Vengeance 1 – Loss of Riccardo

Leseprobe

1.

»Kannst du mal warten? Da hinten könnten wir bestimmt auch einen Wagen bekommen. Miguel, verflucht, musst du immer …«

»Ich bitte dich, es ist doch völlig egal. Die Karren hier sind Schrott, die Karren da sind auch Schrott. Die hier ist weiß, die da ist blau. Wo ist da der Unterschied?«, fiel Riccardos Bruder ihm ins Wort, blieb stehen und drehte sich genervt zu ihm um. 

»Die Weiße ist fünfzehn Jahre alt, die Blaue wird erst seit sieben Jahren gebaut. Lass uns da fragen.« Riccardo hasste den Dickkopf seines Bruders. Mussten sie unbedingt den alten Toyota nehmen? Bereits seit ein paar Tagen zweifelte er an der Idee seines Bruders, mit dem Auto von Kabul ins Pitaw Wildlife Reservat zu fahren, von wo sie weiter in den Hindukusch reisen wollten. 

Am Reservat gab es eine Gegend, die Ähnlichkeiten mit dem Grand Canyon hatte. Diese Gegend wollten sie gerne besuchen. Der Unterschied zum Grand Canyon, der auch auf ihrer Reiseliste stand, bestand darin, dass die Felsen hier in Afghanistan nicht rot, sondern grau und das Wasser teilweise azurblau war. Und das Wichtigste: Noch hatte der Krieg diese Ecke des Landes nicht erreicht. Was man von Kabul, wo sie sich gerade befanden, nicht sagen konnte. Es gab immer wieder Hauswände, in denen Kugeln steckten, zerborstene Fensterscheiben und Stellen, an denen die Straßen durch Sprengsätze zerstört waren. Außerdem geriet man ständig in irgendwelche Kontrollen auf den Straßen. Wenn Riccardo genauer über ihr Vorhaben nachdachte, war es ein Wunder, dass sie noch lebten. Er war gespannt, wie lange es noch dauern würde, bis sie das erste Mal zwischen die Fronten kommen würden. Aber Riccardo traute sich nicht, seinem Bruder seine mittlerweile aufkommenden Zweifel an dieser Reise mitzuteilen. Sie hatten das alles zu zweit geplant und der Krieg war auch nicht in dem Moment ausgebrochen, in dem sie hier angekommen waren. Die Auseinandersetzungen tobten schon viel länger und sie hatten sich vorgenommen, sich nicht davon abschrecken zu lassen. Sie hatten jeden Ort, den sie besuchen wollten, gemeinsam ausgesucht, und sie hatten Monate mit der Planung und noch länger damit verbracht, das Geld anzusparen, das für diese Reise nötig war.

Sie hatten diesen Trip zusammen geplant und nun musste er sich damit abfinden, ein Auto zu mieten, welches keinen Luxus bot und bei dem er damit rechnete liegenzubleiben. Miguel war derjenige von ihnen, der mehr Ahnung von Autos hatte, und wenn sein Bruder sagte, dass sie den alten Toyota nehmen sollten, dann würde er das notgedrungen mitverantworten. 

»Riccardo, der Wagen kostet nur die Hälfte.« 

Sein Bruder wollte ihm unüberhörbar das alte verrostete Model eines Toyota Pick-ups schmackhaft machen. 

»Und wird doppelt so teuer, wenn wir liegen bleiben«, fiel er seinem Bruder ins Wort. 

»Ach so, und die Kiste da hat dir zugeflüstert, dass sie das nicht macht, oder was?«, erwiderte Miguel ihm leicht gereizt. 

Riccardo schnaubte. Es war schon ein Wunder, dass sie hier überhaupt jemanden gefunden hatten, der ihnen einen Wagen vermieten wollte. Warum musste sein Bruder nun auf einem Modell bestehen, von dem sicher weltweit nur noch fünf unterwegs waren? Und dass auch nur, weil diese fünf aus irgendwelchen Gründen länger als alle anderen irgendwo bei einem Autohändler gestanden hatten. Sie waren doch hier, um das Land und die Leute kennenzulernen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Krieg ein Land verändert hatte. Und die Orte zu sehen, die der Krieg bis jetzt noch nicht zerstört hatte. Sie hatten jegliche Reisewarnungen ignoriert. Wenn sein Bruder seinen Dickkopf nun durchsetzen würde, wäre das erste Problem, dass sich ihnen stellen würde, ein defekter Wagen und nicht, wie er befürchtet hatte, ein Kugelhagel. 

