Stelle, die er treffen musste. Also genau richtig, wenn er sich nicht verrechnet hatte. Als er abdrückte, sah er nicht, wie sonst, durch das Zielfernrohr, sondern schloss die Augen und lauschte auf das entstehende Geräusch, welches mit einem deutlichen Pling nach einem Sekundenbruchteil die Flugbahn der Kugel beendete. Wo genau er getroffen hatte, wusste er nicht, sondern wartete auf eine Reaktion von Cayden. Allerdings kam von seinem Trainer nur ein zustimmendes Murren. Also hatte er genau so getroffen, wie es sein sollte. Sonst wäre Cayden sicher bereits wieder ausfällig geworden. Nur warum hatte er nun nicht ein Wort des Lobes oder der Zustimmung für ihn übrig? Lediglich dieses tiefe Brummen, welches sicher nur die zuordnen konnten, die ihn länger kannten. Erneut nahm er sein Ziel ins Visier und drei weitere Kugeln schlugen sicher gegen die dicke Stahlplatte. Aber auch dieses Mal kam kein lobendes Wort über Cadyens Lippen. Es war einfach nur frustrierend. Er wollte Cayden bereits ansprechen, als er Schritte vernahm, die sich von hinten näherten. 

»Hey, wir können loslegen.« Wesley Stone tauchte hinter ihnen auf und ließ das schwere Gewicht, das auf Dennis gelegen hatte, verschwinden. Der Einzelunterricht war beendet und Cayden konnte seinen Frust auf das gesamte Team verteilen. 

»Wird auch Zeit.« Cayden erhob sich und begrüßte den Neunundzwanzigjährigen mit einem kurzen Handschlag. Dennis stand ebenfalls auf, um seine ankommenden Teammitglieder zu begrüßen, die er vor Stunden verlassen hatte, um sich hier den strengen Augen von Cayden zu unterwerfen. Cayden begann, zusammen mit Yvonne die zweiundzwanzig Anwesenden in Gruppen aufzuteilen. Es stieß Dennis sauer auf, dass der Scharfschütze zu Yvonne so freundlich war, dass er nicht einmal mehr die schlechte Stimmung, die noch vor Minuten deutlich in der Luft gelegen hatte, spüren konnte. Scheinbar, war das wieder der Cayden, von dem Yvonne immer geschwärmt hatte. Vielleicht hatte der Mann tatsächlich zwei Seiten. Und eine von beiden konnte ihn wahrscheinlich nicht leiden und war deswegen so mies gelaunt, sobald er auf den Platz kam.

In den folgenden Stunden wurde ihm zwar, wie in den letzten drei Wochen seit seiner Ankunft, bewusst, dass auch die anderen den harten Ton von Cayden ertragen mussten, aber er bildete sich ein, dass er längst nicht so streng war wie bei seinem Einzeltraining. Immer wieder versuchte Dennis, sich zu erklären, warum dem so war. Hatte er irgendetwas getan, was Caydens Verhalten rechtfertigte? Ihm wollte jedoch nichts einfallen.

»Peng.« 

Dennis zuckte zusammen, als er die Stimme von Nuyen Sato vernahm, der neben ihm stand und auflachte. 

»Was ist los? Du bist nicht bei der Sache«, erklärte der Mann mit den unübersehbaren asiatischen Zügen ihm. 

Dennis schüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts. Er griff sich ein weiteres Magazin von dem Tisch, auf dem sie ihre Munition für diesen Tag lagerten und wartete darauf, dass Yvonne das Zeichen gab, dass der Platz wieder frei war. Es wäre der fünfte Durchgang an diesem Tag, bei dem sie sich schießend in kleinen Teams durch einen Parcours bewegen mussten. Diese Aufgabe war eine von denen, die ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Was auch daran lag, dass seine Kollegen ihn als vollwertiges Teammitglied aufgenommen hatten und es nie Streitigkeiten um den Ablauf gab. 

Bei Sonnenuntergang war nicht nur er erschöpft. Auch die anderen wirkten müde. Sie hatten sechs Stunden hier verbracht und er hatte festgestellt, dass kein anderes Team heute so viel Zeit hier verbracht hatte. Es waren immer wieder Gruppen gegangen und andere waren gekommen. Nur sie waren geblieben. John hatte eine Rückfahrgelegenheit besorgt, wofür alle dankbar waren, da niemand mehr Lust hatte, in der Dämmerung über eine Stunde zurückzulaufen. Wenn sie in ihrer Unterkunft wären, würde er wohl nur noch in sein Bett fallen, während andere sich bestimmt noch auf ein Bier in dem gemütlich eingerichteten Gemeinschaftsraum treffen würden. Dennis hingegen hatte wirklich nur noch einen Wunsch. Schlafen. Selbst den Gedanken an eine Dusche verschob er auf den nächsten Morgen. 

»Hey, du siehst alles andere als zufrieden aus. Was ist los? Ist doch gut gelaufen.« Yvonne tauchte neben ihm auf und musterte ihn aus ihren grünbraunen Augen. Sie waren nur noch wenige Meter von dem Bus entfernt, der sie zurückfahren würde und er sah sich suchend nach Cayden um. Auf keinen Fall sollte der Scharfschütze mitbekommen, wie er über ihn sprach, das würde sicher nur noch mehr böses Blut geben. Als er den dunkelblonden Mann nicht entdeckte, platzte der gesamte Frust der letzten Stunden aus ihm heraus. 

»Snipes kotzt mich an. Dem kann man nichts recht machen. Selbst wenn man trifft, findet er noch was zu motzen. Und an jedem miesen Schuss geilt er sich über Stunden auf«, murmelnd fuhr er sich durch die Haare und wusste, dass seine Wortwahl nicht die schönste war. Aber es gab einfach nichts Schönes mehr an der gesamten Situation. Kurz nach seiner Ankunft gab es Zeiten, zu denen Dennis sich auf gerade diese Trainings-einheiten, die er nun so verfluchte, gefreut hatte. Jetzt wurde es mit jedem Tag mehr zu einem nicht enden wollenden Albtraum. Er war sogar froh, dass er Cayden erst in zwei Tagen wiedersehen würde. 

