Elijah war sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte, dass er die Woche hier im verdunkelten Konferenzzimmer beginnen musste. Die meisten Büros in diesem Teil ihrer alten Base waren bereits geräumt. Die Stuben in den oberen Stockwerken waren so leer wie die Küche wenige Meter entfernt. Der Großteil der Technik war abgebaut, die Akten verschwunden. Tagtäglich wirkte es hier verlassener. Ihre neue Heimat in einer umgebauten Werkstatthalle war noch nicht vollständig bezugsbereit. Er hatte den Ort bisher nur zwei Mal besucht. Beim ersten Mal hatte es ihm aufgrund des Zustandes der Halle die Sprache verschlagen. Beim zweiten Besuch, vor knapp vierzehn Tagen, hatte er sich dann jedoch vorstellen können, wie es dort in einigen Wochen aussehen würde. Modern und sehr offen. Er riss sich aus den Gedanken und richtete seinen Blick zu den Fenstern.
Die schweren tiefroten Vorhänge verhinderten, dass Lichtstrahlen in den Raum fielen, und das weiße Licht der Deckenlampen verlieh dem Zimmer um diese Zeit eine gewisse Kühle. Es war kurz vor sieben, in den vergangenen Minuten waren einige seiner Teamkollegen ebenfalls in das geräumige Büro gekommen. Sie wirkten so angespannt, wie er sich fühlte. Minister Underwood hatte sie einbestellt und würde sich sehr bald über eine Videokonferenz bei ihnen melden. Er hatte einen Auftrag angekündigt. Diese Mission war nicht irgendeine Mission. Es war die Erste, die sie von ihm erhalten würden. Niemand von ihnen wusste bisher, was Underwood für Anforderungen stellen würde. Keiner konnte einschätzen, ob es gut oder schlecht war, dass er sich diejenigen, die an dieser Operation teilnehmen würden, bereits vorab ausgesucht hatte. Es wäre egal, wer mit wem in diesem Einsatz ein Team bilden würde. Jeder konnte mit jedem arbeiten und es würde keinerlei Probleme untereinander geben. Aus seinem Alpha-Team hatte Underwood Harry, Bear, Nathan, Nick und Lexi zur Konferenz bestellt. Aus Ryans Bravo-Team wurden Rod, Nuyen, Yvonne, Patrik, Randall und Darrel einbestellt und zusätzlich, und das besorgte Elijah seit dem Anruf, Derrin Akram.
Derrin Akram war kein Soldat. Er war Sprachmittler mit afghanischen Wurzeln und arbeitete in den Staaten. Hier war er, so gut es ging, geschützt vor Angriffen, die es schon auf ihn gegeben hatte. Sollte Underwood verlangen, dass Derrin sie in einen Einsatz begleitete? Würden sie seine Sicherheit gewährleisten können? Je nachdem, in welche Region sie reisen würden, könnte es kompliziert werden. Dieser Umstand beschäftigte ihn, und offensichtlich auch Nathan Harrison, der in diesem Moment den Raum betrat und sich schweigend zu Lexi Walker setzte, schwer. Der blonde Mann, dessen tiefe Augenringe mehrere Gründe haben könnten, strich sich durch den Bart. Entweder hatten seine Zwillinge ihn vom Schlaf in der vergangenen Nacht abgehalten oder es waren Albträume gewesen. Elijah beobachtete den Mann einen Moment, der nun mit der blonden Frau sprach, die in den letzten Tagen mit einer neuen Frisur aufgetaucht war. Die vorher mehr als schulterlangen Haare waren einem sehr kurzen Schnitt gewichen.
Nathan hatte ihm das Ankommen in diesem Team nicht leicht gemacht und es war nicht zu übersehen, dass er immer mehr unter der psychischen Belastung seines Jobs litt. Zugeben würde er das jedoch nicht. Alle bisher stattgefundenen Gespräche hatten ihn nicht dazu gebracht, einzusehen, dass er seine Belastungsgrenze erreicht hatte. Elijah ließ seinen Blick zu Yvonne schweifen, die ihren ersten Einsatz seit der Geburt ihrer Tochter bestreiten würde. Sie trug ihre ebenfalls blonden Haare zu einem strengen Zopf gebunden und war in ein Gespräch mit Nuyen vertieft, der neben ihr saß.
Als sich die Tür des Raumes erneut öffnete, trat Ryan ein, dem eine der Agentinnen folgte, die für sie hier in der Base arbeiteten und in letzter Zeit ebenfalls mit dem Umzug beschäftigt war. Ryans schwarze Haare machten den Eindruck, als wäre er erst vor wenigen Minuten aufgestanden. Joyce steuerte auf den PC zu, der hinter Elijah an dem Schreibtisch vor der weißen Wand stand, auf der gleich Underwood auftauchen sollte.
Wenige Minuten später stand die Verbindung zu Minister Ronan Underwood, der ihnen mit einer Kaffeetasse in der Hand aus einem Büro entgegensah, als sie sich zum Gruß erhoben.
