Codename Widow – Wahrheit ist tödlich

 In der Luft lag das leise Surren der Klimaanlage, welches lediglich durch das Geräusch der
Tastatur durchbrochen wurde, wenn Captain Ryan DeSanto eine neue Suchanfrage in den Browser
eingab. Es war kurz nach Mitternacht und die einzigen, die aktuell noch auf dem Gelände rund um
die unscheinbare Halle, in der er saß, unterwegs waren, waren die Wachmänner. Einmal in der Stunde
drehten sie eine Runde durch das Gebäude, um nach dem Rechten zu sehen. Das große Bauwerk, in
dem er schon seit einigen Stunden saß, war von außen betrachtet eine schlichte und in die Jahre
gekommene Werkshalle aus Wellblech. Sie lag nur etwas mehr als einen Kilometer von der
mexikanischen Grenze in San Diego entfernt. So unscheinbar sie von außen wirkte, so hochmodern
war sie von innen, ausgerüstet mit Hightech der neuesten Generation. Die unscheinbaren
Wellblechwände waren an den Innenwänden mit massiven Mauern nachgerüstet worden. Es gab drei
separate Büros, die sie vielfältig nutzten, der Rest der ehemaligen Werkshalle war offen und ohne
weitere Zwischenwände eingerichtet. Einige Schreibtische standen so gruppiert, dass man zusammen
arbeiten konnte, ohne lange Wege zurückzulegen. Zudem war ein Teil der Halle zu einem
gemütlichen Treffpunkt mit Theke, Billardtisch, Dartscheibe, Fernseher und einem in die Jahre
gekommenen Flipperautomaten umgebaut worden. Im gegenüberliegenden Part der Halle waren ihre
Ausrüstung und Fitnessgeräte untergebracht. Dort hatte sich der Anblick im Gegensatz zu ihrer alten
Unterkunft nicht verändert. Die Metallkäfige beinhalteten die persönlichen Ausrüstungsgegenstände
jedes einzelnen Teammitglieds und die Sportgeräte ermöglichten ihnen Work-outs, wann immer
ihnen danach war. Außerdem gab es einen kleinen, abgetrennten Trakt, von dem Türen zu kleinen
Schlafkojen abzweigten, wie sie sie auch aus Auslandseinsätzen kannten. Diese hier waren bisher
kaum in Nutzung gewesen und doch hielten sie so für die Teammitglieder, die etwas weiter von der
Basis entfernt lebten, die Möglichkeit vor, schnell einsatzbereit zu sein.
Ryan strich sich gähnend durch die Haare und ließ seinen Blick zurück auf den Bildschirm
wandern. Er war nicht in der Lage, sich auf das zu konzentrieren, was er las, denn seine Gedanken
wanderten immer wieder zu Minister Underwood. Dieser hatte sie in den letzten zwei Monaten
mehrfach auf kleine Missionen geschickt. In den meisten Fällen hatten sie Geiseln befreit, zwei Mal
auch nur Informationen besorgt. Immer unter dem Motto ungesehen rein und wieder raus. Es waren
nie Schüsse gefallen, obgleich die Einsätze spektakulär gewesen waren. Sie hatten ihre Jobs gut
gemacht und Ryan war bewusst geworden, dass seine Sorge, dass sie anderen SEAL-Teams, der Delta
Force oder anderen Einheiten die Missionen streitig machen könnten, sich nicht bewahrheitete.
Underwood hatte sie in Regionen der Welt geschickt, in der offizielle Einsätze unter Umständen
monatelange diplomatische Vorarbeit benötigt hätten, um sie von Seiten der Regierungen zu
genehmigen.
Eine zufallende Tür löste ihn aus seinen Gedanken. Es war halb eins, als er zu dem blonden
hageren Mann mit den stahlblauen Augen sah, der auf ihn zukam. Mitch war nach einer Verletzung
aus der Navy ausgetreten und arbeitete nun als einer von sechs Wachmännern hier an ihrer Basis.
»Captain DeSanto, man sollte meinen, Sie haben kein Zuhause. Was sagt Ihre Freundin dazu, dass
Sie schon wieder die Nacht hier verbringen?«
»Wahrscheinlich das gleiche wie immer.« Ryan bemühte sich um einen neutralen
Gesichtsausdruck. Er vermied es, den Angestellten hier zu viel über sein Privatleben zu erzählen.
Was, wenn er ehrlich zu sich war, unfair war, denn sie wussten über die Männer des
Sicherheitsdienstes und den übrigen Angestellten aus den Büros alles. Nur so konnten sie
sichergehen, dass keine wichtigen Informationen nach außen getragen wurden. Diese Männer und
Frauen hatten alle eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen müssen. Dass sie mit niemandem
überhaupt nur über die Existenz, geschweige denn über den Standort des Teams redeten. Sie passten
offiziell auf eine Halle voller Maschinen auf, die von ihnen untersucht und gewartet wurden. So oder
so ähnlich hatte Ronan Underwood, seines Zeichens Verteidigungsminister, es in den Unterlagen
formulieren lassen. Mitch lächelte und wandte sich, ihm noch einen ruhigen Abend wünschend, ab.
Ihre Angestellten hatten sich damit abgefunden, dass der Kontakt zu ihnen nicht besonders intensiv
war.
»Was versteckst du?« Murmelnd gab er den Namen, der ihn umtrieb, in ein weiteres Suchfenster
ein. Erneut tat sich im Lebenslauf des Gesuchten eine Lücke von zwei Jahren auf. »Das gibt es doch
nicht.« Gefrustet lehnte Ryan sich zurück. Diese zwei Jahre waren überall, wo er nach dem Namen
Joseph Zafer suchte, vorhanden. Es war, als hätte der SEAL in diesen Jahren gar nicht existiert. Zwei
Jahre unter dem alten korrupten Minister Clarkson. Ryan biss sich auf die Unterlippe und rief sich

eine Kopie der Personalakte von Zafer auf. Sie war fast zehn Jahre alt. Damals hatte Zafer noch bei
den SEALs gedient. Bei jeder Suche tauchte aber noch ein anderer Name auf, der sein Interesse
weckte: Jillian Zafer. Wenn er dann nach diesem Namen suchte, stieß er auf mehrere Frauen in San
Diego. Stück für Stück sortierte er aus und entdeckte schließlich ein Foto von Jillian und Joseph mit
einem Kleinkind vor einem privaten Kindergarten. Der Untertitel des Bildes, das sich auf der
Internetseite befand, deutete darauf hin, dass Zafers tausend Dollar für den Kindergarten gespendet
hatten. Ein recht üblicher Vorgang bei privaten Schulen und Kindergärten. So konnten sich Familien
in die Riege derer einkaufen, die ihre Kinder an solche Bildungsinstitutionen schickten. Zwar
spendeten auch andere, aber meist handelte es sich um wohlhabende Familien, in deren Kreis man
sich die Anerkennung in Form von Finanzspritzen an Kindergärten und Schulen erschleichen musste.