»Er will halt, dass du dein Bestes gibst«, erklärte Yvonne ihm, den Blick auf dem Parkplatz gerichtet, wo nur noch wenige Wagen standen. Ihm blieb ihre nachdenkliche Stimmlage jedoch nicht verborgen. Zweifelte sie an dem, was sie sagte, oder sogar an Cayden, auf den sie doch so große Stücke hielt? Ihr musste seine mit jedem Tag ruppigere Art doch auch aufgefallen sein. Schließlich kannte sie ihn nun schon einige Jahre. 

»Klar, das Beste.« Dennis malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft und rollte mit den Augen. »Deswegen ist er so ekelhaft, wenn es mal nicht läuft. Ist dir aufgefallen, dass er jeden rund gemacht hat? Und zwar ganz egal, ob die Leistung gepasst hat oder nicht. Die Einzige, die sich keinen Spruch eingefangen hat, warst du. Selbst Sean hat er angeschissen.« Er sah Yvonne vorwurfsvoll an, als er in den Bus einstieg. Es war doch verständlich, dass sie Cayden in Schutz nahm. Er war ihr Mentor und derjenige, der sie in dieses Team gebracht hatte. Er hatte sicher einige Male die Hand für sie in Feuer gelegt oder schützend über sie gehalten. Dennis begann, Vergleiche zwischen Cayden und Sean zu ziehen, den er aufgrund Yvonnes Erzählungen für viel brutaler gehalten hatte. Vielleicht war sie der Meinung, dass sie nun Caydens Verhalten decken musste. Sie hatte immer gesagt, dass Sean der war, den niemand zufrieden stellen konnte. Inzwischen war Dennis der Meinung, dass Cayden den üblen als Trainer verdient hatte. Sean versuchte nur mit seinen, wenn auch teilweise sehr diskriminierenden, Sprüchen das Team zu motivieren. 

»Quatsch, er hat sich in den letzten Monaten einfach nur rapide verändert.« Yvonne sank auf einen der staubigen Sitze des Busses und hielt ihn am Handgelenk fest, als er weitergehen wollte. Sie deutete mit dem Kopf auf den Platz neben sich. Sein Blick wanderte durch die verstaubten Scheiben nach draußen, wo er Syrell sehen konnte, der in ein Gespräch mit John vertieft war. Eigentlich war der Platz neben Yvonne immer für Syrell. 

»Stell dich nicht so an, setz dich hin, bevor Sean auch noch stresst«, raunte sie ihm zu, als ihr Captain den Bus betrat und seinen Blick über sie schweifen ließ. Dennis nahm neben ihr Platz. 

»So habe ich mir das nicht vorgestellt«, murmelnd ließ er seinen Blick auf Sean ruhen, der immer noch im Gang stand. 

»Es hat niemand gesagt, dass es leicht wird.« Flüsternd rutschte sie näher an ihn heran. »Es wird zwar irgendwann insgesamt leichter werden, aber der Druck wird bleiben. Daran gewöhnt man sich. Es ist halt anders als die Polizeiarbeit. Spätestens wenn wir in einen Einsatz müssen, wirst du für diesen Dauerdruck dankbar sein.« 

Dennis ließ bei ihren letzten Worten den Kopf in den Nacken fallen und schloss die Augen. Diese Sätze hatte er in den letzten Wochen nicht nur ein- oder zehnmal gehört. Er bildete sich ein, sie täglich tausende Male gehört zu haben. Aber es hatte sich seit seiner Ankunft hier und der Aufnahme im Team nichts geändert. Es blieb gleich beschissen. 

»Das kommt noch.« Wieder hielt Yvonne ihre Stimme leise und einmal mehr verfluchte er seine Entscheidung, in die USA gekommen zu sein. In Deutschland würde er nun schon seit einigen Stunden auf dem Sofa liegen und den Feierabend genießen. Dort würde er sich nicht noch stundenlang über die Kommentare von Cayden ärgern, die ihn am Schlafen hinderten, obwohl er so müde war, dass er im Stehen einschlafen würde, wenn da nicht diese Gedanken wären. 

»Da wärst du nie glücklich geworden. Ich sehe doch, dass es dir hier gefällt. Wart doch mal ab, wie die Trainingsmission wird.« Yvonne unterbrach seinen wirren Gedankengang. Dennis stöhnte auf. Er konnte sich immer noch nicht daran gewöhnen, dass Yvonne fast immer genau wusste, was er dachte. Immer wieder stellte er sich die Frage, wie sie diese seltsame Eigenschaft in Deutschland hatte verbergen können. In den Jahren, in denen sie als seine Kollegin beim MEK gearbeitet hatte, waren ihm nie die seltsamen Dinge aufgefallen, die sie sagte oder auch tat. 

»Du bist bei der Mission aber auch nicht dabei. Mich haben dann alle voll im Visier«, erwiderte er. 

»Das hätten sie auch, wenn ich dabei wäre«, antwortete sie ihm mit einem unzufriedenen Unterton. Aufgrund ihrer Schwangerschaft nahm sie nur noch am Training teil und selbst dort nicht überall, um das ungeborene Leben nicht zu gefährden.

»Und wenn ich sie nicht zuhause festkette, fährt sie ohnehin mit.« Syrell tauchte neben ihnen auf und mischte sich in das Gespräch ein, als er sich hinter ihnen auf eine leere Sitzbank setzte. 

Yvonne stieß einen entrüsteten Laut aus. Dennis war klar, dass es ihr schwerfallen würde, das Team und ihren Verlobten alleine ziehen zu lassen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie oft, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, nachdenklich wirkte. Die Entscheidung kürzer zu treten und vielleicht nie wieder mit dem Team auf einen Einsatz zu gehen schien ihr schwerzufallen. 

»Ich geh wieder«, murrte sie wohl mehr zu sich als zu ihm, als Antwort auf seine Gedanken. 

»Werden wir sehen.« Syrell rutschte ans Fenster und schlang von hinten seine Arme um Yvonne. »Du wirst nun erstmal an anderer Stelle gebraucht. Hier kannst du so oder so herkommen. Es verbannt dich ja niemand.« 

2.