Grinsend erinnerte Riccardo sich an das Gesicht der Dame am Check-in Schalter des Flughafens in Istanbul. Sie waren aus Venedig angekommen und hatten nach Kabul weiterreisen wollen. Die Dame hatte ihre Pässe genau angesehen und sie anschließend gefragt, ob sie geschäftlich nach Kabul reisen würden. Als Riccardo und Miguel das verneint hatten, waren ihre Augen riesengroß geworden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand in Afghanistan Urlaub machen wollte. Aber genau das hatten er und sein Bruder vor. Und zwar nicht in irgendeinem der wenigen Hotels, die noch ansatzweise sicher waren. Sie wollten das Land sehen, von dem viel Negatives im TV berichtet wurde. Vielleicht hatte man in wenigen Jahren bereits vieles von dem zerstört, was sie sehen wollten. Oder es wäre gar nicht mehr möglich, in dieses Land zu reisen. Sie wollten sich dieses Land mit eigenen Augen ansehen, und da es keine wirklichen Reiseangebote gab, die sie in die Gegenden bringen würden, wollten sie mit dem Auto auf Tour gehen. 

Aber um mit dem Auto reisen zu können, mussten sie erstmal eins haben, und genau das war gerade das Problem. Riccardo atmete durch. Vielleicht hatte sein Bruder recht. Der alte Wagen hatte sicher schon hunderttausend Kilometer hier zurückgelegt. Warum sollte er bei weiteren Tausend auseinanderfallen? Der Neuere der beiden hatte eine Klimaanlage und viel Elektronik, die, wenn sie irgendwo im Nirgendwo ausfiel, nicht mal eben repariert werden konnte. Überhaupt konnte man diese neumodischen Kisten ja nur mit einem Diagnosegerät und einem PC reparieren. Er zweifelte daran, dass man eben diese Geräte irgendwo am Straßenrand bei einer Werkstatt fand. Wenn es überhaupt Werkstätten auf ihrem Weg gab. An dem älteren Modell konnten sie das meiste noch selbst reparieren. 

»Okay, nehmen wir die weiße Kiste.« Stöhnend willigte er ein und konnte Miguels gewinnendes Lächeln sehen. »Bleibt der liegen, schiebst du ihn«, fügte er leiser hinzu, war sich aber sicher, dass Miguel ihn nicht gehört hatte, da er bereits in ein Gespräch mit dem Händler vertieft war. In Italien wäre der Wagen ein Fall für den Schrotthändler. Und selbst da müsste man noch draufzahlen, um ihn loszuwerden. 

Eine halbe Stunde später hatten sie sich den Wagen nicht geliehen, sondern für einen Spottpreis gekauft, da es teurer gewesen wäre, den Wagen zu leihen.

»So, lass uns fahren.« Miguels Hände lagen auf dem Lenkrad und er sah ihn grinsend an.

»Ja, es sei denn, du willst schieben«, feixte Riccardo zurück. Sie hatten Wasserreserven und Lebensmittel auf dem Rücksitz und auf der Ladefläche deponiert und ihre Route bereits mehrfach geplant. Ihr erster Weg würde sie nun in ein Naturschutzgebiet weiter nördlich führen. Er kannte nur die Bilder des Band-e-Amir Sees. Aber diese hatten ihn fasziniert und an den Grand Canyon erinnert. Um in die USA zu reisen, würden sie noch einige finanzielle Reserven anlegen müssen und vor allem würden zwei Wochen nicht reichen, um das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bereisen. Aber um die für diese Reise nötigen Reserven anzulegen, würden sie sich beide Arbeit suchen müssen, die länger als zwölf Wochen Bestand hatte. Miguel hatte bereits einen Plan, wie er sich weitere Reisen finanzieren wollte, Riccardo hingegen war nicht nur unschlüssig, er hatte überhaupt keinen Plan, was seine Zukunft anging. Um nicht weiter an die große unbekannte Zukunft zu denken, warf er ein Blick auf die Karte, die er bereits auswendig kannte.

