1.
Der stürmische Wind holte Lisa Harms aus ihrem sowieso schon nur unruhigen Schlaf. Die Nacht war kaum als eine solche zu bezeichnen gewesen. Sie hatte viele wirre Dinge geträumt und war mehrfach aufgewacht. Mal war die Fähre vom Festland untergegangen, dann war der Mann, auf den sie gewartet hatte, nicht auf ihr gewesen – obgleich er ohnehin nicht mit der Fähre anreisen würde. Dann war die Insel abgetrieben, oder die Bewohner hatten ihren Besucher mit Mistforken davongejagt.
Sie setzte sich auf und horchte einen Moment auf den Sturm, der vor dem Fenster tobte. Die Naturgewalt brachte ein Pfeifen und permanentes Rauschen mit, das in der Luft lag. Das Fenster ihres kleinen Schlafzimmers war nicht mehr so dicht, wie es vielleicht sein sollte, sodass sie selbst raue Winde, die noch gar kein wirklicher Sturm waren, überdeutlich wahrnahm. Wenn dort draußen ein wirkliches Unwetter toben würde, hätte sie gar nicht geschlafen, sondern immer wieder am Fenster gestanden und auf die tosende Nordsee geschaut. Denn dann hätte diese das Vorland längst überspült und das Wasser würde an den Deich peitschen. Zwar war das Vorland geflutet, aber das Wasser reichte noch nicht bis an den Deich. So weit würde es auch heute nicht kommen. Trotzdem würde es ihr diesen Tag, der noch nicht einmal richtig angebrochen war, vermiesen. Der Besuch, dem sie so sehnsüchtig entgegengefiebert hatte, würde die Insel heute aufgrund der Tide nicht erreichen können.
Sie warf einen Blick auf die roten Digitalziffern ihres Weckers. Es war kurz nach fünf. Mitten im September war es noch dunkel, auch wenn der Sonnenaufgang kurz bevorstand. Ein Blitz erhellte kurz das Dunkel, der Donner folgte kurz darauf und ließ sie aufseufzen.
»Petrus, das hättest du dir doch heute wirklich verkneifen können«, murmelte sie und schob ihre Füße aus dem Bett, während sie über das Wetter schimpfte. Obgleich es draußen sicherlich nicht warm war, fühlten sich die alten Holzdielen nicht kalt an, als sie diese mit den Sohlen berührte und aufstand. Sie zögerte einen Augenblick, dann ging sie zum Fenster und zog die Gardinen zur Seite. Wassertropfen zeichneten ein interessantes Muster auf die Scheibe, weil der starke Nordwind fast waagerecht am Gebäude vorbeipeitschte.
Durchatmend entschied sie sich, ins Erdgeschoss zu gehen und zu frühstücken. Ihre Arbeitszeit würde erst in einer knappen Stunde beginnen, noch würde sie die Küche des Schullandheims für sich haben. Aktuell war nur eine Schulklasse vor Ort, für die sie um sieben Uhr das Frühstück richten musste und die am Abend ein warmes Essen erwartete. Dreißig Kinder und drei Erzieher würden nach dem Frühstück das Haus verlassen und, wenn es das Wetter zuließ, das Watt mit einem ihrer Kollegen, der in diesem Augenblick sehr sicher noch schlief, erkunden. In der Zeit herrschte im Haus eine angenehme Ruhe. Sie hatte geplant, am Mittag mit einem anderen Inselbewohner zum Festland zu fahren und den Mann abzuholen, mit dem sie nun schon ein halbes Jahr mittlerweile mehr als freundschaftlichen Kontakt hatte. Gesehen hatten sie sich bisher immer nur am Bildschirm, doch sie war sich sicher, dass das Treffen mit dem Amerikaner Randall Brinker positiv verlaufen würde.
Dafür hatte sie sich extra von ihrem anderen Job in einem der inseleigenen Restaurants freigenommen. In den Morgen- und Abendstunden war sie dafür zuständig, dass die Kinder und Erzieher hier ihre Mahlzeiten einnehmen konnten. Zusätzlich putzte sie einmal am Tag die Toiletten. Da sie so keine Vollzeitstelle hatte, arbeitete sie außerdem in einem der kleinen Restaurants der Insel. Somit hatte sie, wie viele hier, mehrere Jobs.
So leise wie möglich machte sie sich von der zweiten Etage auf den Weg nach unten in die große Küche. Es war still in den Gängen. Die Kinder schliefen noch und Lisa schmunzelte. Oft hörte sie bis spät in die Nacht Türen auf- und zugehen, Schritte und oft auch das Gelächter von Kindern. Meist waren es die hellen Stimmen der Mädchen, die bis zu ihr vordrangen. Und manchmal fand sie am Morgen die Gründe für das Gelächter in den Gängen oder auch im Erdgeschoss. Es konnten Besen sein, die aus den Zimmern gewandert waren, oder Getränkeflaschen, die vor der Küche standen. Vergessene Chipstüten räumte sie ebenfalls regelmäßig weg.