»Hey, Cay.« Samira kam breit grinsend auf Cayden zu. Schon ihrer Tonlage konnte er entnehmen, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Obwohl er sich in Gedanken noch nicht von den letzten Stunden gelöst hatte, versuchte er, die Dreizehnjährige anzulächeln. 

»Was ist los, Maus?«

Zur Begrüßung schlang sie ihre Arme um ihn und er strich ihr über den Rücken. Momente wie dieser erdeten ihn immer wieder. Sie holten ihn zurück zu dem, was wichtig war. Zu seiner kleinen Familie. Hier konnte er die Arbeit vergessen und verdrängen, dass dem Team nicht nur ein guter Scharfschütze fehlte, sondern durch Yvonnes Fehlen bei Einsätzen sogar ein zweiter. Seit sie und Syrell bekanntgegeben hatten, dass sie ein Kind erwarteten, versuchte er alles, um aus Dennis, Nuyen, Wesley und Willie adäquaten Ersatz zu machen. Aber es fühlte sich an, als wären die vier noch Jahre von dem entfernt, was sie leisten mussten. Tief in seinem Herzen fühlte er sich dafür verantwortlich, dass die IATF bestens auf den Ernstfall vorbereitet war. Nur war er sich sicher, dass sie es im Moment nicht waren. 

»Wir wollen eine Klassenfahrt machen. Jay sagt, ich soll dir das zeigen.« Wo Samira den Zettel plötzlich hergeholt hatte, den sie ihm nun mit freudestrahlenden Augen entgegenhielt, wusste er nicht, aber er konnte auf dem Briefkopf bereits das Emblem der Schule erkennen, ohne überhaupt die Zeilen gelesen zu haben. 

»Dann zeig mal her.« Er nahm ihr das Stück Papier ab, obwohl es das Letzte war, was er in diesem Moment sehen wollte. Ahnend, was dort niedergeschrieben war, überflog er die Zeilen. Er lass nur die Worte Yosemite National Park, Camp und zweihundertfünfzig Dollar Anzahlung. Nur halbherzig las er noch die Einladung zu einem Elternabend, der in knapp einer Woche stattfinden sollte. Ausatmend reichte er das Papier an Samira zurück und schloss kurz die Augen. Beim Betreten des kleinen Hauses hatte er drei Rechnungen, die er zuvor aus dem Briefkasten genommen hatte, auf die Ablage der Garderobe gelegt. Diese verfluchten Rechnungen wollten ihn auffressen. 

»Hat Jay den Termin schon aufgeschrieben?« Durchatmend öffnete er die Augen wieder und ließ seinen Blick Richtung Küchentür wandern, wo er Jordan vermutete. Er war nicht in der Lage, Samira in die Augen zu sehen. Während er darauf wartete, dass Jordan in der Tür auftauchte, erklärte Samira ihm, dass Jordan den Termin schon dick in ihren Kalender geschrieben hatte und ihr versprochen hatte, sich den Abend frei zu nehmen, sollte sie Nachtschicht im Krankenhaus haben. Außerdem teilte das Mädchen ihm freudig mit, mit wem sie sich während der Klassenfahrt das Zimmer teilen wollte und zählte ein gefühltes Dutzend Dinge auf, die sie noch besorgen mussten. Im Geiste sah er bereits die Kreditkartenabrechnung vor sich.

»Machen wir«, erklärte er, ohne auch nur die Hälfte von dem verstanden zu haben, was sie gesagt hatte. Der Gedanke an die Klassenfahrt lag schwer auf ihm, als er nach den Rechnungen griff und die Küche betrat. Jordan lächelte ihm am Herd stehend entgegen und rührte in einem Topf, während er darüber nachdachte, wie sie die Klassenfahrt finanzieren wollten. 

»Hey, da bist du ja. Sami hat dich schon vermisst. Sie wollte dir unbedingt von der Klassenfahrt erzählen. Entschuldige, dass ich das nicht früher erwähnt habe. Es hat schon einmal einen Zettel gegeben. Ich habe es vergessen.« 

»Ja, sie hat es mir schon erzählt und gezeigt.« Cayden trat hinter Jordan und legte seine Arme um ihre Taille. Er genoss es, ihre Nähe zu spüren. Jordan ließ ihren Kopf, immer noch mit dem Löffel im Topf rührend an seine Schulter fallen. Einen Moment war er in der Lage, ihr Halt zu bieten, wo es in letzter Zeit immer sie gewesen war, die ihm Halt gegeben hatte. Sie hatte ihn aufgefangen. Nicht nur einmal. All die Tiefschläge der letzten Monate hatte sie nicht entmutigt. Seine Verletzung, der Umstand, dass er nicht in der Lage war, seine Hand so ruhig zu halten, wie es vielleicht nötig wäre, um eine Waffe zu benutzen, dann die finanziellen Sorgen. Immer hatte sie ihn aufgebaut. Jetzt in dieser Sekunde konnte er das erste Mal spüren, wie sehr es an ihr gezehrt hatte und dass auch ihre Kräfte aufgebraucht waren. 

»Wie war dein Tag?« Er streichelte über ihren Bauch. 

Sie hob leicht den Kopf, sah ihn aber nicht an und er bemerkte, wie sie wieder die Fassade errichtete, durch die nach Möglichkeit nichts dringen sollte, was sie belastete.

»Stressig, wie immer. Wir haben heute erfahren, dass noch ein Kollege aufhört und in ein anderes Krankenhaus geht.« 

Cayden konnte an seiner Hand spüren, wie sie tief die Luft einsog. 

»Noch mehr Stunden, die wir arbeiten müssen. Und die Überstunden werden wir ewig nicht bezahlt bekommen, oder wir müssen sie abbummeln.« Sie löste sich von ihm und drehte am Knopf des Herdes. 