Eine solche Spende war für viele Normalbürger ein enormer Aufwand, den nur sehr wenige leisten
konnten. Zeitgleich mit der Spende stiegen sie auch im Ansehen der anderen Familien. Ryan wurde
bewusst, dass Joseph mit einigen seiner Aussagen über seine Finanzlage auf diese Dinge angespielt
hatte. Es war unter Umständen nicht leicht, seine Sprösslinge als Soldat in diese Kreise einzubringen.
Ryan stellte die Gründe, warum Joseph seine Mädchen nicht an eine öffentliche Schule geschickt
hatte, nicht in Frage. Er hörte nicht immer gute Dinge über die staatlichen Schulen und würde –
sollte er je eigene Kinder haben – diese wohl auch auf eine private Schule schicken.
Seine Suche in den kommenden Minuten machte deutlich, dass Jillian Zafer als Friseurin nicht in
der Lage sein konnte, den Standard zu erhalten, den Joseph aufgebaut hatte. Ryan fand heraus, dass
Joseph zwei Kinder hinterlassen hatte, Danice und Liza. Er konnte jedoch über die Mädchen nicht
mehr als die Geburtsdaten herausfinden. Mit elf und neun Jahren gingen sie mittlerweile zur Schule
und in Ryan kam die Vermutung auf, dass es sich auch bei den Schulen nicht um vom Staat
finanzierte handeln würde. Sehr wahrscheinlich war Joseph seinem Weg nach dem privaten
Kindergarten treu geblieben. Er warf einen Blick nach rechts, wo sein Handy neben der Maus lag.
Anne, seine Lebensgefährtin, hatte um kurz nach neun nur ein »Okay, mach nicht zu lange.« als
Antwort darauf geschickt, dass er hierbleiben und recherchieren würde. Sie fragte nie, warum er
länger blieb. Das war einer dieser wunderbaren Punkte, die er an ihr liebte. Die Frau von Elijah
Kuijers, der wie er hier den Posten eines Captains innehatte, war, wie Ryan miterlebt hatte, anders.
Mieke benötigte Gründe für die längere Abwesenheit, wenn es nicht um einen Einsatz ging, sonst rief
sie häufiger an. Elijah schob diesen Umstand dann auf den gemeinsamen Sohn und Ryan war in
solchen Momenten froh, dass Anne noch nie einen Kinderwunsch ausgesprochen hatte. Obgleich es
für ihn, der auf die vierzig zusteuerte, nun wohl wirklich an der Zeit wäre, mit der Familienplanung zu
beginnen, hegte er nicht den geringsten Wunsch danach, Windeln zu wechseln.
Wie mochte es Jillian Zafer damit gehen, ihren Mann so plötzlich verloren zu haben? Ryan ging
davon aus, dass Joseph für einen Fall wie diesen vorgesorgt hatte. Das taten sie alle. Jeder von ihnen
hatte schon zu Beginn der Dienstzeit sein Testament geschrieben und überarbeitete es, wenn es nötig
war, vor jedem Einsatz.
Vielleicht waren die finanziellen Sorgen, die über der Familie geschwebt hatten, sollte Joseph
seinen Job niederlegen, längst vergessen. Unter Umständen hatte Joseph so gut vorgesorgt, dass die
Kinder ihre schulische Laufbahn weiterverfolgen konnten und später abgesichert waren. Ryan
grübelte, ob es für ihn eine Möglichkeit gab, diese Frage für sich zu klären. Konnte er irgendwo das
Testament von Zafer einsehen oder herausbekommen, ob für die Familie gesorgt war? Sein Blick glitt
über Josephs in den Navy-Akten akribisch geführten Lebenslauf und blieb erneut an den zwei Jahren
hängen, die einfach fehlten. Keine Einträge der Navy, nichts. Selbst Josephs Herzinfarkt war in den
Papieren eingetragen und der Tag, an dem er das erste Mal bei der I.A.T.F aufgetaucht war. Irgendwie
gab es über alles irgendwelche Akten und Notizen, die nur selten sehr kurz waren. Nur eben über
diese zwei Jahre, die einige Monate vor Zafers erstem Auftauchen bei der I.A.T.F endeten, fand er
nichts. Zafers Lebenslauf las sich wie der von vielen anderen. Ausbildung bei der Navy, anschließend
die Entscheidung, sich weiterzubilden und schließlich als Captain ein Team zu leiten, das er vor fünf
Jahren abgegeben hatte, da er sich für den Schreibtischdienst entschieden hatte. Dieser schien ihm
wiederum nach eineinhalb Jahren zu langweilig geworden zu sein, denn ab dort war er immer wieder
unterwegs, um sich ein Bild von den SEAL-Teams zu machen.
Ryan warf einen Blick auf die Uhr. Zwei Uhr in der Nacht und er war kein Stück weiter als vor ein
paar Stunden. Viele Stunden hatte er mittlerweile mit der erfolglosen Suche verschwendet. Er stellte
sich die Frage, ob er Hilfe beim jetzigen Verteidigungsminister suchen sollte. Ronan Underwood
 
 
könnte ihm unter Umständen die Fragen beantworten, die während der Recherche aufgetaucht
waren. Denn seine eigentliche Frage, ob Zafers Familie gut abgesichert war, war in den letzten
Stunden in den Hintergrund gerückt. Aktuell war da vor allem die Frage nach den zwei Jahren, die
nicht zu existieren schienen. Wenn es um Geheimhaltung ging, würde er doch wenigstens eine
Meldung bekommen, dass seine Sicherheitsstufe nicht ausreichend war. Aber nicht einmal diese
Warnmeldung gab es. Murrend fuhr er den PC herunter und erhob sich. Er würde nach Hause fahren
und einige Stunden schlafen. Er nahm sich vor, am kommenden Morgen seinen Kameraden Harry
Flynt um Rat zu fragen. Schließlich war dieser ein Computergenie und konnte ihm womöglich die
fehlenden Informationen beschaffen. Vielleicht waren auch einfach irgendwelche Daten verloren
gegangen. Ein Serverabsturz und die verschwundenen Jahre lagen irgendwo in einer Sicherungsdatei
und es war bisher niemandem aufgefallen, dass etwas fehlte.
Das wird es sein, redete Ryan sich auf dem Weg nach draußen ein. Ein simpler IT-Fehler, weil
Joseph tot war und somit keiner da war, der sich für den Lebenslauf des Captains interessierte. Dann
konnte auch niemand die fehlenden Daten wiederhergestellt haben.
»Gute Nacht, Captain DeSanto.« Mitch, der mit einem anderen Wachmann seine Runde um das
Gebäude drehte, sprach ihn an, als er die Tür hinter sich schloss.
»Gute Nacht.« Ryan nickte den beiden Männern im Schein der schwachen Außenbeleuchtung zu
und machte sich auf den Weg zu seinem silbernen Traverse.
Eine halbe Stunde später stand er vor dem kleinen Haus, in dem er gemeinsam mit Anne Haston,
seiner Lebensgefährtin lebte. Nur kurz wanderte sein Blick von seiner beleuchteten Einfahrt auf die
gegenüberliegende Straßenseite. Das Haus seines ehemaligen Kameraden John Thomsen stand seit
Langem leer. Die Frage, ob John je wieder dort einziehen würde, war seit kurzem wieder aktuell.