»Setzen Sie sich. Wir haben keine Zeit für diesen Blödsinn.«
Erneut wurden Stühle gerückt, wobei Elijah nicht entging, dass der Mann am anderen Ende des Landes jeden hier Anwesenden genau musterte.
»Gut, wie ich sehe, sind alle da und auch wach.«
Elijah hatte beobachtet, wie Derrin Akram den Raum betreten und sich in die letzte Reihe gesetzt hatte, ehe Underwoods Antlitz auf der Wand erschienen war.
»Für Sie alle geht es in den Jemen. Genauer gesagt nach Ma’rib. Agent Dearing würden Sie bitte die Karten einspielen? Mein Gesicht möchte doch gerade keiner sehen.«
An der Wand tauchte eine topografische Landkarte des Jemens auf und Joyce zoomte Ma’rib heran, eine Stadt östlich von Sanaa. Elijah begann zu grübeln, wer dort aktuell die führende militärische Macht war. Die Kämpfe im Jemen brannten seit vielen Jahren und die Fronten verschoben sich permanent, wenn auch nicht weit. Huthi Rebellen kämpften gegen eine Allianz aus Saudi-Arabien, der Iran trug seinen Teil bei und andere Parteien mischten ebenfalls im politischen Gerangel mit. Auch wenn der Jemen keine riesigen Vorkommen an Erdschätzen hatte, gab es etwas, was das Interesse vieler Anrainerstaaten und Terrororganisationen weckte: Die Lage des Landes am Golf von Aden und am Roten Meer mit der Meerenge Bab al-Mandab bot riesige Vorteile, um über nicht legale Wege an Geld zu kommen. Immer wieder wurden dort Frachtschiffe überfallen, um Reedereien zu erpressen. Wer diese Meerenge kontrollierte, kontrollierte gleichzeitig einen riesigen Wirtschaftszweig, da die Schiffe diesen Weg nutzten, um Waren über den Suezkanal in den Westen zu bringen. Im Westen war der Jemen als bitterarmes Land bekannt, das im Wesentlichen durch Überfälle auf Schiffe und hungernde Menschen Schlagzeilen machte. Dass diese Nation ein Spielball war, der von Saudi-Arabien und dem Iran befeuert wurde, wussten wenige. Viel zu undurchsichtig war das im Land herrschende Chaos. Die Völkergemeinschaften rund um den Jemen schickten Geld und Hilfsgüter, um sich mit den Menschen dort gutzustellen. Fischer erhielten von Saudi-Arabien Boote, sodass inzwischen viele fischten, die vorher gar nicht hatten rausfahren können. Deswegen gab es immer weniger Geld für den Fang, da mittlerweile ein Überangebot herrschte. Es wurden Schulen gebaut, die prunkvoll aussahen, aber kaum Schüler beherbergten, da diese in den Familien helfen mussten. Die Kinder arbeiteten oft schon vor dem zwölften Lebensjahr, um ein paar Riat zu verdienen, damit sich die Familie ein paar Lebensmittel leisten konnten. Die Vereinigten Staaten hatten sich bereits vor einer Weile zurückgezogen. Zwar gab es immer noch Hilfslieferungen, aber militärisch waren sie nicht mehr vor Ort.
»Ihr Auftragsgebiet teilt sich auf in den Ma’rib Staudamm und ein Kraftwerk, welches etwas außerhalb liegt.«
»Warum mischen wir uns da ein? Die Saudis und Iraner und wer da sonst noch mitmischt, freuen sich bestimmt nicht, uns zu sehen. Wollen wir einen neuen Golfkrieg vom Zaun brechen?« Nathans Einwurf war nicht von der Hand zu weisen. Wenn Amerikaner im Land waren, könnte sowohl Saudi-Arabien als auch der Iran und Irak es falsch deuten.
»Ganz der Bruder«, erwiderte Underwood aus dem Hintergrund. »Deswegen gehen Sie ohne jedes Abzeichen. Sie sind eigentlich nicht da. Sie sollen vor Ort die von Hilfsorganisationen zusammengestellten Kräfte unterstützen. Es ist nicht klar, wer dort immer wieder Arbeiter und Hilfskräfte angreift und abschlachtet, aber das muss ein Ende haben. Der Staudamm ist alles andere als gut in Schuss. Wir können ihn zwar nicht reparieren, aber wir können helfen, dass die Menschen vor Ort sich darum kümmern. Bricht der Damm, werden nicht nur viele in der Flut umkommen, es wird die humanitäre Katastrophe dort noch verstärken. Dort gibt es sonst kein Wasser. Die Bevölkerung müsste wegziehen, kann aber nirgends hin, denn – egal, wohin sie gehen würden – sie würden sterben. Sie haben ihre Tiere und Felder dort und müssten woanders erst das Land urbar machen. Dafür fehlt es dann an Zeit, Maschinen und Geld. Urbares Land können sie sich nicht kaufen, weil die finanziellen Mittel fehlen. Deshalb können sich die meisten nicht einmal eine Wohnung in der Stadt leisten. Gleiches gilt für das Kraftwerk. Eine große Region würde vom Strom abgeschnitten sein. Wir haben Care International unsere Hilfe zugesagt. Wir müssen die vertreiben, die diese Anschläge verüben. Dearing, können Sie die Bilder zeigen?« Underwood war bei seiner gesamten Ansprache nicht zu sehen gewesen. Joyce rief Fotos auf, die Elijah schlucken ließen. Er sah Bilder von erschossenen Menschen am Damm und an einem Kraftwerk.