Ihr waren Gäste wie diese Schulklasse weit lieber als erwachsene Reisegruppen. Zwar gingen bei den Kindern gelegentlich Dinge zu Bruch, Erwachsene mochten in diesem Punkt bessere Gäste sein, aber Lisa mochte die teilweise herablassende Art der Reisegruppen nicht, die hier einkehrten. Geschäftsleute, die sich auf irgendwelchen Motivationstouren befanden, gebucht von Leuten, die keine Ahnung von dem Ort hatten, an dem sie waren. Die neben Wattwanderungen seltsame Coachings im Gemeinschaftsraum abhielten und sich abends sinnlos betranken – mit dem Alkohol, den sie vom Festland mitgebracht oder beim Inselkaufmann gekauft hatten. Dann wurde es laut im Haus, das den Namen Meereswoge trug.
Lisa war das erste Mal hergekommen, als sie die Schule beendet hatte und nicht wusste, wie ihr Weg weitergehen sollte. Ein freiwilliges Soziales Jahr hatte sie auf die Insel gebracht und heute wusste sie, dass diese Chance eine von ganz wenigen gewesen war. Es war schwer, dieses Jahr hier zu machen, nicht nur, weil die Arbeit hier besonders war. Auch weil es viele Bewerber gegeben hatte. Sie hatte auf Schahörn, einer kleinen Insel vor Neuwerk, mit Tierschützern Vögel gezählt. An Tagen, an denen sie nicht hinüberlaufen konnten, hatte sie schließlich aus Eigeninitiative in den Restaurants und Hotels ausgeholfen. Dieses Jahr war in ihren Augen viel zu schnell vergangen, ihr war in dieser Zeit jedoch klar geworden, was sie in der Zukunft machen wollte: Eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, sie sie schließlich in Hamburg absolviert hatte. Neuwerk und ihre Zeit hier war ihr nie aus dem Kopf gegangen, sodass sie irgendwann beschlossen hatte, sich auf der Insel nach Jobs umzusehen.
Die knapp sechzig Einwohner der Insel bekamen im Jahr Besuch von gut 100.000 Menschen. Diese mussten bewirtet werden. Einige übernachteten auch hier und genossen die unendlich wirkende Ruhe, wenn die Tagesgäste die Insel verlassen hatten. Wenn die letzten Schulklassen weg waren, fiel Neuwerk sozusagen in einen Winterschlaf, den auch die wenigen noch vorhandenen Touristen nicht zu stören vermochten. Lisa würde in diesem Jahr das erste Mal den Winter hier verbringen und nicht aufs Festland gehen, um dort in einem Hotel zu arbeiten. Sie hatte lange und intensiv gespart, um den Winter hier erleben zu können. Zwar nicht in der Meereswoge, aber bei einem befreundeten Hotelier der Insel. Die Meereswoge würde hinsichtlich Heizung und Warmwasser auf Notbetrieb gestellt werden, deswegen würde sie mit ihrem wenigen Hab und Gut ein Stück weiterziehen. Vorher würde sie aber Randalls Besuch genießen.
Ihre Eltern, bei denen sie lebte, wenn sie auf dem Festland war, waren nicht begeistert, dass sie auf der Insel bleiben wollte. Sie sorgten sich, dass ihr etwas zustoßen könnte, sollte die Sturmflut stärker sein als üblich. Lisa war sich jedoch sicher, dass sie und alle anderen Bewohner hier sicher waren. Und selbst wenn nicht, würde man sie retten. Ihr würde nichts zustoßen – nur war es schwer, ihren Eltern das klarzumachen.
Völlig in ihren Gedanken und dem Tosen des Sturms lauschend hatte sie die Küche erreicht. Sie genoss einen Kaffee aus der kleinen Padmaschine, die nur ihr zur Verfügung stand, und eine Scheibe Brot mit Käse. Einen Augenblick Stille, ein Moment für sie. Das war es, was sie an dieser Insel liebte: Die Stille, die Ruhe, wenn die Nordsee sie umschloss und verhinderte, dass Menschen zu ihnen kamen. Dann war da nur die Arbeit – und ihre Freizeit.
Sie lächelte, als sie an die große Kaffeemaschine trat. Einen Kaffeefilter aus dem Karton nehmend, erinnerte sie sich an den Moment, als sie Randall kennengelernt hatte. Online, wie so viele andere. Bei einem Spiel, bei dem es darum ging, den Gegner zu töten. Sie war mit ihm in einem Team gewesen. Es war ein sehr langer Abend geworden. Sie waren sehr erfolgreich unterwegs gewesen und hatten sich für den nächsten Tag verabreden wollen. Dort dann war klar geworden, dass das so einfach nicht war. Er lebte in San Diego, sehr weit von ihrem Eiland entfernt. Ihre Uhren tickten in völlig verschiedenen Rhythmen. So war es dazu gekommen, dass sie früh aufstand und ebenso früh ins Bett ging, um online noch Zeit mit ihm verbringen zu können, wenn er von seiner Arbeit Feierabend hatte.
Dass er Soldat war, hatte er ihr direkt nach dem Kennenlernen erzählt und ihr auch offen dargelegt, dass er Sorge hatte, sie könnte ein Problem mit seinem Beruf haben. Dass ihre Sorge, er könnte ein Problem damit haben, dass sie Deutsche war, viel größer gewesen war, hatte er lachend abgelehnt. So waren weder ihre Nationalität noch sein Job erneut zu einem großen Thema geworden.