Denn der Mann, der ihn in das Team geholt hatte und ohne den er Anne wohl nie kennengelernt
hätte, war zurück in San Diego. Allerdings befand er sich in psychiatrischer Behandlung. Im Moment
konnte keiner sagen, wie lange diese dauern würde und wie der ehemalige Captain des Bravo-Teams
anschließend weiter machen wollte. Unter Umständen würde er mit seiner Freundin zurück nach
Deutschland gehen.
Ryan schüttelte die Gedanken ab und stieg aus seinem Wagen. Im Haus brannte wie erwartet kein
Licht mehr. Anne war sicherlich längst im Bett und schlief. Er schloss seinen Traverse ab und ging
über den mit großen Betonsteinen gepflasterten Weg zum Eingang. Den Schlüssel ins Schloss
schiebend, bemühte er sich, möglichst leise zu sein. Er wollte seine Freundin nicht wecken oder ihr
einen Schreck einjagen. Die Tür aufschiebend, verharrte er erstaunt einen Augenblick. Der Fernseher
im Wohnzimmer lief noch. Das hatte er von der Straße aus nicht sehen können. Er war davon
ausgegangen, dass Anne im Bett war. Schließlich hatte er gesagt, dass er vielleicht die Nacht in der
Basis verbringen würde. Sie hätte das ganze Bett für sich haben können. Vorsichtig und damit
rechnend, Anne schlafend auf dem Sofa zu finden, betrat er das Wohnzimmer, in Gedanken bereits
bei der Frage, ob er sie wecken sollte oder nicht. Jedoch war es nicht Anne, die dort auf dem Sofa lag
und ihn nun mit großen Augen ansah. Es war Carola Klein, Johns deutsche Freundin. Die brünette
Frau richtete sich ertappt auf und schob die Füße von der Couch auf den Boden.
»Ähm, hi.« Ryan grüßte sie.
»Hi.« Carola hob knapp die Hand. »Anne sagte, du bist nicht da«, fügte sie dann auf Englisch
hinzu.
Kurz war er froh, dass sie ihn auf Englisch ansprach, denn sein Deutsch war eine Katastrophe,
wie ihm seine deutschstämmigen Kollegen Yvonne und Dennis oft sagten, wenn er Versuche startete,
sich in deren Muttersprache zu unterhalten. Sie rieten ihm dann immer zu seiner Übersetzerapp,
damit er nicht versehentlich in Schwierigkeiten geriet.
»Na ja, eigentlich wollte ich auch nicht hier sein, aber ich habe es mir anders überlegt. Aber was
machst du hier? Ist Anne oben?« Er deutete aus der Tür.
»Ja, sie ist vor ein paar Stunden ins Bett. Ich konnte nicht schlafen, deswegen habe ich den
Fernseher angemacht.« Carola lächelte ihn erschöpft an. Wahrscheinlich machte sie sich Gedanken
um den Mann, an den er noch vor ein paar Minuten gedacht hatte.
»Ist mit John alles ok?« Obwohl er die Frage stellte, rechnete er damit, dass es John gut ging. Sollte
das nicht der Fall sein, hätte Anne ihn angerufen.
»Ja, soweit wie immer.«
 
 
»Warum bist du hier?« Ryan wollte den Grund für Carolas Anwesenheit wissen. Vor allem, da es
mitten in der Nacht war. Die Deutsche bewohnte eigentlich ein kleines Appartement, welches sie von
Carol Redman für die Zeit ihres Aufenthalts hier vermittelt bekommen hatte.
Es war nicht zu übersehen, dass Carola bei ihrer Antwort zögerte, denn sie sah ihn eine Weile an
und starrte dann wieder auf den Bildschirm des Fernsehers.
»Eigentlich wollte ich nur die Frau kennenlernen, von der John immer noch spricht«, gestand sie
leise. Diese Worte versetzten ihm einen Stich ins Herz, obwohl er wusste, dass es zwischen seiner
Lebensgefährtin und John nie eine Beziehung gegeben hatte.
»Wir haben gesprochen, Anne hat eine Flasche Wein aufgemacht, wir haben weiter gesprochen
…«
»Und dann hast du einen Wein zu viel getrunken?« Ryan musste sich an einem Schmunzeln
hindern. Dass Carolas Anwesenheit nur dem Alkohol zuzuschreiben war, den Anne ihr angeboten
hatte, hatte er nicht bedacht. Aber es sah ihr ähnlich. Sie bot Besuch gerne Wein oder Bier an, und
wenn dieser dann nicht ablehnte, weil er, wie Anne zum Beispiel, noch fahren musste, wurde meist
ein Taxi gerufen. Jemanden hier übernachten zu lassen war natürlich ebenfalls eine Option. Ryan
spürte, wie er sich entspannte.
»Ja und Nein.«
Die kurzfristige Entspannung war ebenso schnell verschwunden, wie sie eingetreten war, als
Carola ihn ansah.
»Ich habe deine Freundin ein wenig ausgefragt. Wollte wissen, über was sie und John damals so
gesprochen haben, was sie unternommen haben. Ich wollte wissen, wie ich mich ihm wieder nähern
kann. Er ist in letzter Zeit sehr reserviert mir gegenüber. Ich bin mir nicht sicher, ob wir als Paar
weitermachen können und als Freundin, wie es mit Anne war – das kann ich nicht. Dann will ich
wieder zurück. Außerdem glaube ich nicht, dass John wieder nach Deutschland will. Wobei ich im
Moment überhaupt nicht weiß, was er will. Er redet kaum mit mir. Und wenn er redet, dann fällt halt
immer wieder der Name deiner Freundin.« Carolas Aufmerksamkeit lag weiterhin auf ihm.
»Entschuldige, dass ich …«
»Nein, es ist okay.« Ryan zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck und dazu, ruhig zu
bleiben. Hatte John Gefühle für Anne? Hatte er sie immer gehabt und nie dazu gestanden? Er
ertappte sich dabei, dass er die Zähne aufeinanderpresste.
»Wie hat Anne reagiert? Ich meine – John hat immer gesagt, dass sie nur eine Freundin war und
sie sagt das auch.« Angespannt wartete er auf die Antwort von Carola. War da etwas zwischen Anne
und John, von dem er nichts wusste? Er musste sich zwingen, die Eifersucht, die in ihm emporstieg,
zu kontrollieren. Eine Stimme in ihm rief ihn zur Ordnung, als eine andere noch lauter wurde. Eine,
die ihm sagen wollte, dass Anne vielleicht nur aus Verzweiflung mit ihm zusammengekommen war
und ihn damals angelogen hatte, als John vermisst wurde und sie bereits davon ausgegangen war, dass
er tot war. Womöglich hatte sie ihnen allen etwas vorgemacht und sich in eine neue Liebe retten
wollen, um den Schmerz des Verlustes nicht zu sehr zu spüren. Und da war er ihr gerade recht
gekommen. Er selbst hatte seine beste Freundin bei einem feigen Attentat verloren. Eine Freundin,
der er nie seine Liebe hatte gestehen können. Eine Liebe, von deren Existenz er selbst irgendwie nie
wirklich gewusst hatte. Was, wenn es bei Anne und John ähnlich war? Mit dem kleinen, aber
entscheidenden Unterschied, dass John noch am Leben war und die beiden sich nun über ihre
Gefühle füreinander klar werden konnten. Nein, nein. Anne hatte ihm nicht nur einmal gesagt, dass
nie etwas zwischen ihr und John gewesen war, was über eine gute Freundschaft hinaus gegangen war.