»Sie töten in den meisten Fällen nur die Arbeiter, Außenstehende werden selten ihre Opfer. Die Gründe kennen wir leider nicht, aber das muss ein Ende haben.«
»Das sind doch noch Kinder«, platzte es aus Yvonne heraus. Ihm war ebenfalls bereits aufgefallen, dass die Opfer Teenager waren.
»Genau Mrs Navajo. Männer und deren Söhne, die meist gerade mal vierzehn sind. Wir denken, dass es sich bei den wenigen betroffenen Zivilisten um Kollateralschäden handelt, da sie sich in der Nähe der Arbeiter aufgehalten haben. Wenn die Männer tot sind, werden die Familien der Arbeiter angegriffen. Meist in der Nacht. Die Bilder erspare ich Ihnen, die haben selbst mich ins Bad getrieben. Dieser Irrsinn muss ein Ende haben. Fliegen Sie da rüber und sorgen Sie dafür, dass diese Gruppe verschwindet.«
»Woher wissen wir, dass es nicht die Saudis sind oder die Iraner? Wie können wir sicher sein, dass es nur eine kleine Gruppe ist und wir uns nicht nach ein paar Tagen einer Armee gegenübersehen? Ich gehe davon aus, dass Sie uns nicht evakuieren, wenn die mit Panzern und Co kommen.« Bear hatte sich in seinem Stuhl fragend nach hinten gelehnt.
»Eine berechtigte Frage. Wir haben die Region, soweit es mit unseren Ressourcen machbar war, eine Weile überwacht. Wie Sie sich vorstellen können, ist es nicht ganz so leicht, eine Drohne für einen Überflug des Jemen zu bekommen. Am Damm gehen die Angriffe immer von wenigen Punkten aus. Die Menschen werden, wie Sie sicherlich anhand der Verletzungen erkannt haben, von Snipern getötet. Die Familien werden von kleinen Gruppen überfallen. Ebenso sieht es am Kraftwerk aus. Wir konnten im großen Umkreis nichts ausmachen, was auf eine Ansammlung von Gegnern schließen lässt. Selbst die Front ist im Moment relativ ruhig und die stattfindenden Scharmützel begrenzen sich auf einen anderen Raum. Die Menschen vor Ort gehen auch nicht davon aus, dass es Huthi sind, die dort angreifen. Wenn es welche sein sollten, dann eine Splittergruppe.«
Elijah konnte allen die Skepsis ansehen. In einen Bürgerkrieg zu geraten stand nicht auf ihren Wunschlisten, schon gar nicht, wenn sie keine Möglichkeit hatten, diesen Gefechten schnell zu entfliehen. Da aber niemand weitere Einwände brachte, würden sie sich auf die Infos verlassen, die sie bekommen würden.
Underwood informierte sie in der kommenden Stunde über örtliche Gegebenheiten, zeigte ihnen Bilder von Dorfvorstehern des Bezirks und machte sie darauf aufmerksam, dass sie sparsam mit dem Sprit umgehen mussten, da dieser in der Region nur einmal wöchentlich ausgegeben wurde. Lange Schlangen und stundenlange Wartezeiten waren an den Tankstellen aktuell normal. Ma’rib hatte noch den Vorteil, dass es gelegentlich Benzin aus der eigenen Raffinerie gab, aber Sanaa und Aden litten darunter, dass die Tanker nicht anlegen durften, umgeleitet wurden und dann über Wochen weiter im Norden festsaßen. Rationierter Sprit war ein zusätzlicher negativer Punkt auf der Liste von Dingen, die Underwood offenlegte. Elijah stellte sich die Frage, wie sie in Gespräche mit Anwohner kommen konnten, wenn sie auf jeden Kilometer achten mussten. Solche Konversationen waren in vielerlei Hinsicht wichtig. Sie konnten das Vertrauen der Menschen erhalten und mit Glück Informationen von Bedeutung sammeln.