Lisa stellte die Kaffeemaschine an, nachdem sie das Kaffeepulver eingefüllt hatte. Der Blick auf die Uhr über der Küchentür machte ihr klar, dass sie noch einige Stunden warten musste, ehe sie Randall erreichen konnte. In diesem Moment saß er irgendwo in einem Flieger über dem Atlantik auf dem Weg nach Hamburg. Spätestens wenn er landete, würde er die Nachrichten lesen, die sie ihm schickte. Sie zückte ihr Handy und warf einen Blick auf eine App, die ihr verriet, wie hoch die Gezeiten an diesem Tag ausfallen würden. Sie seufzte, als sie eine Nachricht eines Freundes entdeckte, der ihr mitteilte, dass am heutigen Tag, wie sie befürchtet hatte, weder die Fähre noch eine der Kutschen fahren würden. Das Wasser würde den Weg nicht freigeben, und die Nordsee war zu tosend für die kleine Fähre. Er bat sie, die Lehrer darauf hinzuweisen, dass sie die Insel nicht zu weit verlassen sollten, da es keine Ebbe wie an anderen Tagen geben würde. Zudem würde er die Watttour mit den Kindern absagen.
»Er braucht ein Zimmer«, murmelte sie und blieb an der Kaffeemaschine stehen, die noch einige Minuten benötigen würde, um das erquickende Bohnengetränk fertig gebrüht zu haben. In Gedanken ging sie zur Kühltruhe und überprüfte den Inhalt. Frische Backwaren vom Bäcker gab es hier nicht, dafür gut gefüllte Vorratskammern und Kühltruhen. Sie konnten ohne Probleme auch eine Woche autark leben.
Wie jeden Morgen, fast wie in einem Automatismus, nahm sie die Tüten mit den Brötchen aus der Kühltruhe und heizte den Ofen vor, um sie aufzubacken. Während ihre Gedanken sich darum drehten, wen sie spontan um ein Zimmer für Randall bitten könnte, verteilte sie die Brötchen auf den schwarzen Blechen.
Kurz darauf stand sie am Küchenfenster und schaute sinnierend hinaus. Wenn die Brötchen in wenigen Minuten fertig waren, würde sich der Duft im Haus verteilen und vielleicht den einen oder anderen Schüler aus dem Schlaf holen. Sie wusste inzwischen, wen sie anrufen und um eine Unterkunft für Randall bitten würde. Zuerst musste sie jedoch das Frühstück hier richten. Randall würde sie eine Nachricht schicken, mit der Bitte, sich zu melden, wenn sein Flieger gelandet wäre. Alles Weitere würden sie dann besprechen. Eines jedoch war sicher: An diesem Tag würden sie sich nicht sehen.
2.
Randalls Blick wanderte vom Fenster des Fliegers auf den Wetterbericht, der in diesem Moment auf dem Bildschirm vor ihm eingespielt wurde. Regen und Wind – und davon viel, wie er schon in den letzten Minuten hatte feststellen müssen. Es gab einige Turbulenzen, die alle dazu veranlasst hatten, sich zu setzen und nun auf den letzten Kilometern ihre Plätze nicht mehr zu verlassen.
Der Flug war lang gewesen und für einen ganz kurzen Augenblick hatte es sogar so ausgesehen, als würde er ihn nicht antreten können. Sein Team hatte einen heiklen Auftrag erhalten und war in die Vorbereitungen gegangen, als er zum Flughafen aufgebrochen war. Noch auf dem Weg hatte ihn der Anruf eines Kollegen erreicht, der einige Daten von seinem Rechner benötigt hatte.
Seither hatte ihn eine Unruhe befallen, die ihn nicht loslassen wollte. Selbst die Vorfreude auf Lisa, die er endlich live treffen würde, konnte die Unruhe nicht in die Knie zwingen. Dieser Umstand ärgerte ihn. Er hatte sich wochenlang auf diesen Moment gefreut, hatte Geld zur Seite gelegt, um den Flug bezahlen zu können, hatte den Antrag auf Urlaub eingereicht – mit dem Wissen, dass es sein Jahresurlaub sein würde, den er in Deutschland verbrachte.
Statt aufgeregt dem entgegenzusehen, was er erleben würde, war er nervös, weil er seine Kameraden alleinließ. Weil sie einen Einsatz ohne ihn bestreiten würden.
»Schwachsinn«, murmelte er und sah wieder aus dem runden Fenster des Fliegers.
Seine Gedanken wanderten erneut zu seinen Kameraden. Würde er bei dem Einsatz fehlen? Konnten seine Kameraden sein Fehlen kompensieren?
Randall schloss einen Augenblick die Augen und rief sich erneut zur Ordnung. Er war doch nicht der Einzige, der bei diesem Einsatz fehlen würde. Einem Einsatz, von dem er noch nicht einmal wusste und auch nicht wissen durfte, wohin ihn das Team führen würde oder was genau der Auftrag war.›Du hast Urlaub, entspann dich mal.‹
Randall stieß ein Murren aus, nachdem er sich erneut zur Ordnung gerufen hatte und bemerkte nun, dass seine Sitznachbarin ihn neugierig musterte. Die rothaarige Frau in seinem Alter hatte ihn während des gesamten Fluges nicht beachtet, ihre Aufmerksamkeit galt immer wieder einem Mann, der in der Reihe neben ihr saß. Gelegentlich hatten sie miteinander gesprochen, jedoch hatte Randall dabei heraushören können, dass sie sich nicht kannten. Vielleicht ein Urlaubsflirt.