Dass Ryan mit den Zähnen knirschte, wurde ihm erst bewusst, als er Carolas forschenden Blick
bemerkte.
»Sie hat genau das gesagt. Dass sie sehr gute Freunde waren. Sie hat mir ein wenig von dem
erzählt, was John ihr unter vier Augen von Einsätzen erzählt hat. Von dem, was ihn damals belastet
hat. Sie ist sich aber nicht sicher, was sie mir sagen darf und was nicht. Also wegen der
Geheimhaltung. Es war vieles dabei, von dem er mir nie erzählt hat. Irgendwie fast alles. Ich weiß
gefühlt gar nichts von ihm.« Sie senkte den Blick. Dieser Punkt schien sie sehr zu belasten. »Wir
kennen uns nun schon lange, aber da ist so vieles, was ich nicht von ihm weiß.«
Ryan nickte und ihm wurde klar, dass er etwas sagen musste. »Ich glaube, er wollte mit seinem
Entschluss, in Deutschland zu bleiben, mit dem Abschließen, was passiert ist, und neu anfangen.«
 
 
»Na, das hat mal so gar nicht funktioniert. Sein Leben ist das, was hier war. Wie kann er denken,
dass man das einfach wie ein paar alte Socken weglegen kann? Das Leben ist doch kein
Computerspiel, das man mal eben resetten und neu beginnen kann.«
Ryan konnte die Verzweiflung in Carolas Stimme hören. Langsam und über eine Antwort
nachdenkend, setzte er sich in den Sessel. Auch wenn er müde war und in seinem Kopf ohnehin
schon viele Fragen herumgeisterten, würde er nun erst recht keinen Schlaf mehr finden können.
»Ich denke, er hat sich genau das gewünscht. Dass er alles auf null setzen kann. Vor allem, nach
dem, was ihm passiert ist. Das steckt man nicht einfach so weg.«
»Das habe ich auch nicht erwartet. Ich habe ihn ja die ganze Zeit begleitet. Es war nie ein Problem
für mich, dass im Flur nachts immer das Licht brennen musste, oder dass er nicht gerne einkaufen
geht. Dass er Schlafstörungen hat. Ich bin sogar mit ihm wachgeblieben, habe teilweise meine
Schichten so gelegt, dass ich trotzdem ausgeschlafen zur Arbeit kommen konnte. Es war nie ein
Thema für mich.« Sie hob die Hand, als er etwas einwerfen wollte. »Ich weiß, für ihn ist es eins. Er ist
der SEAL – der Typ, der wie ein Vampir die Nacht zum Freund hat. Der sich keine Schwächen
leisten darf. Ich habe versucht zu akzeptieren, dass genau das sein Dilemma ist. Also… dass er ein
Problem damit hat, überhaupt welche zu haben. Du weißt, was ich meine.«
Ryan nickte. Er hatte ihr vor wenigen Sätzen genau das sagen wollen. Dass John der Typ Mann
war, der jahrelang hatte lernen müssen, dass es nichts gab, was man nicht lösen konnte. SEALs
fanden immer eine Lösung. Zumindest galt das für die Einsätze, auf die man sie schickte. Sie waren in
langen, harten Trainings dazu geformt worden, dass es nichts gab, was sie nicht bewältigen konnten.
Nur für zwei Punkte hatte man ihnen keine Lösungen an die Hand gegeben: Wie ging man damit um,
wenn die Psyche verrückt spielte und Dämonen zum alltäglichen Begleiter wurden? Und wie wurden
Probleme mit Behörden gelöst, an die sie sich wenden sollten, wenn sie Probleme hatten? Schließlich
erwarteten die Allermeisten von ihnen, dass sie keine Probleme hatten.
»Irgendwie habe ich gehofft, dass Anne mir einen Rat gibt. Und als sie gesagt hat, dass du wohl
heute nicht mehr nach Hause kommst, dachte ich, es wäre kein Problem, wenn ich hierbleibe.«
»Es ist kein Problem.« Ryan war sich für einen Augenblick nicht sicher, ob seine Worte der
Wahrheit entsprachen, denn irgendwie war es ein Problem, dass sie hier war.
 
 
2.
Anne wusste nicht genau, was sie geweckt hatte. Für einen Moment war sie einfach
liegengeblieben und hatte auf die Geräusche gelauscht, bis ihr bewusst wurde, dass sie Ryans Stimme
hörte. Der Blick zum Wecker ließ sie ungläubig blinzeln. Es war kurz nach zwei Uhr in der Nacht,
eine ungewöhnliche Zeit für ihn, um nach Hause zurückzukehren. Er hatte ihr nicht geschrieben,
warum er nicht kommen würde, nur dass es später werden würde und schließlich, dass er die Nacht
wohl dort verbringen wollte. In dem Moment hatte sie Carola angeboten, auf der Couch zu schlafen
und sich kein Taxi mehr zu rufen. Einen kurzen Moment versuchte sie, die leisen Gesprächsfetzen zu
verstehen, die sie hören konnte, aber es war ihr nicht möglich, weswegen sie unter der Bettdecke
hervorkroch, ihre Füße in ihre Plüschschlappen schob und sich den Bademantel überwarf, der auf
Ryans leerer Seite lag. Sie benötigte vom Schlafzimmer zum Wohnzimmer nur wenige Schritte und
entdeckte Ryan nach vorne gebeugt im Sessel, während Carola auf der Couch saß und sich die
Wolldecke, die Anne ihr gegeben hatte, vor die Brust gezogen hatte. Ryan war der Erste, der sie
bemerkte und sein prüfender Blick sorgte dafür, dass auch Carola zu ihr sah.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Ich denke, ich rufe mir ein Taxi und fahre nach
Hause.«
»Quatsch.« Ryan nahm ihr so schnell das Antworten ab, dass sie nicht einmal Luft geholt hatte.
Auch Anne hätte gesagt, dass Carola hierbleiben sollte, selbst dann, wenn Ryan nun etwas anderes
gesagt hätte. Dass er nur kurz zu Carola sah, sorgte bei Anne für eine innere Unruhe. Sein Blick
wurde von Sekunde zu Sekunde intensiver. Sie konnte ihm ansehen, dass er Fragen hatte. Viele
Fragen. Sie stellte sich ebenfalls eine. Was hatte Carola ihm gesagt? Wie viel von ihrem langen
Gespräch hatte sie bereits offengelegt? Unter Umständen wäre es besser gewesen, wenn sie vor
Stunden gefahren wäre. Dann wäre da nun nicht dieser Blick von Ryan.