Das Bande Pitaw Wildlife Refuge war ein einziger grüner Fleck auf der Karte und er war gespannt, was sie dort erwartete. Großwild gab es dort zwar nicht, aber er rechnete sich Chancen aus, einen Schneeleoparden in freier Wildbahn zu sehen, und er wollte mit einem kleinen geliehenen Boot auf den Band-e-Amir See hinausfahren. Das kristallklare, teils türkisfarbene Wasser und die steilen Abhänge waren etwas, dass er unbedingt von Nahem sehen wollte. Als Miguel ihm die ersten Bilder gezeigt hatte, hatte er gedacht, es wären Bilder des Grand Canyons, aber da waren neben der Farbe des Wassers auch die der Felsen gewesen, die die Unterschiede ausmachten.

Die Straße, die sie dorthin bringen sollte, war geteert und Riccardo war positiv überrascht. Es war kein Highway, aber eine vernünftige Straße, auf der sich Autos und Lkw so begegnen konnten, dass sie nicht auf den Seitenstreifen fahren mussten. Obwohl das Land vom Krieg gezeichnet war, und ihm schon am Flughafen viele Soldaten ins Auge gefallen waren, wunderte er sich über die starke Militärpräsenz. Immer wieder kamen ihnen Konvois aus schwer gepanzerten Fahrzeugen entgegen. Es waren Amerikaner, Deutsche, Franzosen und Belgier, die ihm, je weiter sie nach Nordosten vorankamen, immer häufiger auffielen. Schwerbewaffnet, bei Temperaturen teilweise über vierzig Grad, marschierten sie an den Straßen entlang und suchten nach Sprengfallen.

»Hast du dir mal überlegt, was mit uns passiert, wenn wir auf so ein Teil geraten?« Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er seinen Bruder. 

»Auf der Straße hier liegen die Dinger nicht im Teer, die haben sie am Straßenrand vergraben, und wenn du einem ausweichen musst … BÄM.« Miguel schlug mit der Hand auf das Lenkrad des Wagens. »Dann biste in praktische Einzelteile zerlegt und kannst in einem Einmachglas heimreisen. So kann man Kosten sparen. Dann kommst du als Päckchen daheim an.« 

»Alter, du bist widerlich.« Riccardo schüttelte sich angewidert. »Du musst da lang.« Er deutete auf eine Abzweigung. Er konnte es nicht leiden, wenn sein Bruder so leichtfertig über den Tod sprach. Gerade in Anbetracht dessen, dass sein Bruder vielleicht auch irgendwann einer der Soldaten sein würde, die hier ihr Leben riskierten. Riccardo haderte bereits seit Wochen mit sich, ob er Miguel seine Pläne zur Armee zu gehen ausreden sollte. Vielleicht würden aber die Dinge, die sie hier sehen würden, reichen, um ihn von seinen Plänen abzubringen. 

»Tja, dann ist das mit den tollen Straßen wohl nun vorbei was?« Miguel lenkte den Wagen auf eine sandige Piste. Die Straße war kaum als solche zu erkennen, aber wenn er seiner Karte und dem Schild, welches er gesehen hatte, Glauben schenken konnte, musste dies der richtige Weg sein. 

»Erzähl mir nicht, dass das Hwy hier für Highway steht.« Miguel deutete auf die Karte, die Riccardo auf dem Schoß hielt. Über Wochen hatten sie versucht, ein Navigationsgerät zu finden, welches sie kein Vermögen kostete und doch auch die unscheinbaren Sandpisten verzeichnete. Aber keines hatte sie komplett zufrieden gestellt und so hatten sie sich für die Karte als Navi entschieden. Auch auf die Gefahr hin, dass die Elektronik versagen würde, waren sie so besser vorbereitet. 

»Ich befürchte schon.« Riccardo grinste und wollte erwähnen, dass sie mit dem jüngeren Wagen vielleicht doch besser dran gewesen wären, da der eine andere Federung gehabt hatte und sie so nicht ganz so unter den Schlaglöchern gelitten hätten. 

»Kein Wort.« Miguel starrte verbissen auf die Straße. 