Würde seine Reise etwas Ähnliches hervorbringen? Einen kurzen Flirt? Was, wenn Lisa ihn nicht mochte? Dann würde er sich irgendwo ein Zimmer nehmen müssen. Oder darauf hoffen, dass er seinen Flug umbuchen konnte. Geplant hatte er, drei Wochen zu bleiben. Eine lange Zeit, wenn man bedachte, dass er die Frau, die er besuchen wollte, nicht kannte und dann Zeit mit ihr auf einer Insel verbringen musste, die nicht besonders groß war.
Sie würden nicht viel Möglichkeiten haben, sich aus dem Weg zu gehen, wenn die Chemie nicht stimmte. Dann würde er die Insel verlassen müssen, denn die drei Wochen könnten ansonsten sehr anstrengend werden.
Er nahm sich vor, in diesem Fall definitiv die Insel vorzeitig zu verlassen. Deutschland bot genug Ziele, um den Urlaub trotzdem angenehm zu gestalten.
Eineinhalb Stunden später hatte er es durch den Zoll geschafft, wo man ihn aufgehalten hatte und er den gesamten Inhalt seines Koffers hatte vorzeigen müssen. Warum man ausgerechnet ihn herausgezogen hatte, war ihm immer noch nicht klar, als er vor den Flughafen trat, wo der Regen riesige Pfützen gebildet hatte.
Er hatte sich einfach darüber geärgert, auch wenn er wusste, dass die Männer, die ihn kontrolliert hatten, nur ihrem Job nachgingen.
Ihm schoss durch den Kopf, dass er Lisa informieren wollte, dass er gelandet war.
Nun stand er unter dem großen Vordach und stellte sich die Frage, wo es zum Bahnhof ging. Sein Handy aus seinem Rucksack nehmend, stellte er fest, dass es sich immer noch im Flugmodus befand, woraufhin er diesen ausschaltete. Es benötigte einen Augenblick, bis ihm das freie WLAN des Flughafens angezeigt wurde und er sich einloggte.
Umgehend erschien eine Nachricht. Nur eine einzige – und diese eine war von Lisa.
›Was hast du erwartet? Du bist im Urlaub. Sie retten die Welt auch ohne dich‹, ermahnte ihn eine innere Stimme.
Er öffnete die Nachricht.
»Es tut mir total leid, aber heute fährt weder die Fähre noch eine Kutsche. Wir haben absolutes Mistwetter, aber ich denke, das weißt du schon. Meld dich, wenn du angekommen bist.«
Randall atmete durch. Seine Kollegen würden also nun die Welt ohne ihn retten, während er im Hamburger Regen stand und durch das Wetter gehindert wurde, an sein Ziel zu gelangen. Dabei hatte er sich bisher nie vom Wetter aufhalten lassen. In seinem Job war Wetter nur eine Ausrede für Bequemlichkeit.
»Brauchen Sie ein Taxi?«
Sein Deutsch war nicht besonders gut, aber diese Frage hatte er verstanden. Eine füllige Frau, die er auf Mitte sechzig schätzte, hatte ihn angesprochen. Sie trug einen dunklen Pullover, aber keine Jacke.
»Ja, ich müsste zum Bahnhof.« Er wandte sich der Frau zu, die nun lächelnd näherkam.
»Amerikaner?«
»Ja.« Er nickte, bei seinem Akzent hatte es keinen Sinn, diese Frage zu verneinen.
Zeitgleich stellte er sich die Frage, ob er wirklich nach Cuxhaven fahren sollte, oder ob es mehr Sinn machte, erst am kommenden Tag zu fahren. Er könnte hier sicherlich ein Hotelzimmer ergattern.
»Einen Moment bitte. Ich muss kurz telefonieren.«
Würde Lisa ans Telefon gehen können? Oder war sie so eingebunden, dass es nicht möglich war? Er hatte Sorge, dass er in Cuxhaven nicht so schnell ein Zimmer bekommen würde.
Er wählte Lisas Nummer und hielt das Telefon ans Ohr. Es klingelte dreimal, ehe sich die Stimme meldete, in die er sich verliebt hatte. Warm, freundlich, sympathisch. Die Stimme, die mit jedem Gespräch, das sie geführt hatten, dafür gesorgt hatte, dass er sie näher kennenlernen und treffen wollte. Diese weiche Stimme sollte mehr als eine digitale Bekanntschaft werden.
»Hey, bist du angekommen?«, fragte sie auf Englisch.
»Ja, vor ein paar Minuten.«
Er schilderte ihr seine Lage vor dem Flughafen und stellte ihr die Frage, die ihn beschäftigte, ohne die Taxifahrerin aus dem Auge zu lassen, die sich bereits nach anderen Fahrgästen umzusehen schien.