Am Staudamm lag die nächste Siedlung fünf Kilometer Luftlinie südlich, um dorthin zu gelangen, musste man jedoch mehr als fünfundzwanzig Kilometer schlechte Schotterpisten überwinden. Der kurze Weg war auch zu Fuß aufgrund der hügeligen, teils bergigen Region unmöglich. Eine Dauer für ihren Einsatz nannte Underwood nicht. Von einer Woche bis zu einem Monat oder länger war alles möglich. Was sie alle dann zusätzlich erstaunte, war die Einteilung der Teams und der Aspekt, dass sie Derrin Akram tatsächlich mit in den Jemen nehmen würden. Dieser Umstand spiegelte sich vor allem in Nathans Gesicht wider, Protest legte er jedoch nicht ein. Wahrscheinlich mied er den Widerspruch, da Derrin mit Nathan ein Team bilden würde, in dem zusätzlich Patrik, Nuyen, Rod, Yvonne und Ryan sein würden. Es handelte sich somit um ein eingespieltes Team, das schon seit Jahren miteinander agierte.
Elijah konnte nicht umhin, ein wenig erleichtert zu sein, dass Nathan nicht in seinem Team sein würde. Selbst wenn er sich inzwischen mit ihm verstand, tat Elijah sich weiterhin schwer, mit Nathan klarzukommen. Die anfänglich extreme Ablehnung ihm gegenüber war zum Glück gewichen, aber Elijah war immer noch der Ansicht, dass Nathan ihm nicht vollends traute. An seiner Seite würde er Randall, Harry, Nick, Bear, Lexi und Darrel haben. Den Umstand, dass Ryans Team keinen voll ausgebildeten Sanitäter hatte, brachte er Underwood gegenüber nur kurz ein, der eine simple Erklärung dafür lieferte.
»Wenn Sie sich dort mit den Heckenschützen anlegen, benötigen Sie keinen Corpseman mehr. Sie wissen, wie ich das meine.« Underwoods Worte mochten der Wahrheit entsprechen, doch es fühlte sich falsch an. Nick wäre über eine halbe Stunde Fahrzeit vom Team entfernt und ob Rods Kenntnisse ausreichen würden, wollte Elijah lieber nicht testen. Roderick hatte im Laufe seiner Ausbildung und Einsatzjahre zwar einige zusätzliche Lehrgänge im Bereich des Sanitätsdienstes im Feld besucht und sich so einige Handgriffe angeeignet, zudem besaß er das nötige Nervenkostüm, allerdings fand sich in seiner Akte der Vermerk, dass er sich nicht zum Sanitäter ausbilden lassen wollte, da er fürchtete, mit der ständigen mentalen Belastung nicht klar zu kommen.
»Das war alles von meiner Seite. Agent Dearing hat Ihnen noch einige Unterlagen zusammengestellt. Ihr Flieger startet in zwei Tagen. Ihre erste Station ist die Al Asad Airbase. Von dort geht es dann in einem genehmigten Flug nach Sanaa. Tragen Sie möglichst unauffällige Kleidung und packen Sie so, dass man die Waffen nicht sofort sieht. Sie werden in Sanaa von einem Kontaktmann abgeholt, der Sie dann zum Damm und zum Kraftwerk bringt und dort vor Ort bleibt.«
»Ich muss dir nicht sagen, wie ich das finde.«
»Nein, musst du nicht. Dein Gesicht spricht Bände. Ich habe mich aber nicht für den Job gemeldet und ich habe auch sonst keinen Kontakt zu Underwood. Nicht dass du gleich damit kommst, ich hätte mich bei ihm eingeschlichen. Und ehe du fragst, nein, ich weiß nicht, wer mich vorgeschlagen haben könnte.« Derrin lehnte sich neben Nathan sitzend in dessen Ford Fusion zurück und hatte seinen Freund, während er gesprochen hatte, nicht einmal angesehen. Nathan kannte seinen Kumpel. Derrin war sauer. Nicht, weil er in einen Einsatz in den Jemen sollte, sondern weil er, Nathan, gerade seine Sorgen und Gedanken geäußert hatte. Er hatte Derrin erklärt, dass er kein Soldat sei – was dieser durchaus wusste – er hatte ihm sagen wollen, wie er sich in der kommenden Zeit verhalten sollte – was er ebenfalls wusste – und er hatte kundgetan, dass ihm die Entscheidung des Verteidigungsministers nicht gefiel. In den vergangenen Minuten hatte er sich aufgeführt wie ein Lehrer, was Derrin nicht ausstehen konnte, da er ausreichend Erfahrungen gesammelt hatte und sich ungern belehren ließ.
»Dir könnte man auch eine eierlegende Wollmilchsau vorsetzen, die könntest du genau so wenig leiden. Hast du deinen Bruder mal auf Underwood angesprochen? Ich glaube, so falsch ist der Mann nicht.« Derrin stierte auf die Straße und mied es weiterhin, ihn anzusehen.