Sein Bruder kämpfte bis in die anbrechende Dunkelheit mit den Schlaglöchern und damit, dass die vermeintliche Straße teilweise wellig war wie ein Reibeisen. Ein schnelles Vorankommen war nicht möglich und so erreichten sie ihr Ziel nicht wie geplant.

Die Nacht verbrachten sie am Straßenrand im Auto, da Miguel die Augen nicht mehr offenhalten konnte und Riccardo sich weigerte, die unwegsame Straße bei Nacht zu befahren.

Kurz nach Sonnenuntergang entdeckte er das Positive an ihrer spontanen Übernachtung. Der Himmel war mit kleinen und großen leuchtenden Punkten übersät. Noch nie in seinem Leben hatte Riccardo so viele Sterne gesehen. Das gesamte Schwarz der Nacht war mit ihnen übersät. Sie funkelten mit dem Halbmond um die Wette und tauchten alles in ein mystisches Licht. Wenn der Wagen nicht gewesen wäre, hätte er daran gezweifelt, dass dieses Stück Erde je einen Menschen gesehen hatte. Es wirkte alles so friedlich und harmonisch, dass es ihm schwerfiel, nicht zu vergessen, dass hier seit Jahren Krieg tobte. Einer der vom Westen angezettelt worden war. 

Hier herrschten schon seit Jahrhunderten andere Regeln, hier war eine Parlamentswahl nicht von Bedeutung. Die Menschen in den Städten mochten einem solchen Ereignis noch Interesse schenken, aber auf dem Land, und davon gab es hier viel, war das anders. In jedem Dorf hatte der Dorfälteste das Sagen. Er war die höchste Instanz. Bei Meinungsverschiedenheiten entschied er. Wenn die Warlords einfielen, führte er die Verhandlungen. Der Dorfälteste war für die Dorfbewohner das Gesetz und niemand störte sich daran. Da konnte ein Präsident sonst welche Regeln erlassen. Diese Regeln galten in den Dörfern nicht, der Präsident kannte die Regeln der einfachen Dörfer und Siedlungen nicht. Er kannte das Leben dort nicht und die Bewohner der Dörfer kannten die Regeln des Präsidenten nicht. Das wiederum lag an der Wirtschaft und daran, dass immer wieder Staaten Hilfe versprachen, oder die Regierung um Hilfe bat, aber nie auch nur ein Dollar in neue Straßen gesteckt wurde, dass das Geld in einem Sumpf aus Korruption versickerte, ehe es dort ankam, wo es hinsollte. Wurde von Hilfsorganisationen in einem Dorf ein Brunnen gebohrt, konnte es sein, dass es zu heftigen Auseinandersetzungen kam, weil das Dorf nebenan mit dem Beschenkten schon seit Jahrzehnten verfeindet war und sich benachteiligt fühlte. Schulen für Mädchen brachten wenig, da schnell keine Mädchen mehr kamen, wenn die Schulen nicht beschützt wurden, da es immer wieder zu Übergriffen kam, weil die Menschen hier einfach immer noch der Meinung waren, dass Mädchen nicht zur Schule gehen sollten. 

Dieses Land benötigte über Jahrzehnte Hilfe, wenn man es zu dem machen wollte, was im Westen zu finden war, aber dazu waren einfach zu wenige da, die helfen konnten und wollten. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein, der oft verdunstete, ehe er den Stein überhaupt berührt hatte. Monate hatte Riccardo sich mit den Problemen Afghanistans auseinandergesetzt. Er hatte Artikel gelesen und recherchiert. Anfangs, weil er etwas über das Land erfahren wollte. Später, weil er darüber nachgedacht hatte, was dieses Land benötigte, um es zu ändern. 

»Willst du eine Coke?« Miguel schreckte ihn aus seinen Gedanken und er richtete seine Aufmerksamkeit auf seinen Bruder. 

»Klar.« Riccardo nahm die Cola entgegen, die Miguel ihm anbot und fragte sich insgeheim, ob sein Bruder auch irgendwann hier versuchen würde, das Land zu retten. Würde auch er sein Leben riskieren und seine Zeit opfern, um ein Land zu formen, welches nicht geformt werden wollte? 

»Über was denkst du schon wieder nach?« Miguel setzte sich neben ihn auf den sandigen harten Boden und Riccardo rollte mit den Augen. 