»Soll ich mir hier ein Zimmer nehmen, wenn das Wetter so schlecht ist? Ich kann ja morgen den Zug nehmen.«
Er hatte noch kein Zugticket gebucht, weswegen es kein Problem war, erst am nächsten Tag weiter zu reisen.
»Nein, fahr ruhig los. Ich habe jemandem Bescheid gesagt, der holt dich am Bahnhof ab und bringt dich in ein Hotel. Dann kannst du dir Neuwerk schon mal aus der Ferne anschauen. Ich hoffe, dass das Wetter morgen besser ist und dass du dann rüberkommen kannst. Bosse würde dich dann morgen mitnehmen. Er muss ohnehin mit der Kutsche herkommen. Es kann nur sein, dass du dir den Platz mit anderen Touristen teilen musst.«
»Okay. Danke, dass du dich gekümmert hast. Mit den Touristen komme ich klar, solange ich mir nicht das Bett mit ihnen teilen muss. Dann melde ich mich wieder, wenn ich in Cuxhaven bin.«
»Ja, mach das. Bis später – und entschuldige, dass das Wetter so mies ist.«
»Als ob du etwas für das Wetter kannst. Bis später.«
Er legte auf und wandte sich der Frau zu.
»Bahnhof, nehme ich an.«
Sie lächelte ihn an und deutete auf seine Reisetasche.
»Nein, die nehme ich.«
»Ich wollte Sie nur darauf hinweisen, dass Sie die Tasche nicht hier stehen lassen. Es hat schon manch einer sein Gepäck vergessen und dann gibt es hier immer ein riesiges Tamtam. Es könnte ja eine Bombe drin sein.«
Sie zuckte kurz mit den Schultern.
Randall nahm den Hinweis mit einem Nicken entgegen. Er hätte seine Tasche nicht vergessen und folgte nun der Taxifahrerin in den Regen bis zu ihrem cremefarbenen Mercedes. Sie öffnete den Kofferraum und bot ihm den Platz dort für seine Tasche an.
3.
Lexi war bewusst, dass Yvonne sie intensiv musterte. Sie saßen sich im fensterlosen Besprechungsraum gegenüber, und sie hatte vor wenigen Minuten erst den Blick gehoben, da sie eine Unruhe verspürte, die sie nicht greifen konnte. Rabea Thornton ließ nur sehr selten auf sich warten. Und wenn sie sie warten ließ, waren die Gründe immer mit Missionen verbunden, die nicht zwingend einfach zu bewältigen waren. Heute warteten sie bereits seit einer halben Stunde auf die Agentin, die vor drei Stunden in das zweite Büro verschwunden war und sie gebeten hatte, sich hier zu versammeln. Seither wanderten ihre Blicke über die Karten, die an den Wänden hingen. Auf ihnen befanden sich Pfeile und Markierungen, die nur wenige außerhalb ihrer Reihen deuten konnten. In der Luft hing der Geruch von Kaffee, den einige ihrer Kollegen mitgebracht hatten, und der von Schweiß, da andere kurz zuvor noch Trainingseinheiten absolviert hatten. Je länger sie hier saßen, umso größer wurde ihr Wunsch, den Raum zu verlassen, um an die frische Luft zu gelangen. Denn Fenster zum Lüften besaß ihre Basis nicht. Alles war über Lüftungsschächte und Klimaanlagen miteinander verbunden.
Dass sie in diesem Moment nicht nur die Gespräche ignorieren konnte, sondern auch das rhythmische Trommeln der Finger ihres Kollegen Patrik, lag wohl an Yvonne. Mit ihren grünen Augen bot sie Lexi in diesem Moment – beabsichtigt oder nicht – einen Ankerpunkt. Einen Punkt, um die Unruhe, die in ihr herrschte, zu kontrollieren. Es war nicht das erste Mal, dass etwas in der Luft lag, das sich drohend unangenehm anfühlte, und doch konnte sie diesem Gefühl weder aus dem Weg gehen, noch konnte sie sich daran gewöhnen. Es trieb ihr immer wieder kalte Schauer über den Rücken. Wahrscheinlich würde dieses Gefühl nie weggehen. Doch sie hatten sich nicht nur antrainiert, in jeder Lage zu bestehen, sondern auch ein Gefühl entwickelt, Gefahren schnell zu bemerken. Es trieb ihnen kalte Schauer über den Rücken, wenn der Feind irgendwo lauerte, und weckte so die Instinkte in ihnen, die dafür sorgten, dass jede Faser ihrer Körper angespannt und bereit war. Nur deswegen waren sie in der Lage, in jeder Lage zu bestehen, ohne in Panik oder Hektik zu verfallen und Fehler zu machen. Und letztendlich war das ihre Absicherung, zu überleben.