»Der war gut.« Er griff nach ihrer Hüfte und konnte sie mit einer sanften Berührung dazu bewegen, sich zu ihm herumzudrehen. Der Löffel, mit dem sie in der Soße gerührt hatte, fiel mit einem Klirren im Topf zur Seite und er legte seine Lippen auf ihre. Er wusste, dass seine Reaktion auf das Thema Überstunden unangebracht gewesen war. Es war einfach aus ihm herausgeplatzt. Wenn es nach ihr gehen würde, würde sie lange daheim bleiben, um die aufgelaufenen Stunden abzuarbeiten, aber das ging nicht. Oder besser gesagt: Ihre Ehre als Ärztin ließ es nicht zu. Sie wollte die Menschen, die sie im Krankenhaus betreute, nicht im Stich lassen. So war sie halt. Sie war schon immer nur auf das Wohl ihrer Patienten bedacht gewesen. Deswegen hatte er sich schließlich auch in sie verliebt. Wenn man ihre Überstunden auszahlen würde, könnten sie finanziell aufatmen. Vielleicht hatten sie sich mit den Raten für das Haus einfach übernommen. Jordan verdiente nicht schlecht und auch er hatte sich bis vor kurzem nicht über sein Einkommen beschweren können. 

»Lässt du mich los? Das Essen ist fertig«, hauchte sie ihm zu. Viel zu gerne hätte er sie noch viel länger im Arm gehalten.

»Ungern«, murrend entließ er die Frau, die ihn aus ihren tiefblauen Augen schmunzelnd ansah. 

»Ich hab Hunger.« Samira tauchte in der Küchentür auf und ging, noch während sie sprach, auf den bereits gedeckten Tisch zu. 

»Die riecht das doch.« Grinsend sah er Jordan an, die Spaghetti abgoss. 

»Riecht auch super«, warf Samira vom Tisch aus ein.

»Teenager riechen nicht nur fertiges Essen Meilen gegen den Wind. Die wissen auch ganz genau, wann sie ungelegen kommen. Deswegen tauchen sie immer dann auf, wenn man sie gerade nicht brauchen kann. Oder wollen dann telefonieren, wenn man gerade wichtige Gespräche führt.« Den letzten Satz richtete Jordan an Samira, während sie die Schüssel mit den Spaghetti zum Esstisch trug, der nur wenige Meter neben der Küchenzeile stand. Ihr Wohnzimmer befand sich im gegenüberliegenden Raum, wo sie so oft es ging, zusammen ihre Freizeit verbrachten. Meist sah Jordan an ihn gekuschelt fern und Samira tauchte in einem Buch ab. Abende wie dieser waren inzwischen nicht mehr ganz so selten, wie noch zu der Zeit, in der er im aktiven Dienst gestanden hatte. Aber in letzter Zeit hatte Jordan sich oft bereit erklärt, Nachtdienste zu übernehmen, und so saß er viel zu oft alleine mit Samira auf der Couch und vermisste die Nähe seiner Lebensgefährtin. 

»Morgen darf ich mir was zu essen wünschen.« Cayden füllte bei seinen Worten die Tomatensoße in eine Schüssel. 

»Nur wenn Jay kocht.« 

Sein Blick zur Seite zeigte ihm ein gespielt entsetztes Gesicht von Samira, die sichtlich damit rang, nicht loszulachen. 

»Sonst beschwerst du dich auch nicht.« Der Druck, der auf ihm lag, fiel ab. Es tat unendlich gut, mit Samira und Jordan zusammen zu sein. Gemeinsam mit ihnen zu essen und zu hören, wie ihre Tage verlaufen waren. Dabei war es oft nur Samira, die zu Wort kam und von ihrem Schulalltag berichtete. Hin und wieder fielen in letzter Zeit auch die Namen von Jungen und die Wörter süß und niedlich. Wie lange würde es noch dauern, bis er nicht mehr der Einzige war, der das Mädchen mit den dunkelbraunen Augen beschützen würde? Wann würde sie das erste Mal mit verweinten Augen heimkommen? Und würde er sich dann daran hindern können, den Verursacher für die Tränen zur Rechenschaft zu ziehen? Er konnte sich daran erinnern, dass auch er im Teenageralter Mädchen zum Weinen gebracht hatte. Das gehörte doch dazu, oder? Kopfschüttelnd zwang er sich zur Ordnung. 

Erst als er nach dem Essen ins Arbeitszimmer ging, wo er kurz die Rechnungen ablegen wollte, holten ihn seine Sorgen wieder ein. Er öffnete die Tür in den kleinen Raum, welcher direkt neben dem Hauseingang lag. Die unbezahlten Rechnungen lagen auf dem schwarzen Schreibtisch und forderten ihn durch ihre bloße Anwesenheit dazu auf, sich hinzusetzen. Mit einem tiefen Seufzer setzte er sich auf den Schreibtischstuhl und starrte die Zettel an. Es war nicht viel, was jeden Monat fehlte, aber es reichte aus, dass er sich sorgte. Sein Gehalt als Ausbilder beim Team und zusätzlich als Trainer bei einem Schießstand reichte einfach nicht aus. Das war der Grund, warum er seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielte, sich selbstständig zu machen. Im Sicherheitsgewerbe würde er mit seinem Lebenslauf sicher ein Bein auf den Boden bekommen. Ehemalige Soldaten, gerade aus Eliteeinheiten, waren gern gesehen und fanden schnell Jobs. Sei es in Form von Personenschutz, was Cayden anstrebte, oder, etwas besser bezahlt, als private Soldaten im Ausland. Aber das wollte er Jordan nicht antun. Er würde sich darauf beschränken, in den USA, am besten in San Diegos näherer Umgebung, zu arbeiten. Und wenn es das Beschützen von irgendwelchen Schauspielern oder Politikern war. Dabei müsste er nicht, wie zuvor in der IATF und davor als SEAL, ständig sein Leben riskieren und damit rechnen, dass ihn eine Kugel traf. Dass eben dieses Szenario hier auf irgendeinem roten Teppich stattfinden würde, war gering.

Er konzentrierte sich wieder auf die Rechnungen und schob seine Pläne zurück. Zögernd begann er, die Unterlagen zu sortieren. Welche mussten dringend bezahlt werden, welche hatten noch Zeit. Wo waren bereits Mahnungen eingegangen? 

»Hey, magst du Sami schon gute Nacht sagen? Sie will noch lesen und wer weiß, ob sie zuhört, wenn sie erst ins Buch vertieft ist.« Jordans Frage ließ ihn den Blick heben. Seine Lebensgefährtin lehnte im Türrahmen und musterte ihn fragend. Nickend erhob er sich und spürte, wie Jordans Aufmerksamkeit auf ihm lag. »Wir schaffen das.« An der Tür angekommen, hielt sie ihn davon ab, aus dem Raum zu gehen. 