»Nichts.« Einen Schluck aus der Dose nehmend blendete er seine Gedanken aus. Miguel war der letzte, mit dem er sie teilen konnte und wollte. Sie mochten Brüder sein, aber im Herzen waren sie unterschiedlich wie Tag und Nacht. Miguel impulsiv, er hingegen besonnen. Er dachte oft und viel über Pros und Kontras nach, wenn er jedoch von etwas überzeugt war, gab es nichts, was ihn umstimmen konnte. Miguel hingegen ließ sich schnell und mit einfachen Mittel umstimmen. 

Die Nacht war kühl, und als am Morgen endlich die Sonne ihre ersten Strahlen auf sie warf, war Riccardo noch in der Lage, sie zu genießen. Lange würde dieses wärmende Gefühl sicher nicht anhalten, da es in einigen Stunden brütend heiß werden würde. Er sehnte sich nach einer Dusche und hoffte, dass es irgendwo im Park wenigstens die Möglichkeit gab in einem See ein Bad zu nehmen. Sie setzten ihre Fahrt noch in den frühen Morgenstunden fort. Der Wagen holperte über die unebene Fahrbahn und Riccardos Blick lag immer wieder auf den Menschen, die bei glühender Hitze selbst in den Mittagsstunden auf den Feldern arbeiteten. Sowohl die Ochsen und Pferde als auch die Menschen schienen der Hitze zu trotzen. Hier hatte sich die Uhr in den letzten hundert Jahren viel langsamer gedreht oder war gar stehen geblieben. Traktoren, die die Felder bewirtschafteten, sah er nicht mehr, seit sie Kabul verlassen hatten. Was er hier sah, kannte er nur aus Filmen oder Museen. Die Tiere zogen, von Menschenhand gelenkt, einen Pflug durch ein abgeerntetes Feld. Woanders wurde Stroh auf einen Wagen verladen, der von Pferden gezogen wurde. Es wirkte, als wären sie in der Zeit zurückgereist. Und doch schienen alle zufrieden. Sie gingen in ihrer Arbeit auf und waren glücklich mit und bei dem, was sie taten. 

Erst am Abend kamen sie am Naturschutzgebiet an. Die Kühlertemperatur ihres Wagens lag jenseits von Gut und Böse, aber sie hatten ihr Ziel erreicht und der Wagen somit seine Bewährungsprobe bestanden. 

»Ich hab doch gesagt, der ist gut. Du kannst ruhig mal meinem Urteil vertrauen.« Miguel lachte auf und Riccardo ärgerte sich darüber, dass sein Gesichtsausdruck wahrscheinlich seine Gedanken verraten hatte. Er ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen. Hier gab es Gräser, Büsche und Bäume. Noch vor wenigen Kilometern hatte Trockenheit das Bild bestimmt. 

»Wir sollten da rüberfahren, da haben wir Schatten und können das Zelt vernünftig aufbauen.« Miguel deutete auf eine Baumgruppe, vor der sich eine freie Fläche befand. Als er den Schlüssel herumdrehte, sprang der Wagen mit einem Scheppern an.

»Was ist das?« Verwundert sah Riccardo seinen Bruder an. 

»Keine Ahnung.« Miguel trat das Gaspedal durch, im nächsten Moment erklang ein weiteres Scheppern, und der Motor erstarb mit einem Knall. »Scheiße.« Fluchend stieg Miguel aus dem Wagen und öffnete die Motorhaube. Das Gesicht seines Bruders verschwand dahinter und Riccardo stieß die Beifahrertür auf. Brütende Hitze schlug ihm entgegen und nach wenigen Sekunden stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Wie konnte es am Abend noch so heiß sein? Der Gedanke, hier mit einem defekten Wagen gestrandet zu sein, gefiel ihm nicht. Er hatte keine Ahnung, ob es in der näheren Umgebung Menschen gab, die ihnen helfen konnten. Mussten sie warten, bis jemand vorbei kam? Aber wer sollte hier schon vorbei kommen? Die Menschen hier waren sicher nicht von der Sorte, dass sie einen Wochenendtrip oder Spontanurlaub in einem Naturschutzgebiet machten. Vorsichtig lugte Riccardo um die Ecke der Motorhaube. 

»Der ist trocken. Furztrocken«, brummte Miguel und hielt den Ölmessstab hoch.