Eine Hand legte sich verstohlen auf ihr Bein, sodass sie sich für einen Moment von Yvonnes Blick löste und zeitgleich die Gespräche und das Trommeln auf der Tischplatte wieder deutlicher wahrnahm. Beinahe so, als hätte jemand den Lautstärkeregler nach oben gedreht. Ihr Freund Joe sah sie an. Mit einem Blick voller Verständnis. Auch er war unruhig und wurde wie jeder andere hier beim Warten noch nervöser. Irgendwann hatte man ihnen beibringen wollen, dass Beziehungen unter Kameraden, vor allem, wenn diese in einer Einheit dienten, nicht gut waren. Teilweise wurden sie nicht geduldet. Angeblich lenkte es ab. Sie war der Ansicht, dass es die Sinne schärfte. Man gab noch mehr aufeinander acht. Hier im Team gab es mehrere Pärchen. Sie und Joe bildeten eines davon. Yvonne hatte Syrell, der in diesem Briefing nicht anwesend war, hier im Team kennen- und lieben gelernt und schließlich sogar geheiratet. Dennis, der einige Plätze entfernt saß, hatte sich in Rabea verliebt. Heute waren sie ein Paar und schafften es, ihrer Arbeit weiter professionell nachzugehen, was bei ihnen sicherlich nicht leicht war. Rabea als Agentin, die weit oben in der Hierarchie der CIA stand und ihnen die Missionen zuspielte, und er als Ausführender. Lexi wusste, dass sie nicht mit einem Agenten liiert sein könnte. Sie würde viel zu oft widersprechen. Viel zu häufig würde sie die Aufträge infrage stellen. Dann waren da noch Rafael und Liv. Ein Agentenpaar, das nur zusammengekommen war, weil sich ein anderes Pärchen im Team nicht mehr grün gewesen war. Auch ihr Sanitäter, der in diesem Augenblick aufgestanden war, war mit einer Agentin liiert. Es gab viele Paare hier, und trotzdem gab es nie Probleme, weil die Beziehungen im Weg waren.
»An was denkst du?« Joe holte sie aus ihrer Grübelei.
»Ob sie uns gleich Kaffee mitbringt oder ob sie plant, uns hier auszuhungern«, log sie, ihre Gedanken nicht aussprechend.
»Ich dachte, du planst einen Mord an ihm.« Joe deutete mit dem Kopf zu Patrik, der das Trommeln auf dem Tisch immer noch nicht aufgegeben hatte.
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf und wurde von einem anderen Gefühl heimgesucht. Sie hatte den Rhythmus endlich wiedererkannt. Er gehörte zu einem Lied, welches ein verstorbener Kamerad in Afghanistan immer auf seiner Gitarre gespielt hatte. Eine Erinnerung, die mit minimalem Schmerz einherging, da inzwischen die positiven Gedanken an ihren Kameraden mit dem Rufnamen DJ überwogen. Er hatte sie oft in den Nächten mit seiner Musik von ihrem Aufenthalt in Afghanistan abgelenkt. Hatte es mit seinem Spiel geschafft, ein wenig Heimat und Normalität in das Land zu bringen, das sie immer wieder gefordert hatte. Ein Land, in dem sie Dinge hatte sehen müssen, die sich andere nur schwer vorstellen konnten. Sein Tod war gerade für Patrik schmerzhaft gewesen. DJ hatte sich damals des jungen Neuankömmlings angenommen und ihm Griffe auf der Gitarre beigebracht, die er auch nach DJs Tod noch weiter ausgebaut hatte. Nur spielte er nie hier in der Base. Sie kannte nur wenige Videos, die er auf seinem Social-Media-Account postete. Patrik war gut, würde dieses Lob aus ihrem Mund aber nie ernst nehmen.
Die Tür, die sie zwischendurch immer im Blick hatte, öffnete sich, und Rabea trat ein. Ihre Mimik wirkte steinern, und Lexi bemerkte, dass sie selbst für Dennis in diesem Moment keinen Blick übrig hatte. Sie schritt an dem langen Tisch entlang, stellte sich an das Kopfende und atmete durch.
»Wir haben eine Mission«, erklärte sie mit einem Unterton, den Lexi nicht zuordnen konnte. Rabea schaltete den Projektor ein, und es vergingen nur wenige Sekunden, ehe ein Satellitenbild auftauchte.
»Die Karpaten«, raunte Darrel White. Der ehemalige SASR-Major hatte sich nur kurz nach vorne gebeugt, um genau zu sehen, was es zu sehen gab.
»Genau.« Rabea nickte, als sie Darrels Feststellung bestätigte. Dann fuhr sie unbeirrt fort. »Es liegen Informationen vor, laut denen eine Lieferung mit Waffen und Drohnen durch die Region geschleust werden soll. Die mögliche Route verläuft von Rumänien über die Ukraine. Wo genau das Zielgebiet der Lieferung liegt, ist noch nicht bekannt. Auftrag ist es, diesen Transport aufzuhalten, ehe er an seinem Bestimmungsort angekommen ist.«
»Der da wäre?« Lexi wusste, dass sie diese Frage vielleicht nicht hätte stellen sollen, denn die Art, wie Rabea sie nun ansah, war ausreichend. Sie wusste es nicht oder nicht genau. Das war der Grund, warum sie zu spät war. Es hatte bei der Erteilung der Mission bereits Diskrepanzen zwischen ihr und wahrscheinlich dem Verteidigungsministerium gegeben. Rabea schwieg einen Moment, atmete dann durch und stützte sich auf dem Tisch ab.