»Ja.« Er wollte bestätigend nicken, als sie ihm einen Kuss auf die Lippen hauchte, aber er konnte seinen eigenen Worten keinen Glauben schenken. 

Samiras Reich lag neben dem Wohnzimmer. Cayden betrat den Flur und verharrte kurz an einem Bild, welches Samira an ihrem ersten Schultag in den USA zeigte. Auch wenn das Bild nur etwas älter als ein Jahr war, so hatte sie sich seitdem weiterentwickelt. Leise betrat er das Zimmer seiner Adoptiv-tochter. Von dem Mädchen, dass sich verzweifelt in Nigeria an ihn geklammert hatte, war nichts mehr zu sehen. Erst recht nicht in Momenten wie diesem. Sie lag mit einem Buch in der Hand auf dem Bett und war völlig in die Welt abgetaucht, die der Autor auf die Seiten gezaubert hatte. 

Als sie in das Einfamilienhaus gezogen waren, hatte er sich seelisch darauf vorbereitet pinke Farbe und Einhornsticker kaufen zu müssen, die dann im Laufe der Zeit mit Postern von Stars überklebt werden würden. Aber Samira hatte sich völlig anders entschieden. Neben einer kleinen Couch, die mit Kleidung übersäht war, hatte sie nur auf einen Schreibtisch, ein Bett, Bücherregale und Klebesterne bestanden. Es war ihm und Jordan nur schwer gelungen sie davon zu überzeugen, dass sie ebenfalls einen Kleiderschrank benötigte. Wenn er nun allerdings den Berg auf dem Sofa sah, zweifelte er daran, dass sie wirklich einen Schrank benötigt hatte. Selbst der Fernseher, den sie von einem Kollegen geschenkt bekommen hatte, war fast nie in Benutzung. Immer wenn sie Bear trafen, zog er seinen Freund damit auf, dass er Samira anstelle des Fernsehers lieber einen Büchergutschein hätte schenken sollen. Aber der gebürtige Russe war davon überzeugt, dass Samira sicher auch ab und an einen Film anschauen würde. Schließlich konnte man in seinen Augen mit Freunden schlecht einfach zusammen lesen. Spätestens dann musste man einen Film schauen. Leise machte er einen Schritt in das Zimmer, aber Samira reagierte nicht. 

»Hey, gute Nacht du Leseratte.« Cayden setzte sich auf die Kante ihres Bettes. Das Mädchen warf einen Blick über den Rand des Buches, aber Cayden zweifelte daran, dass sie ihn überhaupt wirklich zur Kenntnis nahm. Sie schien ihm mit ihrer Geste nur zeigen zu wollen, dass sie wusste, dass er da ist. 

»Nur das eine Kapitel noch«, murmelnd wandte sie sich wieder dem Buch zu und Cayden musste bei ihren Worten grinsen. Er fand es faszinierend, dass sie in der Lage war, so in die geschriebenen Zeilen abzutauchen, dass sie alles um sich herum vergessen konnte. 

»Zwei Stunden noch, dann legst du das Buch zur Seite, sonst ist das Ende vom Kapitel wieder so spannendend, dass du das nächste auch noch lesen musst und erst einschläfst, wenn du das Buch beendet hast.« Er legte seine Hand auf das aufgeschlagene Buch und drückte die Seiten hinunter, so dass Samira ihn ansehen musste. Es fiel ihm schwer, ihrem flehenden Blick standzuhalten. 

»Cay, bitte, zweieinhalb Stunden.« Kleine Fältchen bildete sich auf ihrer Stirn. Sie legte das aufgeschlagene Buch auf die Bettdecke und faltete die Hände bettelnd. 

»Sami, bitte. Ich mag heute nicht diskutieren.« 

Forschend musterte sie ihn, als würde sie abschätzen, ob sie ihn irgendwie dazu bringen könnte, ihr die gewünschte Verlängerung zu gewähren. 

»Aber am Wochenende darf ich.« Entschlossen sah sie ihn an. 

»Klar, von mir aus von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang …« 

»Also mir wäre Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang lieber.« Jordan, die in der offnen Tür stand, fiel ihm ins Wort. »Die Nacht ist zum Schlafen da«, erklärte sie weiter. 

»Och, Jay … Cay hat aber auch immer in der Nacht gearbeitet, da darf ich doch nachts lesen.« Samira rollte mit den Augen. 

»Aber die Zeit ist schon lange vorbei. Gute Nacht Maus.« Er stand auf und machte einen Schritt auf das Kopfende ihres Bettes zu, wo er ihr einen Kuss auf die Stirn gab. Auch Jordan wünschte ihrer Adoptivtochter eine gute Nacht und verließ vor ihm das Kinderzimmer. Als er an der Tür stehend das Licht ausschaltete, flammte als erstes ein kleines Nachtlicht auf, welches seinen Platz auf dem Schreibtisch gefunden hatte, ehe Samira ihre Leselampe einschaltete. Das kleine weiße Nachtlicht spendete so viel Licht, dass es möglich war, alles gut zu erkennen und doch so wenig, dass Samira in den Nächten schlafen konnte. 

Noch vor wenigen Wochen hatte jede Nacht die Deckenleuchte gebrannt, was aber dafür gesorgt hatte, dass sie schlecht hatte durchschlafen können. Dann waren sie in einem Supermarkt auf die kleine schlichte weiße Lampe gestoßen. Sie besaßen bereits eine ganze Schublade voller Nachtlichter, aber keines hatte es bis dahin geschafft Samira in der Nacht die Sicherheit zu vermitteln, die sie benötigte. Diese Lampe, für nur wenige Dollar hatte dann das geschafft, was viele weit teurere vor ihr nicht gelungen war. Samira schlief die Nächte durch und fühlte sich sicher. Es gab nur noch wenige Nächte, in denen sie schreiend aufwachte und so auch ihn und Jordan aus dem Schlaf riss. 

»Cay?« Samira sah ihn an.

»Ja?« Er lehnte den Kopf an die Türzarge und beobachtete das Mädchen, das langsam ein Teenager wurde und das ohne ihn und Jordan vielleicht nicht mehr am Leben wäre. 