»Ich denke, ich lege mich noch ein paar Stunden hin. Die Arbeit will mich ohnehin früh genug
wiedersehen.« Ryan stand auf, ohne sie aus den Augen zu lassen, und ihr wurde klar, dass die Nacht
mit einem langen Gespräch enden würde. Im Augenwinkel sah sie das Nicken von Carola und
bemerkte auch den kurzen Blick, den die Deutsche ihr zuwarf. Ihr war die Situation, in der sie gerade
steckte, sichtlich unangenehm.
Als Ryan zu ihr kam, blieb er kurz neben ihr stehen und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich
gehe kurz duschen«, erklärte er ihr, was für ein wenig Entspannung bei ihr sorgte. Er würde gleich das
Gespräch suchen, aber der Umstand, dass er ihr einen Kuss gegeben hatte und ruhig klang, nahm ihr
die Sorge vor einem drohenden Streit. Als Ryan im Bad verschwunden war, fand Carola
offensichtlich ihre Sprache wieder.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken«, entschuldigte sie sich leise, ohne Anne anzusehen.
»Schon gut. Ich wusste nicht, dass er doch noch nach Hause kommt. Meist bleibt er wirklich die
Nacht über weg und taucht erst am nächsten Abend auf. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse.«
Tief in ihr drin verlangte eine Stimme, dass sie sich entschuldigte.
»Das ist okay. Ich denke, ich versuche noch ein wenig zu schlafen. Wirf mich bitte raus, wenn du
zur Arbeit fährst. Ich würde gern nach Möglichkeit mit John frühstücken.« Carola gähnte, doch Anne
konnte ihr ansehen, dass dieses Gähnen nicht echt war. Sie ging davon aus, dass Carola nicht schlafen
können würde, egal, ob der Fernseher lief oder ausgeschaltet war. Sie hatte bei ihrem Gespräch
erwähnt, wann sie das Haus verlassen würde und Anne hatte Carola eine kurze Einweisung in die
Bedienung der Kaffeemaschine gegeben und ihr gesagt, sie möge sich wie daheim fühlen.
»Gute Nacht.« Sie nickte ihrem Couchgast zu und machte sich auf den Weg ins Schlafzimmer.
Ryan stand noch unter der Dusche, denn das Wasser rauschte noch durch die Leitungen, was man
aufgrund der dünnen Wände im gesamten Haus hören konnte. Würde er lange duschen, um seine
mögliche Anspannung loszuwerden? War er überhaupt angespannt? Er hatte ihr einen Kuss gegeben
und nicht angespannt gewirkt, vielleicht hatte er es aber auch gut überspielt.
Im Schlafzimmer angekommen, zog sie ihren Bademantel wieder aus und kroch, nur mit einem
alten Shirt bekleidet, unter die Decke, wo sie dem Rauschen des Wassers lauschte, welches schließlich
endete. Kurz konnte sie hören, wie etwas ins Waschbecken fiel, dann war einige Minuten Stille, ehe
die Badezimmertür sich öffnete. Sie konnte ihren Freund riechen, bevor sie ihn sah. Der herbe Duft
 
 
seines Duschgels strömte aus dem Bad und gelangte mit ihm gemeinsam in ihr Schlafzimmer. Nur in
schwarzen Shorts bekleidet, kam er auf sie zu.
»Ich wollte dich nicht wecken«, erklärte er nun, was sie grinsen ließ.
»Du bist jetzt der zweite, der das sagt.« Auf seinen fragenden Blick hin sprach sie weiter: »Carola
hat genau das gleiche gesagt.« Als sie den Namen ihres Übernachtungsgastes aussprach, veränderte
sich etwas in der Mimik von Ryan, obwohl er es zu überspielen versuchte, indem er sich auf die
Bettkante setzte und sich schließlich neben sie legte.
»Was genau wollte sie? Ist sie nur hiergeblieben, weil ihr Wein getrunken habt?« Er hatte sich zu
ihr umgedreht und musterte sie intensiv.
»Nein, ich glaube, es ist gerade alles sehr schwer für sie. John ist wohl recht anstrengend und oft
unzufrieden mit sich selbst. Und die Therapiestunden sind für sie auch anstrengend. Darüber mag sie
aber mit John nicht reden, um ihn nicht noch mehr zu belasten. Sie hat hier doch niemanden zum
reden. Sie hockt oft in der kleinen Wohnung und stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Sie ist
einsam. Ich habe ihr erzählt, wie ich John damals zum Reden bewegt habe. Er war ja schon immer
der Typ, der alles mit sich selbst ausmachen wollte. Da half früher meist nur warten, bis er von sich
aus anfing zu erzählen. Das dauert halt. Sie hat ihn gefragt und darum gebeten zu erzählen, damit er
sich die Last von der Seele redet. Ich denke, das war ihr Fehler.« Anne legte eine Pause ein und
bemühte sich, Ryans Mimik zu deuten. Aber irgendwie war diese eingefroren. Dazu kam, dass sein
dichter Bart fast jedes Spiel seiner Lippen verbarg. »Das Warten darauf, dass John erzählt, ist echt
anstrengend. Vor allem, wenn man nicht gut im Warten ist.«
Ryan nickte langsam. »Deswegen bist du so anders als andere.« Seine Worte waren so leise, dass
sie ihn kaum verstehen konnte. Dass sie ihn in diesem Moment irritiert ansah, bemerkte sie nur, weil
Ryan zu einer Erklärung ansetzte. »Viele stellen Fragen, immer wieder. Ständig: Ist alles okay? Willst
du nicht erzählen, was los ist? Was bedrückt dich und so ein Kram. Du hast mich das noch nie
gefragt.« Erneut legte er eine Pause ein. »Du hast, glaube ich, nur einmal zu mir gesagt, dass ich
jederzeit alles bei dir abladen kann, was in meinem Kopf vorgeht.«
»Das Angebot steht immer noch.« Sie lächelte, obgleich sie der Meinung war, dass sie ihm dieses
Angebot häufiger gemacht hatte. Sie wusste aber auch, dass er dieses Angebot gelegentlich nutzte.
Vom Gefühl her seltener als John, was vielleicht daran lag, dass Ryan einiges tatsächlich nur mit sich
ausmachte.
»Und er redet überhaupt nicht mit ihr? Ich meine, sie sind schließlich ein Paar – oder?«
Es war nicht zu überhören, dass Ryan an dem Umstand zweifelte, dass Carola und John ein Paar
waren.
»Doch, er hat mit ihr geredet. Hat ihr von Einsätzen erzählt, die vor Ewigkeiten stattgefunden
haben, Sachen, die fast so alt sind wie er. Dinge aus seiner Ausbildung, die ersten Einsätze, ein paar
davon wohl schon mit der I.A.T.F. Aber nichts Aktuelles. Von seiner Gefangennahme hat er ihr im
Prinzip noch gar nichts erzählt. Sie hat mir gegenüber gesagt, dass sie ihn häufig gefragt hat …«
»Und dann hat er dicht gemacht«, schlussfolgerte Ryan, was sie mit einem Nicken beantwortete.