»Wir wissen es nicht genau. Wir wissen lediglich, dass sich in den Lkw russische Fabrikate von diversen Drohnen und passende Sprengsätze befinden. Es ist zu befürchten, dass man die Lieferung in der Ostukraine abladen soll oder …«
»In Polen«, warf Bear, der selbst geborener Russe war, nun mit seiner tiefen Stimme ein, woraufhin Rabea nickte. Diese nicht ausgesprochene Zustimmung hatte Brisanz, obgleich es wohl einerlei war, ob die Waffen in der Ukraine oder in Polen eingesetzt werden würden. Sollten jedoch Raketen von Polen aus nach Russland geschickt werden, um Russland anzugreifen, könnte das als Einmischung gewertet werden und einen Krieg provozieren. Womöglich hatte Russland irgendwem den Auftrag erteilt, sie aus Nato-Gebiet anzugreifen, um es im Nachgang einem Nato-Staat in die Schuhe zu schieben und so einen militärischen Konflikt zu provozieren. Wobei auch aus der Ukraine abgeschickte Drohnen nach Westen nichts Gutes mit sich bringen würden. Egal wie sie es drehte und wendete: Drohnen und Sprengsätze brachten nicht nur Zerstörung, sondern auch politische Probleme, die noch viel mehr Leid bringen würden.
»Wir haben die Informationen mit Satellitenbildern abgeglichen, und es bleibt dabei, dass dort irgendetwas vorgeht. Es gibt noch mehr Trucks, die wahrscheinlich eine ähnliche Ladung erwarten. Wenn das, was wir wissen, stimmt, geht es um Ware im Wert von einigen Millionen.« Rabea hatte sich der Leinwand zugewendet, auf die in diesem Augenblick ein Bild projiziert wurde. Eine bewaldete, bergige Region außerhalb im Grenzgebiet zwischen Rumänien, Ungarn und der Ukraine. Der Bildausschnitt zeigte eine Straße, die nach Sinaia führte. Außerdem bot das Bild den Blick auf einen Rastplatz, auf dem zwei große Vierzigtonner parkten.
»Also Trucks auf einem Rastplatz sind wirklich verdächtig.« Lexi Walker lachte auf. »Verdächtig wenig«, fügte sie hinzu. Bisher hatte Rabea ihnen noch nicht erzählt, woher genau die Info über die russischen Drohnen, die man in einem oder vielleicht auch beiden Trucks vermutete, stammte. Den strafenden Blick ihres Freundes ignorierte sie. Ihr war bewusst, dass ihre Wortmeldung keinerlei Nährwert gehabt hatte. Und doch erhoffte sie sich, die Informationen zu bekommen, die sie noch nicht hatten. Trucks auf einer Raststätte waren nichts, was sie als verdächtig einordnen würde. Wäre es eine Raststätte hier in den Staaten, würde sie es verdächtig finden, dass es nur zwei Trucks waren und keine hundert. Dort im Nirgendwo mochten zwei passen.
»Okay, lassen wir Bitch mal reden. Wir haben also einen klaren Auftrag. Wann soll es losgehen?« Elijah Kujiers, einer von zwei Captains des Teams, hatte ihr nur einen knappen Blick geschenkt. Ein Blick, der ihr Verbot, weiterzusprechen, und den anderen signalisieren sollte, dass ihre Worte wenig Gewicht bekommen würden. Sie vermied es, mit den Zähnen zu knirschen. Sie würde mit dem, was ihr auf der Zunge lag, noch einen Moment warten müssen. Der Punkt, an dem Elijah sie um Meinungen fragen würde, würde noch kommen.
»Am besten gestern schon«, erklärte Rabea, ohne dass der seltsame Unterton in ihrer Stimme wich. Konnte sie dort Zweifel hören? Ihr Blick wanderte zu Dennis. Konnte sie im Gesicht des Freundes der Agentin erkennen, was in der Agentin vorging? »Ihr startet in fünf Stunden. Packt eure Sachen zusammen. Ihr reist über Amsterdam nach Bukarest. Wenn ihr in Bukarest seid, bekommt ihr genaue Koordinaten von den Trucks«, fuhr Rabea fort.
»Bis wir da sind, sind die doch schon wieder weg oder ganz woanders«, platzte es aus ihr heraus. Sie würden mindestens einen Tag unterwegs sein. In dieser Zeit könnten die Trucks nicht nur weiterreisen, ihre Ladung könnte auch bereits an ihrem Bestimmungsort übergeben worden sein.
»Das ist uns bewusst. Und es ist nicht deine Aufgabe, zu hinterfragen, was wir für euch planen. Die, die da stehen, können wir vielleicht nicht mehr aufhalten, aber die anderen. Weitere Infos erhaltet ihr, wenn ihr unterwegs seid und wir mehr wissen. Ihr sollt dann vor Ort sein und nicht erst dann aufbrechen. « Rabeas Worte hallten kalt durch den Raum und sorgten bei einigen von ihnen für erstaunte Gesichter. Bei Lexi hingegen passierte etwas anderes. Ihr war in diesem Moment klar geworden, dass Rabea Zweifel an dem Einsatz hatte. »Packt zusammen. Alles Weitere auf dem Flug.« Rabea ging, ohne auf weitere Einwürfe von ihnen zu warten, an der Tischreihe entlang und verließ den Raum.