»Scheiße«, entfuhr es Riccardo. Sie saßen fest. Er sah sich um. 

»Was suchst du? Eine Tankstelle oder einen Abschleppdienst? Oder was? Hier ist weit und breit nichts.« Miguel schlug die Motorhaube mit Wucht zu. »Scheiß Karre.« Mit dem Fuß trat er gegen den Kühlergrill und fuhr dann ihn an. »Kein Wort.« 

»Ich wollte nichts sagen«, beteuerte Riccardo, auch wenn ihm ein Kommentar auf der Zunge lag.

Stunden später hatten sie ein kleines Feuer entfacht und sich ihre Instantnahrung mit etwas Wasser aufgewärmt. Wasser würde in den nächsten Tagen ihr größtes Problem werden. Es ging zur Neige und er befürchtete, dass das Wasser des nahegelegenen Sees nicht trinkbar war. Sie mussten sich in der Morgendämmerung dringend genauer umsehen. Miguel war der Meinung, dass es in der Nähe einige Häuser geben musste, in denen unter anderem Ranger lebten, die sich um das Reservat kümmerten. Riccardo nahm einen Schluck aus seiner Coladose und verzog angewidert den Mund. Die Coke war nicht nur warm, sie war auch abgestanden. Dabei war Cola seit Jahren fast eines seiner Grundnahrungsmittel. Aber diese hier war absolut nicht mehr trinkbar. 

»Hast du das gehört?« Miguel drehte den Kopf zur Seite. 

»Nö.« Er kippte den letzten Rest der Dose in das Gras, lieber würde er verdursten, als das zu trinken, was sich darin befand. 

»Ich dachte gerade, ich hätte was gehört.« Miguel kratze sich am Kopf. 

»Du hörst die Mücken husten.« Riccardo lachte auf und stockte nur Sekunden später. Da war tatsächlich ein Geräusch. Ein Motorengeräusch, das näher kam. Auch sein Bruder schien es wieder gehört zu haben und sprang auf. 

»Wo hast du die Taschenlampe?« Miguel trat nervös von links nach rechts.

»Warum sollte ich die haben? Willst du nun SOS mit dem Ding funken, oder was? Der Wagen fährt entweder an uns vorbei oder sie halten an und erklären uns, dass man hier kein Feuer machen darf«, murrte er seinen Bruder an. Was ihm ganz gelegen käme. So könnten sie wenigstens auf ihre missliche Situation aufmerksam machen.

»Mit irgendwas muss ich mich ja zur Wehr setzen«, raunte Miguel. 

»Mit einer Taschenlampe?« Riccardo lachte kurz amüsiert auf und verschluckte sich an seinem Lachen, als Miguel  den Finger auf seinen Mund legte. Wollte sein Bruder ihm nun Angst machen? Auch er konnte hören, dass der Wagen immer näher kam. 

»Warum tust du so, als wären das Menschen, die uns was Böses wollen? Vor einer Stunde warst du noch verzweifelt auf der Suche nach jemandem, der uns helfen kann«, raunte er seinem Bruder unsicher zu. Sollte, wer auch immer da gerade kam, etwas Böses im Schilde führen? 

»Wer sollte sonst mitten in der Nacht …« 

»Es ist noch nicht mitten in der Nacht verdammt, aber ja ich weiß, auf was du hinaus willst, du Schwarzmaler.« Riccardo lauschte auf das Motorengeräusch. Nur Sekunden, nachdem er seinen Bruder angefahren hatte, konnte er Lichter erkennen. Sein Herz begann zu rasen. Was, wenn Miguel recht hatte und um diese Zeit nur Verbrecher unterwegs waren? Sie hatten doch nichts außer der großen Taschenlampe, die Miguel wie einen Schläger vor sich hielt, ihre Rucksäcke und ein paar Thermosflaschen und Coladosen. Damit ließ sich ein Feind weder vertreiben noch bestechen. 

Eine knappe Minute später hielt ein alter Landrover nur wenige Meter neben ihnen an. Der Fahrer starrte grimmig über sein Lenkrad, als der Beifahrer die Tür aufstieß und Riccardo das Herz fast stehenblieb. Wenn das Ranger waren, welche Strafe stand in diesem Land auf Wildcampen und offenes Feuer?