»Kannst du mir eine Frage ehrlich beantworten?«
Anne wusste, was Ryan fragen würde. Ihr Bauchgefühl verriet es ihr.
»Natürlich.«
»Hast du noch Gefühle für John? Hast du je welche gehabt?«
Sie vermied es, die angehaltene Luft zu scharf auszustoßen. »Nein, ich sehe ihn immer noch wie
einen Bruder, einen engen Freund. Jemanden, den ich nicht verlieren möchte. Ich hätte mir keine
Beziehung mit ihm vorstellen können und kann es immer noch nicht, weil – sollten wir uns trennen –
würde ich meinen besten Freund verlieren. Damit könnte ich nicht leben, selbst jetzt nicht, wo er
auch mir fremd geworden ist.« Wie oft sie Ryan das schon gesagt hatte, wusste sie nicht – nur, dass
sie es noch oft tun müsste, ohne dass er ihr je glauben würde. Ihr lagen Worte auf der Zunge, doch
sie sprach nicht aus, dass Ryan genau so etwas von seiner besten Freundin erzählt hatte. Anne war
sich schon lange sicher, dass Ryan für diese Frau mehr als nur Freundschaft empfunden hatte, es sich
allerdings nie getraut hatte, ihr das zu gestehen. Diana würde ihr jedoch in Bezug auf Ryan nicht mehr
zur Gefahr werden. Die junge Frau war nicht mehr am Leben. John war noch da und Anne wurde
das Gefühl nicht los, dass ihr Freund die Sorge hatte, dass John seinen Platz einnehmen könnte.
»Ich liebe nur dich, auch wenn es dir schwerfällt, das zu glauben.« Sie schmiegte sich an ihn und
genoss seine Berührungen an ihrem Rücken. Von Ryan kam nur ein zustimmendes Brummen.
 
 
Innerhalb von Minuten konnte sie nur noch seine gleichmäßigen Atemzüge hören und spürte das
gleichmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs. Mit einem Schmunzeln kuschelte sie sich enger
an ihn. Ob er ihr je wirklich glauben würde, dass zwischen ihr und John nie mehr gewesen war, als
eine besondere Art der Freundschaft?
Das, was Carola ihr berichtet hatte, bereitete ihr große Sorgen. John hatte immer noch nicht von
dem gesprochen, was ihm geschehen war. Carola kannte, wie sie alle, nur das, was in den Berichten
stand. Die von den Männern, die John befreit hatten, verfasst worden waren. Gespickt mit
Vermutungen über das, was man ihm angetan hatte. Und Berichten von Ärzten über seine
Verwundungen mit Spekulationen darüber, wie man sie ihm zugefügt haben könnte. Carola hatte ihr
von einem Mann berichtet, den Anne nicht als John wiedererkannte. Verbittert, aggressiv,
schweigsam und ängstlich. Schweigsam war er seit jeher. Sie hatte all die Jahre, seit sie ihn kannte,
ständig das Gefühl gehegt, dass John die Geschehnisse erst für sich einordnen musste, ehe er darüber
sprach. Vielleicht gelang ihm das aktuell, aus welchen Gründen auch immer, nicht. Carola hatte davon
berichtet, dass er von dem geredet hatte, was er vor wenigen Wochen in der Ukraine erlebt hatte.
Dass er bei diesen Berichten völlig kühl und abgeklärt geklungen hatte. Beinahe, als wäre er nicht
dabei gewesen, sondern als würde er es irgendwo ablesen. Dieser Umstand machte Anne weit mehr
Sorgen als Carola, denn John schien keine Emotionen mehr an sich heranzulassen, anscheinend nicht
einmal seine eigenen. Carola hatte davon berichtet, dass er, als er noch in Deutschland gewesen war,
kaum geschlafen hatte, wenn er daheim war. Im Haus brannte permanent Licht, weil er mit der
Dunkelheit nicht klargekommen war. Sie hatte von Momenten erzählt, in denen er aufbrausend und
sogar handgreiflich geworden war. Etwas, das sie sich überhaupt nicht von ihm vorstellen konnte.
Für Anne war es unvorstellbar, dass John einer Frau, geschweige denn seiner eigenen Freundin,
wehtun könnte. Irgendwie hatte der Bericht von Carola dafür gesorgt, dass sie sich immer wieder die
Frage gestellt hatte, ob sie überhaupt über den gleichen Mann sprachen. Irgendwann im Gespräch
hatte sie vorschlagen wollen, John gemeinsam mit Carola zu besuchen, aber es fühlte sich falsch an.
Anne zweifelte, dass sie die Kraft aufbringen konnte, John anzuschauen oder überhaupt seine
Anwesenheit zu ertragen. Schon bei seiner Ankunft in den Staaten war es ihr schwergefallen, ihm in
die Augen zu schauen. Ihn überhaupt anzusehen hatte sich wie eine gewaltige Bürde angefühlt. Und
dann war da noch Ryan. Er könnte es, selbst wenn sie es ihm erklärte, falsch auffassen, dass sie John
besuchte. Schon jetzt war er eifersüchtig. Sie konnte ihm anmerken, dass er versuchte, dieses Gefühl
zu unterdrücken und es ihr nicht zu zeigen, aber das gelang ihm nicht.
Nur langsam schaffte sie es, in den Schlaf abzudriften, da immer wieder Überlegungen in ihrem
Kopf auftauchten, wie sie John vielleicht helfen könnte. Und dann war da noch eine andere Frage:
Warum war Ryan bis in die Nacht fortgewesen? Wieso hatte er ihr erst gesagt, er käme in der Nacht
nicht heim, und hatte es dann doch getan? Er hatte nichts von einer Einsatzplanung oder
Besprechung erwähnt. So was teilte er ihr sonst mit. Er sprach zwar nicht über Details, aber er
erzählte ihr von Gesprächen mit Kollegen. War Carola heute der Grund gewesen, warum er nicht
darüber geredet hatte? Hatte ihre Anwesenheit ihn derart durcheinandergebracht?
 
 
3.
»Moin Ryan.«
Er sah von der Kaffeetasse auf, die er in der Hand hielt. Eigentlich hätte er nicht einmal das tun
müssen. Mit diesem seltsamen Wort begrüßten sich hier nur zwei. Und da es eine Frauenstimme war,
die es ausgesprochen hatte, war es Yvonne Banz, die auf ihn zukam.
»Morgen.« Er zwang sich zu einem Lächeln. Seine Nacht war mit nur drei Stunden Schlaf zu kurz
gewesen und er hatte sich nicht unerheblich verspätet. Carola war am Morgen vor ihm aufgebrochen
und Anne hatte wahrscheinlich kurz nach ihm das Haus in Richtung Bankfiliale, in der sie arbeitete,
verlassen. Er hatte Yvonne an diesem Morgen noch nicht gesehen und da sie in Joggingkleidung auf
ihn zukam, ging er davon aus, dass sie ihren Dienst mit einer Runde Training begonnen hatte.