Es dauerte nur wenige Sekunden, ehe Dennis als Erster den Raum verließ. Lexi vermutete, dass er einige Worte mit seiner Freundin wechseln würde und vielleicht Dinge in Erfahrung bringen konnte, die Rabea eben nicht offengelegt hatte. Unter Umständen war er in der Lage, die Agentin in seiner Freundin zu umgehen.
»Das kann sie nicht ernst meinen. Da rennen wir denen hinterher und kommen auf Garantie zu spät. Und dann? Dann sind wir schuld, wenn die Dinger weiß Gott wo auftauchen?«
Nuyen Sato hatte empört das Wort ergriffen. Der Mann mit den asiatischen Wurzeln war in den meisten Einsätzen die Ruhe selbst. Dass er dabei war, bemerkte man in den häufigsten Fällen nur an seinen punktgenauen Schüssen und seiner eintausendprozentig zuverlässigen und professionellen Arbeit. Dass er jetzt derart aufgebracht reagierte, bestätigte Lexi in ihrer Annahme. Also war sie mit ihren Zweifeln nicht allein.
»Kommt mal runter. Wir packen nun unseren Kram und machen uns auf den Weg zum Flieger, dann haben wir erstmal sechzehn Stunden, um zu schlafen. Die Zeit werden sie hier sicherlich nutzen, um Pläne zu schmieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Rabea uns da ins Messer laufen lässt«, warf Ryan mit ruhiger, aber befehlender Stimme ein.
»Nicht ins Messer, Jhesus, aber ins Leere. Die können wir nicht mehr einholen. Schau dir das doch an.« Nuyen war an die Leinwand getreten und deutete auf den markierten Punkt. »Die sind doch heute schon fast in der Ukraine.«
»Ich schwöre dir, die wollen den Scheiß nicht in der Ukraine loswerden.«
Lexi richtete ihre Konzentration auf Bear, der die Worte mit einer erschreckenden Ruhe ausgesprochen hatte. Er klang beinahe gleichgültig. Es richteten sich gefühlt alle Blicke auf ihn, und doch war es nur Darrel, der die Worte fand, die sie wohl am liebsten alle ausgesprochen hätten.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die gegen Polen nutzen würden.«
»Banjo, sei doch nicht so naiv. Es ist doch scheißegal, ob Polen, die Tschechei oder die Slowakei. Vielleicht reisen sie dann auch noch viel weiter. Wenn du es schaffst, deine Waffen ins Herz des Feindes zu bringen, schaffst du es auch, die Leute dahin zu bekommen, die die Waffen nutzen können.«
»Das wäre ein Bündnisfall«, warf nun Yvonne ein.
»Genau. Dann MÜSSEN wir hin, und dann haben wir das, wovor alle Welt schon ewig warnt. Einen Weltkrieg.«
»Hört doch auf. Es bringt nichts, wenn wir hier diskutieren. Wir packen jetzt und dann machen wir uns auf den Weg. Und dann schauen wir vor Ort, wie es weitergeht. Dieses elende Was-wäre-wenn-Geschwafel hat uns noch nie weitergebracht. Wir nehmen, was wir vor Ort bekommen, und arbeiten mit dem, was wir dann haben. Mit Spekulationen kann man nichts gewinnen.« Elijah hatte sich von seinem Platz erhoben. »Los jetzt.«
»Verschieb es«, raunte nun Joe ihr mahnend zu, um zu verhindern, dass sie nochmals Einwände brachte, als er ebenfalls aufstand.
»Verschieben? Auf wann? Wenn wir da irgendwo von Vampiren aufgefressen wurden? Das ist nämlich wahrscheinlicher, als dass wir den Transport noch aufhalten können.« Es dauerte keine fünf Sekunden, ehe sie sich für ihren Ausbruch schämte. Ihr Freund konnte nichts für das, was man ihnen nun aufgetragen hatte. Dass dieser Einsatz reine Zeitverschwendung war, war ihm sicherlich ebenfalls bewusst. Und doch mussten sie aufbrechen. Sollte es doch möglich sein, die Trucks noch zu stoppen, mussten sie es tun.
Dennis kehrte wenige Minuten später mit finsterer Miene zurück. Lexi sah ihn genau an, in der Hoffnung, dass er mehr von seiner Freundin erfahren hatte als das, was sie ihnen allen gerade gesagt hatte. Er ging direkt auf Yvonne zu, die ihn so leise ansprach, dass es Lexi nicht gelang, etwas zu verstehen. Was auch daran lag, dass die anderen Teammitglieder miteinander sprachen und es einfach zu laut war.
»Lass uns einpacken.« Joes Ansprache sorgte dafür, dass sie ihren Blick von Dennis und Yvonne löste, die immer noch miteinander redeten. Wusste Dennis tatsächlich jetzt mehr als Rabea ihnen eben gesagt hatte, und würde Yvonne gleich auch mehr wissen? »Sie werden es uns gleich sagen.« Joe schien ebenfalls bemerkt zu haben, dass etwas zwischen den beiden Deutschen vorging.
Sie stieß einen gefrusteten Laut aus. Spätestens im Flieger würde sie Dennis oder Yvonne, besser noch beide ansprechen.