»Nein habe ich nicht. Und ich habe auch nicht gesagt, dass ich finde, er ist der falsche Mann für den Job«, verteidigte Nathan sich. Er hatte tatsächlich noch nicht mit seinem Bruder über Ronan Underwood gesprochen, was ihn selbst ein wenig erstaunte. Sean hatte nur erwähnt, dass Underwood ein fähiger Mann war, mehr nicht. Sein Bruder hatte nicht aus dem Nähkästchen geplaudert oder von gemeinsamen Einsätzen berichtet, sollte es diese gegeben haben. Nathan bezweifelte vielmehr, dass Sean viel über ihren neuen Boss zu erzählen hatte. Seiner Information nach hatten Sean und Ronan nur ihre Ausbildung gemeinsam absolviert und danach kaum Kontakt gehabt.
Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten sie den Wohnblock am Nimitz Boulevard in den Derrin erst vor wenigen Wochen gezogen war. Das weiße, große, dreieckige Gebäude beherbergte größtenteils Ferienwohnungen. Somit bewahrte Derrin seine Anonymität, da es keine wirkliche Nachbarschaft gab. Die Menschen kamen und gingen nach ihrem Urlaub wieder. Nur wenige blieben länger. Wann Derrin dort wieder ausziehen würde, wussten sie noch nicht. Die Wohnung war ihm von seinem Arbeitgeber beschafft worden, der auf der Suche nach einer dauerhaften sicheren Unterkunft für seinen Mitarbeiter war. Nathan hatte aufgelacht, als er das Wort sicher gehört hatte. Sicher war Derrin nie und nirgends. Wenn man ihn wirklich finden wollte, würde man ihn finden. Es war ein Leichtes, seinen Arbeitsplatz aufzusuchen und ihm von dort zu seiner Wohnung zu folgen. Selbst jetzt, wo Derrin nicht mehr in den offiziellen Mitarbeiterlisten der Firma auftauchte und er nicht über Suchmaschinen als Dolmetscher zu finden war. Der Mann neben ihm, dem er sehr viel zu verdanken hatte und mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband, würde auf ewig ein Gejagter von Terroristen bleiben.
»Danke fürs Bringen.« Derrin löste ihn aus seinen Gedanken, die auch mit vielen dunklen Momenten seines Lebens verbunden waren.
Nathan nickte. »Pack vernünftig, ich leih dir keine Klamotten, wenn du was vergessen hast.« Er zwang sich zu dem Scherz. Die Anspannung, die sich wohl nicht nur auf ihn gelegt hatte, würde in den kommenden zwei Tagen nicht mehr abfallen.
Wenige Augenblicke später lenkte er seinen Ford vom Seitenstreifen wieder auf die Straße. Er würde eine halbe Stunde benötigen, um bei sich daheim anzukommen. Dann musste er seiner Lebensgefährtin mitteilen, dass er in einen Einsatz gehen würde. Dass er nicht wusste, ob er eine Woche oder einen Monat fortbleiben würde. Er würde gemeinsam mit ihr vor seiner Abreise eine Haushaltshilfe suchen müssen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie in den Wochen, in denen er viel in der Base oder nicht im Land war, jemanden einstellen würden, der Harper im Haushalt und mit den Zwillingen unterstützen würde. Darian und Calvin waren nun neun Monate alt. Sie krabbelten und entdeckten die Welt schneller, als man gucken konnte. Bei dem Gedanken an seine Kinder lächelte er. Nie hätte er gedacht, sich in der Vaterrolle zu sehen. Jetzt konnte er sich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Sein erstes Zusammentreffen mit Harper hätte ihn auch nie vermuten lassen, dass sie jemals Kinder zusammen haben würden. Überhaupt mit ihr zusammen zu sein, hätte er nicht gedacht, da die Abfuhr, die sie ihm erteilt hatte, mehr als deutlich gewesen war. Sie wollte keinen Soldaten als Freund. Aber genau das war er gewesen, als er sie gerettet hatte. Schmunzelnd bog er mit positiven Bildern der Vergangenheit im Kopf auf die Einfahrt seines Hauses.
Haus, Auto, Frau und Kinder. Kurz lagen seine Hände am Lenkrad und er schaute auf das weiße Garagentor. Was wollte er mehr? Eine leise Stimme in seinem Kopf unterbrach diese positiven Momente. Einen Job, der dich nicht jederzeit brutal aus dem Leben reißen kann.
Nach einigen Momenten, in denen er nur auf das Blech des Tores gestarrt hatte, stieg er aus. Früher oder später würde Harper herauskommen, sollte er nun nicht hineingehen. Sie hatte sein Kommen sicher gehört und würde sich Sorgen machen, wenn er den Wagen nicht verließ.
Im Haus konnte er seine Zwillinge hören und Harper, die auflachte. Das warme Gefühl, welches ihn überrollte, vertrieb all das Dunkle in seinem Kopf, wie es so oft passierte, wenn er dieses Gebäude betrat und sein anderes Leben als Soldat vor der Tür zurücklassen konnte. Das konnte er erst seit kurzem und es funktionierte nicht jeden Tag gleich gut. Es gab Tage, an denen der Soldat ihn nicht loslassen wollte, an denen er das Haus mit ihm zusammen betrat und ihm immer wieder vor Augen führte, dass er hier etwas hatte, was in den Krisenregionen der Welt nicht selbstverständlich war und – und das war weit schlimmer – dass er einer derjenigen war, die dieses Glück, diese heile Welt, zerstörten.