»Sag mal, hast du was von Carola gehört? Ich wollte sie gestern anrufen, aber sie ist nicht ans
Telefon gegangen. Ich dachte, wir laden sie zum Essen ein.« Yvonne trat sprechend an den
Kühlschrank und nahm sich von dort die große Flasche Orangensaft, griff nach einem Glas und füllte
es, ehe sie den Saft zurückstellte. In dem Augenblick, in dem sie ihm in die Augen sah, wurde ihm
klar, dass eine Lüge keinen Bestand haben würde. Yvonne würde ihn innerhalb von Sekunden
enttarnen.
»Sie war bei uns.«
Die blonde Deutschstämmige zog die Augenbrauen nach oben. Ihm war bewusst, dass dieser
Gesichtsausdruck nicht dem Erstaunen galt, sondern eine wortlose Aufforderung war, mehr zu
berichten.
»Als ich nach Hause gekommen bin, hat sie bei uns auf dem Sofa gesessen und TV geschaut. Sie
hat mit Anne über John gesprochen und sich wohl Tipps erhofft. Ich glaube, in der Beziehung kriselt
es im Moment.«
Yvonne nickte knapp. »Und wieso fährst du so spät nach Hause, dass Carola alleine auf deinem
Sofa sitzt und fernsieht und Anne längst im Bett ist?«
Ryan atmete scharf aus, diesen Punkt hatte er gerade bei seinem offenen Geständnis in Bezug auf
Carola übersehen. Und ihm stand nicht der Sinn nach einer Erklärung. »Muss das jetzt sein?« Er
konnte es nicht leiden, wenn Yvonne das, was sie bei ihrem Mann und seinem Kameraden Syrell als
spooky bezeichneten, anwendete. Beide konnten – wie auch immer – die Gedanken anderer lesen. Es
war ihnen nicht immer möglich, aber sehr oft. Im Regelfall nutzten sie diese Gabe nicht oder
sprachen sie nicht auf das an, was sie in den Köpfen ihrer Teammitglieder fanden. Wenn sie es
allerdings ausnutzten, gab es keine Chance mehr, mit einer Notlüge zu entkommen. Dann wurden
beide sehr hartnäckig und das Einzige, was half, ihnen zu entrinnen, war die Wahrheit.
»Man kann dir ansehen, dass dich mehr beschäftigt als die Tatsache, dass Carola die Nacht auf
eurem Sofa verbracht hat. Was hast du die halbe Nacht hier gemacht?«
Ryan mied es, Yvonne in diesem Moment in die Augen zu sehen. Er richtete seinen Blick auf die
Schreibtische, die vor ihm standen. In seinem Kopf entwickelte sich innerhalb von Sekunden eine
Antwort auf die Frage, die sogar der Wahrheit entsprach.
»Ich habe was recherchiert. Thema beendet.« Bei seiner Erwiderung hatte er sie immer noch nicht
angesehen. Er ging ohne ein weiteres Wort in Richtung seines Arbeitsplatzes, obwohl er zu den
Trainingsgeräten hatte gehen wollen, wo Randall Brinker Gewichte stemmte. Eigentlich hatte er
seinen Kameraden um einen Gefallen bitten wollen. Vielleicht war dieser in der Lage, Antworten auf
die Frage zu finden, was Joseph Zafer verbarg. Schließlich konnte er sich in Systeme einhacken, die
als unüberwindbar galten. Unter Umständen wurde sein Kamerad fündig und Ryan erhielt bald
Antworten auf seine Fragen.
Obgleich er nicht zur Seite blickte, meinte er, Yvonnes Blick zu spüren. Er ahnte, dass sie schon
viel mehr wusste, als er ihr gesagt hatte. Es störte ihn sogar, dass sie nichts erwiderte, als sie ihr
geleertes Glas in die Spülmaschine stellte. Irgendwie hatte er gehofft, dass sie etwas sagen würde.
»Dein Wunsch ist mir Befehl.« Sie zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg zu den
Schreibtischen.
Für den heutigen Tag hatten sie alle nicht viel auf dem Plan. Weder er noch Elijah Kuijers, der
zweite Captain ihrer Einheit, hatten Trainingseinheiten eingeplant. Jeder konnte das tun, was er für
wichtig hielt. Solche Tage legten sie gelegentlich ein. Schließlich gab es für jeden von ihnen auch
 
 
Momente, in denen sie sich um Papierkram kümmern oder sich auf den neuesten Stand bringen
mussten.
Er starrte einen Moment zu Randall, dann sah er Yvonne nach. Zu seinem Schreibtisch zu gehen,
verschob er. Aber er würde mit Randall sprechen und es war ihm egal, dass Yvonne ihn sehr sicher
beobachten würde. Unter Umständen würde sie sogar zu ihnen kommen und Fragen stellen. Zafer
ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Da musste etwas sein, was sich in diesen zwei Jahren, die nicht
in den Akten zu finden waren, verbarg. Ryan war sich weiterhin sicher, dass in diesem Zeitraum etwas
geschehen war, das man aus den Papieren gestrichen hatte. Irgendwo mussten doch noch die
vollständigen Dokumentationen zu finden sein. Er würde sich nicht damit abfinden, dass es keinerlei
Nachweis über dieses Zeitfenster gab.
»Jhesus?«
Ryan wandte sich Elijah Kuijers zu, der mit festen Schritten auf ihn zukam. Die Art, wie sein
Kamerad nun direkt mit angespannter Mimik auf ihn zusteuerte, ließ ihn seinen Plan, Randall zu
sprechen, widerwillig verwerfen.
»Zeit für Kaffee?« Er hob die Tasse mehr zum Gruß, als dass er die Frage ernst meinte, denn am
Gesichtsausdruck des Mannes, der ihm nun gegenüber stand, konnte er bereits erkennen, dass sie in
den kommenden Stunden sehr viel Kaffee trinken würden.
»Einsatzplanung mit Ronan.« Elijah trat neben ihn, öffnete die Schranktür und nahm eine
Kaffeetasse heraus, die er unter den Kaffeevollautomaten stellte.
»Wer geht mit?« Ryan erhoffte sich zumindest auf diese Frage eine Antwort.
»Schauen wir gleich. Er will erst nur mit uns sprechen. Ich denke, er wird uns die Wahl
überlassen.«
Ryan stieß einen genervten Laut aus. So verfuhr der Verteidigungsminister nun schon seit
Wochen. Für jeden Einsatz rief er sie zu einer Besprechung, und sobald klar war, um was es ging,
sollten sie entscheiden, wen sie auf die Mission schickten.
»Rabea kommt auch gleich, soll ich euch sagen.« Der Deutsche, Dennis Falk, kam mit diesen
Worten auf sie zu. »Sie hat Streit mit ihrem Auto.«
»Und warum hast du sie nicht mitgenommen?« Elijahs Frage war vorwurfsvoll. Ihr Teamkollege
war mit der Agentin Rabea Thornton, die ihnen bereits für viele Missionen wichtige Informationen
geliefert hatte, liiert. Sie bezog diese direkt von der obersten Etage der CIA. In einigen Fällen wurde
sie von Joana Zimmer begleitet, die dafür zuständig war, dass alles wirklich zu einhundert Prozent
richtig recherchiert war. Zimmer war der führende Kopf der CIA in San Diego und zu ihrem Glück
einer ihrer größten Fürsprecher.