»Passt du auf, dass niemand reinkommt?« Kurz blitzte in ihren Augen wieder die Angst auf, die er schon so oft gesehen hatte. Dann wirkte sie jünger und unendlich verletzlich. 

»Klar.« Er lächelte sie an, obwohl es ihm schwerfiel, ihr in diesem Moment in die Augen zu sehen. Es schmerzte, ihre Angst zu sehen. Er könnte ihr noch so oft versichern, dass sie hier in Sicherheit war. Tief in ihrem Inneren würde das Gefühl der Unsicherheit bleiben. 

Wenige Minuten später sank er neben Jordan auf das Sofa. 

»Sie hat wieder gesagt, dass ich aufpassen soll, damit niemand reinkommt.« Einen Arm um Jordan legend zog er sie enger an sich. Es war so selten geworden, dass sie beide am Abend hier sitzen konnten. Jordan zog die Beine auf die Sitzecke und schmiegte sich eng an ihn. In den letzten Monaten war er oft an den Abenden alleine gewesen. Jordan hatte Nachtschichten übernommen, da ständig Kollegen fehlten und sie ihre Patienten nicht alleine lassen wollte. Dann hatte er meist bis tief in die Nacht hier gesessen und in die Stille gelauscht. Oft hatte sein Verstand ihm dann Streiche gespielt und er hatte Dinge gehört, die nicht dagewesen waren. Er hatte versucht, diese Schatten dadurch zu vertreiben, dass er fernsah, aber auch das hatte nur selten geholfen. Dann waren es laute Geräusche aus den Filmen gewesen, die ihn so manches Mal zu Tode erschreckt hatten, weil er eingedöst war, ohne es zu merken. Er hatte begonnen jedes Geräusch zu analysieren. An den Motorgeräuschen von vorbeifahrenden Wagen hatte er versucht, die Marken zu erkennen. Selbst wenn Samira sich im Bett bewegt hatte, hatte er das Rascheln der Bettdecke gehört. Er hatte sich eingebildet, jedes Geräusch doppelt so laut wahrzunehmen, wie es eigentlich war. 

Auch wenn Jordans Patienten ihre Hilfe benötigten. Er wünschte sich, dass sie öfter bei ihm war. Er benötigte ihre Nähe, damit der Wahnsinn ihn nicht packen und mit sich reißen konnte. 

»Auch das wird weniger werden.« Mit ihren Worten brachte Jordan ihn zurück zu dem, was er bezüglich Samira gesagt hatte. »Was denkst du wegen der Klassenfahrt?« Prüfend sah sie ihn an. 

»Wenn wir noch ein paar Rechnungen aufschieben, sollte es klappen.« Nachdenklich ließ er seine Finger durch ihre blonden Haare gleiten und starrte auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers. In Gedanken sah er bereits wieder die Rechnungen im Arbeitszimmer vor sich. 

»Das meine ich nicht.« 

Verwundert hielt er in seiner Bewegung inne. »Sondern?« 

»Meinst du, sie kommt ohne uns zurecht? Das wäre das erste Mal, dass sie länger nicht hier ist und vor allem, dass sie so weit weg ist. Wir können ja nicht innerhalb von einer Stunde bei ihr sein …« 

»Sie ist ja nicht alleine. Ihre Freundinnen sind dabei. Ich glaube, sie wird andere Dinge haben, die sie nachts beschäftigen. Du weißt doch, wie Klassenfahrten sind. Die ganze Nacht quatschen und am Tag im Stehen schlafen.« Cayden dachte an seine eigenen Fahrten zurück und fragte sich, ob seine Eltern je erfahren hatten, was dort alles passiert war. 

»Hm, wahrscheinlich hast du recht. Was das Geld angeht, wir sollten wirklich mit der Bank reden, dass wir andere Konditionen brauchen. Dann zahlen wir halt länger ab, dafür können wir wieder leben.« Sie löste sich von ihm, setzte sich auf und sah ihn ernst an.

»Und wenn sie nicht einverstanden sind? Ich werde schauen, dass ich mir woanders was suche. Irgendwas, damit das Einkommen wieder passt. Außerdem …« Er streichelte mit der Hand über ihren Bauch, lehnte sich zu ihr vor und wollte ihr einen Kuss geben, doch sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. 

»Noch ist da nichts, es ist nur ein Wunsch. Mehr nicht. Deswegen musst du nicht wieder zum Superhelden werden. Ich mag es, wenn du hier bist. Wenn ich weiß, was du machst.« Erst jetzt nahm sie ihren Finger von seinen Lippen und ließ seinen Kuss zu. Aus der Berührung wurde schnell ein schwer zu bändigendes Feuer. Ihre Zunge forderte Einlass, tastete sich langsam vor und flehte ihn an auf den Tanz einzugehen. Ihre Hände fanden einen Weg unter sein Shirt und streichelten warm über seine Brust. Verlangend legte er seine Hände in ihren Nacken und hielt sie so gefangen. Ihre Streicheleinheiten lösten ein Brennen auf seiner Haut aus. Ihre Finger berührten kaum seine Haut, als sie vom Bauch über die Seite zu seinem Rücken wanderten, wo sie sich mit den Fingern vergrub. Er konnte das Feuer spüren, welches in ihr zu lodern begann. 

3.

»Hey, willst du ein Bier?«, rief Wesley Dennis nach, als der am Aufenthaltsraum vorbeikam, aus dem er das Lachen seiner Kollegen und die Geräusche von aufeinandertreffenden Billard-kugeln vernehmen konnte. Die Männer hatten unüberhörbar Spaß, doch in ihm gab es nur noch eine bleierne Müdigkeit, die alles verhindern wollte, was nichts mit Schlafen zu tun hatte. 