»Hey.«
Er fand Harper im Wohnzimmer auf einer großen Wolldecke sitzend. Vor ihr saßen seine Zwillinge, die Ringe in den Händen hielten und ihn nun ebenso freudig musterten wie seine Freundin.
»Hey.« Harper stand auf und kam auf ihn zu. An ihr vorbeischauend sah er Darian und Calvin, die sich nun krabbelnd auf den Weg zu ihm machten. Stück für Stück kamen sie auf ihn zu. Wie lange mochte es noch dauern, bis aus dem Vierfüßlergang der aufrechte wurde und sie ihm in die Arme liefen? Er sog die Luft ein. Wenn er nicht schnell aussprach, was er aussprechen musste, würde er es in den nächsten Stunden vor sich herschieben, was es nicht leichter werden ließ. Zu gerne würde er die nächsten Tage hier verbringen.
»Wir haben einen Einsatz«, offenbarte er Harper, als er sie fest umarmt hielt und nur einen Atemzug nach seiner Erklärung spüren konnte, wie sie heftig ausatmete.
»Wann?« Sie sah zu ihm auf.
»In zwei Tagen geht es los. Morgen steht packen und planen auf dem Programm.«
»Und wahrscheinlich bist du erst um Mitternacht zuhause, und verlässt um vier das Haus wieder?« Harper biss sich auf die Unterlippe. Das tat sie immer, wenn sie sich bemühte, ihre Emotionen zu kontrollieren. Er konnte ihr ansehen, dass es ihr nicht gefiel, dass er gehen musste. Aber auch, dass sie es akzeptierte, wie sie es immer tat. Sie hatte sich mit dem Leben als Frau eines Soldaten abgefunden. Trotzdem konnte er in ihren Augen immer wieder Protest sehen. Dieser Protest war, so meinte er, seit der Geburt ihrer Zwillinge gewachsen.
»Ich weiß noch nicht, wann es losgeht, vielleicht bleibe ich in der Base.« Dass er, sollten sie sehr früh aufbrechen, nicht nach Hause fahren würde, hatte er auf dem Weg her beschlossen. Er würde hier kein Auge zu tun, wenn er wusste, dass er weit vor Sonnenaufgang an der Base sein musste. Zudem lief er hier Gefahr, seine Kinder zu wecken, und so dafür zu sorgen, dass auch Harper einen sehr langen Tag haben würde. Ihr knappes Nicken, ehe sie zu ihren Söhnen sah und schließlich Calvin aufhob und ihn Nathan reichte, zeigte ihm, dass sie mit ihren Emotionen rang. Sie hatten beide nicht damit gerechnet, dass Underwood so schnell nach seinem Dienstantritt einen Job für das Team haben würde. Harper nahm Darian hoch und musterte Nathan. Wahrscheinlich hatte sie, wie er, damit gerechnet, dass sich das Team in der kommenden Zeit mehr mit dem Umzug ihrer Sachen in ihre neue Zentrale beschäftigen würde.
»Also brauchen wir eine Nanny?« Sie schien mit dem Gedanken nicht glücklich zu sein, da sie die Luft genervt ausstieß und es ignorierte, dass Darian an ihren Haaren zog.
»Ja.« Kurz grübelte er, wie er das Thema vorsichtig weiter ausbauen sollte. Harper weigerte sich zwar nicht, die Hilfe der Nannys anzunehmen, bisher hatten sie jedoch niemanden gefunden, mit dem sie wirklich zufrieden zu sein schien. Die Frauen erledigten alle ihre Aufgaben hervorragend, aber irgendetwas war da, das Harper daran hinderte, diesen Helferinnen voll zu vertrauen. Dabei waren es in den meisten Fällen Frauen von Kameraden, die sich so ein eigenes Standbein schufen und sich ihr Haushaltsgeld aufbesserten.
»Wir finden schon jemanden«, erklärte er nach kurzem Schweigen und mit Blick auf seinen Sohn.
»An einem Abend? Da muss wohl eher ich jemanden finden.« Harper wandte sich mit Darian ab und hatte dem Wort ›ich‹ eine scharfe Betonung verliehen.
»Lass mich dir doch helfen. Wir können da jederzeit anrufen, das ist extra eine Hotline für Militärangehörige. Die sind es gewohnt, dass es erstens anders und zweitens als geplant kommt. Deswegen ist die Nummer rund um die Uhr besetzt.«
»Und dann schicken sie irgendjemanden.« Harper atmete gefrustet aus.