»Weil ich heute Morgen, als ich los bin – und das war weit bevor ihr euch auf den Weg gemacht
habt – noch nicht wusste, dass ihre Batterie den Geist aufgegeben hat. Sie ist unterwegs, aber
verspätet sich halt.« Dennis zuckte mit den Schultern und machte so nochmals deutlich, dass er seine
Freundin nicht mit Absicht stehen lassen hatte. Von Elijah kam kein weiteres Wort in diese Richtung.
Dennis hatte ihm offensichtlich den Wind aus den Segeln genommen. Womöglich hatte Elijah
geplant, Dennis die Schuld an dem verspäteten Start des Briefings zu geben. Überhaupt wirkte der
blonde Mann mit den blauen Augen sehr angespannt.
»Vielleicht sollte sie Nathans Rat folgen und sich von ihrem rollenden Schrotthaufen trennen. Hat
er ihr nicht schon öfter Starthilfe gegeben und gesagt, dass die Kiste nur noch einen Schrotthändler
glücklich machen würde?« Randall hatte seine Trainingseinheit beendet und mischte sich, zu ihnen
kommend, ein.
»Würdest du einem glauben, der zweieinhalbtausend Dollar für die Entfernung eines Ölfleckes an
der Naval Base zahlen musste, weil sein Auto leckgeschlagen ist, und der sich hier dann als
Autokenner aufspielt?« Dennis hatte sich ihrem Kollegen zugewandt, der sich nun erhob, die Hände
kurz nach oben hielt, »Touché« erwiderte und schließlich bei ihnen stehen blieb.
Ehe Rabea mit einem ähnlich gereizten Gesichtsausdruck wie Elijah auftauchte, verstrichen
zwanzig Minuten. Wenn Ryan geahnt hätte, dass sie in dieser Zeit am Küchentresen stehend über die
Anschaffung neuer gebrauchter Autos diskutieren würden, hätte er sich die Zeit genommen, um mit
Randall unter vier Augen zu sprechen. Er hatte jedoch die gesamte Zeit gehofft, dass Rabea schnell
ankam und sie, wie nun, direkt in einen der wenigen Räume der riesigen Halle zitierte. Er konnte
nicht zuordnen, ob ihr Blick so gereizt war, weil sie zu spät und genervt von ihrem Auto war, oder ob
es der anstehende Auftrag war. Seine Laune sank ebenfalls in den Keller, da er fürchtete, dass der
 
 
neue Auftrag dafür sorgen könnte, dass er nicht die Chance bekam, in naher Zukunft in Ruhe mit
Randall zu sprechen. Wenn er Pech hatte, würden er oder sein Kollege auf eine Mission gehen.
Sie betraten zu dritt den dunklen Raum, der nur von einem großen und zwei kleineren
Bildschirmen erhellt wurde. Ohne ihn und Elijah aufzufordern, einen bequemen Platz zu suchen, eilte
Rabea auf einen der dort stehenden Rechner zu, zog den Stuhl zurück, setzte sich und begann zu
tippen. Es dauerte nur wenige Sekunden, ehe Ronan Underwood auf dem großen Bildschirm
erschien.
»Rabea, lächeln.« Der Minister grinste in die Kamera, erhielt jedoch keine Reaktion von der
Agentin. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Ryan und Elijah, wobei Ryan der Meinung war,
dass er einige Sekunden länger angeschaut wurde.
»Ich habe die Bitte erhalten, die DEA bei einer Aufklärungsmission in Kolumbien zu
unterstützen. Nur rein, herausfinden, wer da alles mitmischen will, und wieder raus. Nichts Wildes.«
»Ronan, du unterschlägst den Umstand, dass das Kartell vor drei Tagen eine Containerladung
Waffen gekauft hat und wir dieses Geschäft nicht verhindern konnten.«
Ryan begann zu begreifen, warum Rabea derart gereizt geschaut hatte.
»Ich unterschlage es nicht, ich hätte es noch erwähnt. Außerdem ist nicht sicher, ob sie die Waffen
bei dem Deal nutzen wollen, der vielleicht stattfindet. Wir schicken sechs Leute zur Aufklärung nach
Barranquilla.«
»Du vergisst zu erwähnen, dass das mitten im Dschungel und nicht mal eben per Schnellstraße zu
erreichen ist. Wir müssen mit dem Heli rein, heißt wir brauchen noch mindestens zwei Leute mehr.
Dann müssen wir unsere Leute auch wieder rausholen …«
»Agent Thornton, mir ist durchaus bewusst, welchen Arbeitsaufwand wir betreiben müssen und
weil wir – also Sie – das am besten können, habe ich der DEA das Angebot gemacht, dass wir die
Sache übernehmen. Ich will jetzt nicht hören, was alles vorab gemacht werden muss. Ich will auch
nicht deine schlechte Laune abbekommen, Rabea. Ich will von dir nur eins hören: Wir bekommen
das hin. Und wenn du das gesagt hast, möchte ich von Captain DeSanto und von Captain Kuijers
hören, wen sie auf die Mission schicken wollen. Und bestenfalls noch erste Ideen für die Umsetzung,
ehe ich morgen den gesamten Plan hören möchte.«
Obgleich Ronan Underwoods Ansprache mit den ersten Worten zornig geklungen hatte, war er
mit jeder Silbe versöhnlicher geworden. Jetzt lächelte er bereits wieder. »Vielleicht solltest du dir einen
neuen Wagen anschaffen. Deine Laune ist in letzter Zeit wirklich unerträglich, vor allem, wenn du
über dein Auto sprichst. Manchmal muss man sich von den alten Kisten trennen, auch wenn man sie
noch so sehr mag.«
Ryan bemerkte, dass Elijah ihn mit einem Grinsen ansah und hoffte, dass Rabea dieses Grinsen
nicht sah, da er befürchtete, dass sie dann die nächsten wären, die ihre Launen abbekamen.
»Ich mag ihn. Und außerdem ist er nicht so schlecht, wie alle sagen.«
Ryan zwang sich, die Luft nicht amüsiert auszustoßen. Außerdem war er sich sicher, dass auch
Elijah in diesem Augenblick gegen ein Lachen ankämpfen musste.
»Aber du wolltest wissen, wer diese Mission übernehmen soll. Ich denke, die Frage gebe ich nun
kurz an DeSanto und Kuijers weiter und dann holen wir die Betroffenen dazu und beginnen mit der
Planung«, lenkte Rabea nun vom Thema Auto ab.
»So machen wir es.« Ronan nickte.
Ryan und Elijah entschieden sich in den kommenden zwei Minuten für Darrel White, Nuyen Sato,
Wesley Stone, Patrik Blood, Will Tenner und Joe Burnett.