»Nein, danke. Ich bin fertig für heute.« Ohne stehen-zubleiben oder auch nur auf die Reaktion seines Kollegen zu warten, ging er weiter über den Flur. Auf den schwarzen Fliesen war unübersehbar zu erkennen, wo sie die letzten Stunden verbracht hatten. Überall lag Sand. Am Ende gelangte er an die einzige Stelle des Gebäudes, welche noch nicht renoviert worden war. Das Treppenhaus strahlte ihn mit seinem Buntsteinputz an. Die Wände wiesen Spuren der Renovierung auf. Überall waren Kratzer und tiefe Löcher in den Wänden, wo es ihnen oder den Handwerkern nicht gelungen war, Material oder Möbel um die Ecken zu bekommen. Die Treppenstufen mit ihren alten Fliesen waren, wie der Flur, ebenfalls mit Sand übersät, der unter seinen Schuhen knirschte, als er in den dritten Stock ging, wo er sein Reich hatte. Zu gerne hätte er den Fahrstuhl genutzt, aber dieser war schon lange außer Betrieb und würde wohl auch nicht wieder in Betrieb genommen werden. Zu groß war die Angst ihrer Vorgesetzten, dass sie in einem Notfall steckenbleiben würden. Außerdem war der Weg über die Treppe für sie weit schneller. Dennis hatte aber auch schon von dem Plan gehört, den Fahrstuhl auszubauen und eine Rutschstange zu montieren, wie man sie aus Feuerwehrwachen kannte. 

Träge schloss er nur wenige Meter weiter die Tür zu seinem Reich auf. Man hatte aus drei ehemaligen Hotelzimmern kleine Wohnungen mit eigenen Bädern und kleinen Küchenzeilen geschaffen, die kaum noch einen Unterschied zu anderen Wohnungen aufwiesen, wie ihm schon viele versichert hatten. Für ihn war es jedoch immer noch ungewohnt, auf den knapp sechzig Quadratmetern zu leben. In Deutschland hatte er eine Wohnung mit fast einhundert Quadratmetern sein Eigen genannt. Jetzt konnte er mit wenigen Schritten direkt vom Bad in die Küche gehen und sein Sofa stand nur deswegen mitten im Raum, damit es nicht direkt vor dem Fernseher stand. Der einzige Unterschied zu anderen Appartements war wohl der, dass hier jeder seinen eigenen Waffenschrank hatte und es auch normal war, wenn ihre Waffen eben nicht in diesem verwahrt wurden. Dennis nahm seine Pistole, die er wie alle anderen auch immer am Bein in einem Holster trug, heraus, legte sie auf den Wohnzimmertisch neben eine leere Colaflasche und sank auf die dunkelgraue Couch. Den Kopf in den Nacken legend schloss er die Augen. Es würde nur Minuten dauern, dann würde er einschlafen, dessen war er sich sicher. Aber er wollte noch duschen und auf keinen Fall in der Uniform auf dem Sofa schlafen. Nach wenigen Minuten, in denen er immer wieder um ein Haar in den Schlaf abgedriftet war, schlug er die Augen wieder auf, beugte sich vor und öffnete seine Schuhe. Als er die Füße herauszog, rieselte Sand auf den Laminatboden. Seufzend musterte er die kleinen, fast weiß wirkenden Körner, die auf dem dunklen Holz lagen. Sein Blick schweifte weiter und er entdeckte noch mehr Sand. Er musste dringend putzen. Alles hier wirkte von Tag zu Tag mehr wie ein Sandkasten. 

Mit der Hand über das Gesicht fahrend schloss er die Augen wieder. Wie konnte es sein, dass man sich nicht mal zum Duschen aufraffen konnte? Dabei würde das warme Wasser sicher guttun und vielleicht auch verhindern, dass ihn am nächsten Tag ein Muskelkater heimsuchte. Aber da war kein Funke des Antriebs mehr in ihm, der ihn zum Aufstehen bewegen wollte. In die Ruhe lauschend hörte er immer wieder andere Teammitglieder über den Flur laufen. Sie kamen und gingen und er war wohl tatsächlich der Einzige, der nun noch in seinem Zimmer saß und nicht mit dem Rest des Teams ein Feierabendbier oder auch nur eine Cola trank. Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Mit dem Geräusch hatte er nicht gerechnet. 

»Ja.« Sich aufsetzend warf er einen Blick über die Schulter zur Tür. Sollte er hingehen und die Tür öffnen? Noch ehe er den Gedanken zu Ende gebracht hatte, öffnete sie sich und Wesley betrat seine Wohnung. Er trug nur ein T-Shirt und eine Jogginghose. Am Oberarm des ehemaligen SEALs prangte ein Tattoo, welches man kaum noch erkennen konnte, da eine riesige Narbe die klaren Linien verwischt und teilweise hatte verschwinden lassen. Wo genau diese Verletzung herkam, wusste Dennis nicht, aber sie war ihm schon öfter aufgefallen.

»Echt kein Bock noch ein Bier oder so zu trinken? Die anderen sind alle da.« Der Blick des dunkelhaarigen Mannes lag auf ihm. »Ich mein ja nur … Also es sieht schon komisch aus. Irgendwie, als würdest du uns aus dem Weg gehen. Das da unten ist doch so´n Gruppending.« Jetzt bohrte sich der Blick von Wesley förmlich in ihn. Dennis wusste, auf was sein Kollege, der im Militär soviel mehr Erfahrung als er hatte, hinaus wollte. Es ging um Teambildung. Darum, die anderen kennenzulernen. Sich zu binden, damit man im Notfall wirklich alles gab, um die anderen zu schützen. Er war einfach müde, aber wahrscheinlich würde er noch Stunden hier sitzen und vor sich hinstarren, weil er sich nicht dazu aufraffen könnte, duschen zu gehen. Nun hätte er wenigstens dazu einen triftigen Grund. 

»Ich dusch kurz, dann komm ich runter.« Er stand auf und nickte Wesley zu, der die Geste nur knapp erwiderte. Auch wenn jeder seiner Muskeln danach schrie, ins Bett zu gehen, würde er seinem Kollegen den Gefallen tun und mit ihnen zusammen ein Bier trinken. 

Eine Stunde später stieß er einen wüsten Fluch aus, da sein Dartpfeil nur Millimeter neben dem von Lexi landete, die jubelnd die Arme nach oben riss. Er hatte soeben nicht nur fünfzig Dollar verloren, sondern musste nun auch eine Woche Tresendienst im Gemeinschaftsraum, der im Keller des alten Hotels lag, leisten. Somit war er nach Möglichkeit in der nächsten Woche der Erste, der diesen Raum betrat und der Letzte, der ihn verließ. Eine Woche in der er noch weniger Schlaf bekommen würde als ohnehin schon. Leicht verärgert darüber, dass er auf die Wette eingegangen war, schob er eine Fünfzigdollarnote in eine Blechspardose. Hier sammelten sie Wettschulden oder Spenden für ihre kleine Bar oder gemeinsames Pizzaessen. 