»Vielleicht haben wir ja Glück und …«
Harper drehte sich zu ihm um. Er sprach nicht weiter, da ihr Blick mehr sagte als Worte. Nathan musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Schließlich war das Finden einer Nanny im Vergleich zu seinen Einsätzen nur ein Klacks. Doch das wollte er seiner Freundin nicht an den Kopf werfen. Er wusste, wie sehr sie darauf bedacht war, dass ihre Söhne es gut hatten und dass sie ebenfalls mit der Frau, die sich dann bei ihnen aufhalten würde, auskommen würde. »Hast du Karen mal gefragt, ob sie jemanden Gutes kennt?« Er fürchtete bereits, dass Harper mit einem gereizten Ja antworten würde, aber sie schüttelte den Kopf.
»Ich will ihr nicht das Gefühl geben, dass ich sie nicht brauche«, gestand Harper leise mit einem Funken Verzweiflung in der Stimme.
Karen Baker, die Lebensgefährtin seines Kameraden Bear, war seit vielen Jahre die gute Seele des Teams. Inzwischen kümmerte sie sich mehr um das Wohl der Frauen als um das ihrige. Sie war Ansprechpartnerin, wenn die Männer auf Einsätzen waren, und stand den Frauen dann zu jeder Tages- und Nachtzeit bei. Sie sprang als Babysitterin ein, lud zu Kaffee und Kuchen ein und versammelte die Frauen jederzeit bei sich, damit keine alleine mit ihren Sorgen war. Nicht zuletzt war sie bei ihren ausgedehnten Barbecues diejenige, die alles organisierte, während Bear das Fleisch auf dem Grill zubereitete.
»Ich glaube nicht, dass sie das denken wird. Wir rufen sie an.« Mit Calvin auf dem Arm ließ er sich auf dem Sofa nieder und wählte die Nummer von Karen.
Zwischen ihm und ihr gab es außerdem noch ein weiteres enges Band. Karens Bruder hatte mit ihm gemeinsam gedient und war in seinem Beisein gefallen. Verblutet in seinen Armen, hatte Nathan lange gebraucht, um den Schmerz und Verlust zu verarbeiten. Darüber weggekommen war er nie, aber es war ihm gelungen, damit zu leben, sogar in Augenblicken wie diesem, in denen er selbst diese dunklen Bilder wieder hervorholte.
»Hey, womit kann ich dich ärgern?« Karen lachte am anderen Ende der Leitung auf und er stellte auf Lautsprecher um.
»Hey Tink.« Nathan nutzte gerne ihren Spitznamen, der sich von Tinkerbell ableiten ließ. Diesen hatte sie aufgrund ihrer Eigenschaften als gute Fee von ihnen erhalten. »Wir brauchen deine Hilfe, also weniger ich, mehr Harper.«
Karen atmete am anderen Ende der Leitung durch. »Ich hab Sy schon versprochen, ihn zu unterstützen, da es das erste Mal ist, dass Yvonne länger nicht da ist. Harper kann aber gerne dann mit den Jungs rumkommen.«
»Nein, nein.« Harper schüttelte den Kopf. »Kümmere dich um Nayeli. Wobei ich glaube, dass du dich mehr um Sy kümmern musst.« Harper grinste und am anderen Ende der Leitung lachte Karen mit bestätigenden Worten auf.
»Wie kann ich dir denn helfen?« Nun wandte Karen sich mit ihrer Frage an Harper.
»Wir suchen eine sympathische Nanny für die Zeit meines Einsatzes«, brachte Nathan ihr gemeinsames Anliegen vor.
»Hm.« Karen begann zu grübeln. »Hättest du ein Problem damit, wenn die Nanny schon etwas älter ist? So fünfundsechzig?«
Harper musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und schien nicht unbedingt begeistert davon zu sein, dass ihre Nanny älter sein würde als ihre Eltern.
»Sie ist toll. Sie ist wirklich nur auf dem Papier so alt. Im Kopf und vom Auftreten ist sie weit jünger, ehrlich. Ich könnte sie direkt anrufen. Wenn sie nicht schwer beschäftigt ist, kann sie bestimmt heute noch bei euch rumkommen, dann könnt ihr euch mal beschnuppern.« Karen sprach weiter, da sie die Pause wohl richtig gedeutet hatte.
»Wenn du sagst, sie ist ok.« Er wog den Kopf leicht hin und her und bemerkte, wie Harpers Zweifel auf ihn übersprangen. Das Letzte, was sie wollten, war eine Dame, die ihnen ihren Lebensstil aufzwingen wollte. Ihre Nanny sollte ihnen nicht mit Sätzen wie: ›Früher hat man das immer so gemacht‹, ihre Einstellung aufzwingen.
»Sie ist mehr als das, glaub mir«, versicherte Karen.
»Ok.« Harper nickte zwar zustimmend, aber in dieser simplen Zusage steckte viel Skepsis.
»Du wirst Diana mögen, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich schicke dir gleich eine Nachricht, wenn ich sie erreicht habe, und geb dir Bescheid, ob sie heute noch Zeit hat«, erklärte Karen, ehe sie sich von ihnen verabschiedete.