Lexi grinste ihn frech an. »Noch ´ne Runde?« 

»Ne, danke. Ich hab genug für heute.« Er wandte sich ab und bekam noch mit, wie sie sich Wesley als nächstes Opfer aussuchte. Auch wenn er wissen wollte, ob auch der einsachtzig große, trainierte Mann gegen ihre Kollegin verlor, ging er am Billardtisch vorbei und nahm neben Joe auf einem Barhocker Platz. 

»Schenkst du mir noch eins ein?« Dennis sah zu Patrik, der auf der anderen Seite der Bar stand. Nach einem kurzen Blick schüttelte sein junger Kollege den Kopf. »Ne, ich glaub, jetzt bist du dran.« Patrik verließ seinen Platz und ließ sich neben ihm nieder. »Mein Thekendienst ist beendet.« Der blonde Mann, den man auf höchstens achtzehn schätzen würde, schob Dennis sein Glas zu und hob auffordernd die Augenbrauen. 

»Wär ich bloß oben geblieben«, murrend erhob Dennis sich.

»Dann wärst du auch irgendwann dran gewesen. So bekommst du wenigstens jeden Tratsch mit.« Joe, dessen dunkelbraune Haare wirr von seinem Kopf abstanden, schob ihm ebenfalls sein Glas zu, als er hinter dem Tresen angekommen war. 

Tief durchatmend öffnete Dennis eine Bierflasche. »Ihr könntet ja auch aus der Flasche trinken.« 

»Du kannst auch einfach das Bier in die Gläser tun«, erwiderte Joe und zog sein Glas zu sich. »Was los?« Jetzt bohrte sich der Blick aus den grünen, stechenden Augen in ihn. Dennis bildete sich ein, dass der Sechsundzwanzigjährige jeden seiner Gedanken hören wollte. Konzentriert öffnete er die zweite Flasche und schenkte den Inhalt in das Glas, welches er Patrik zuschob. 

»Und?« Hakte Joe erneut nach. 

»War ´nen Scheißtag«, murrte Dennis und bemühte sich, seinem Kollegen nicht in die Augen zu sehen. Er konnte die Blicke von Joe und Patrik auf sich spüren. Ob diese Aussage reichte, damit seine Kollegen ihn in Ruhe ließen? 

»Und deswegen willst du dich auf deinem Zimmer verkriechen wie ein schmollender Teenager?« Joe lachte auf und Dennis hob seinen Blick. Der Vergleich stieß ihm sauer auf. Er war kein Teenager, aber er war nicht gewillt, sich den ganzen Tag von Cayden niedermachen zu lassen. Auch wenn das vielleicht zu Caydens Job als Trainer gehörte. Dennis war davon überzeugt, dass auch mal ein positives Wort über die Lippen seines Ausbilders kommen müsste.

»Ich bin halt auch mal k. o.« Er wollte von dem, was ihm durch den Kopf ging ablenken, da er befürchtete, dass Joe ihm im nächsten Moment erklären würde, dass Caydens Umgangs-ton völlig normal wäre. Auf eine solche Diskussion hatte er in diesem Moment einfach keine Lust. 

»Wir sind alle total k. o., aber deswegen verkriechen wir uns nicht schmollend in der Ecke. Dennis, so funktioniert das nicht. Das Team wächst nicht nur im Training zusammen. Das passiert auch hier.« Joes Stimme wurde ernster.

»Ach, hier sitzen und Bier trinken gehört dazu?«, raunte Dennis gereizt, wusste aber, dass der gesamte Satz ein Fehler gewesen war.

»Schon mal was von Teambuilding gehört?« Joe hob gereizt eine Augenbraue. 

»Ja verdammt, aber wenn ich müde bin, bin ich müde, da muss ich mich nicht noch besaufen«, knurrte er aggressiv zurück. Dabei wusste er, dass es hier und jetzt nicht um das Bier ging, was sie zusammen tranken. 

Joe musterte ihn kurz. »Denk drüber nach.« Dann erhob er sich und ging zum Billardtisch, wo einige Männer zusammenstanden. 

»Denk drüber nach. Wir können keine Singleplayer brauchen. Wir brauchen Teamplayer.« Auch Patrik stand kopfschüttelnd auf. 

Mit geschlossenen Augen atmete Dennis durch. Seine Äußerungen waren mehr als unüberlegt gewesen. Die beiden Männer hatten recht und das ärgerte ihn. Diese Gruppe, die nun begann eine Runde Billard zu spielen, kannte wohl jedes noch so gut gehütete Geheimnis jedes Teammitglieds. Nur er wusste gerade mal die Namen und bei einigen das Alter. Er hatte sich bisher weder richtig einbringen können, noch hatte er sich informiert, obwohl sie ihn in ihrer Mitte aufnahmen. Die Einzige, über die er fast alles wusste, war Yvonne, und das auch nur, weil sie sich schon so viele Jahre kannten. 

Seine Aufmerksamkeit blieb auf den Männern liegen. Er beobachtete die, die mit Billardqueues bewaffnet die Kugeln über den Tisch rollen ließen und die, die einfach nur dastanden und zusahen. Wer waren diese Typen? Soldaten, das wusste er. Einige waren gute Schützen, andere im Nahkampf so gut, dass sie ohne Probleme mit bloßen Händen töten konnten. Einige konnten mit Sprengstoff Türen innerhalb von Sekunden so öffnen, dass nur die Tür aus den Angeln gesprengt wurde, wieder andere verbanden selbst schwerste Verletzungen so, dass die Blutungen gestillt wurden. Aber mehr wusste er nicht. Hatten sie Familie, Freunde, Hobbys? Womit könnte man sie motivieren, welche Gedanken gaben ihnen Halt? All das waren Dinge, die er in Erfahrung bringen sollte. Nur war seine Motivation genau dass zu tun, nicht vorhanden.