»Ich weiß ja nicht, sie ist älter als meine Mutter.« Auf Harpers Stirn bildeten sich Falten. Dadurch, dass ihre Eltern noch berufstätig waren und nicht in der Nähe wohnten, konnten sie ihre Tochter nur selten unterstützen.
»Wir können sie ja wenigstens kennenlernen. Wenn sie dann doch komisch ist, sagen wir ab und schauen weiter.« Nathan erhob sich. »Du sollst hier nicht mit einem Drachen im Haus leben müssen.«
»Also ich glaube nicht, dass Karen Drachen vermittelt.« Harper zwinkerte ihm zu.
Schon als Elijah durch die Tür getreten war, hatte Mieke an seiner Mimik sehen können, dass er das Haus schneller als ihr lieb war wieder verlassen würde. Sie kannte seinen Gesichtsausdruck und seine Bewegungen, wenn ein Einsatz bevorstand. An diesen Tagen wirkte alles, was schon aus einem Automatismus heraus erfolgte, langsamer. Als müsste er diese Dinge zelebrieren. Dann öffnete er die Schnürsenkel seiner Stiefel komplett und zog sie nicht halb offen aus. Er nahm Daan länger in den Arm, und schenkte ihm und ihr mehr Aufmerksamkeit. Sie konnte sein tiefes Durchatmen nur an seinem Rücken sehen, als er den Schlüssel an das Bord hing.
»Dad ist da.« Daan kam durch das Wohnzimmer in die angeschlossene Küche gerannt.
»Ja, ich hab es gehört.« Sie lächelte ihren Sohn an, der auf halber Strecke zu ihr stehen blieb und sich wieder seinem Vater zuwandte. »Ich habe heute bei Jayden gegessen.« Er strahlte von einem zum anderen Ohr und erzählte von dem Treffen mit seinem Schulfreund. »Unsere Lehrerin hat uns heute früher nach Hause geschickt.«
»Sie hatten tatsächlich niemanden für die Betreuung«, warf Mieke erklärend ein, warum Daan sein Mittagessen bei einem Klassenkameraden gegessen hatte und nicht wie an anderen Tagen bis sechzehn Uhr in der Schule gewesen war.
»Dann ist ja gut, dass du zu Jayden konntest.« Elijah strich seinem Sohn über den Kopf und drückte ihn an sich.
»Pam ist toll. Sie ist selbstständig und arbeitet von daheim. Sie sagte, es wäre gar kein Problem und die Jungs hätten sich super benommen.« Dann wandte sie sich ihrem Sohn zu. »Geh schon mal aufräumen. Ich will kurz mit Dad sprechen.«
Daan lief die Treppe hinauf und sie wartete darauf, dass sie die Zimmertür ins Schloss fallen hörte. Erst nach dem Klacken, das meistens gut hörbar war, da Daan die Tür oft mit mehr Kraft als nötig ins Schloss zog, wandte sie sich ihrem Mann zu.
»Wann musst du los?« Sie wollte nicht warten, bis er ihr offenbarte, dass er aufbrechen würde.
»Eine genaue Zeit haben wir noch nicht. Aber es kann sein, dass ich morgen nicht nach Hause komme und die Stunden dann in der Base bleibe, wenn wir früh fliegen. Ich sage dir dann aber auf alle Fälle Bescheid.« Er war bei seiner Erklärung nähergekommen und schien abzuschätzen, ob sie in diesem Moment seine Umarmung wollte.
»Wie lange?« Sie musste diese Frage stellen, auch wenn er sie oft nicht beantworten konnte. Vielleicht konnte er es heute und es wären nur wenige Tage, an denen sie alleine klarkommen musste. Schon eine Weile fürchtete sie den Tag, an dem er wieder über lange Zeiten nicht daheim sein könnte. Diese Zeit war immer besonders anstrengend. Nicht nur, weil sie mit Daan dann alleinerziehend war und die Verantwortung für alles auf ihr alleine lag. Zusätzlich überfiel sie immer eine Anspannung, die während des gesamten Einsatzes vorhanden war. Die permanente Sorge, dass ihm etwas zustoßen könnte, konnte sie nicht von sich schieben. Die Angst vor den TV-Nachrichten und die Schrecksekunden, wenn es unerwartet an der Tür klingelte. So sehr diese Zeiten auch zu ihrem Leben gehörten, gewöhnen konnte sie sich nicht daran. Daher war sie froh, wenn die Einsätze nur kurz waren. Dann endete die Ungewissheit schneller.
»Wir wissen es noch nicht. Eine Woche, zwei oder drei, oder viel länger«, gestand er ihr.
»Okay.« Sie atmete durch. »Erzählst du es Daan gleich? Ich mach das Abendessen fertig.« Sie wandte sich von ihm ab, da sie einige Momente benötigte, um die Neuigkeiten zu verarbeiten.
»Ja, bis gleich.« Elijah ging ins obere Stockwerk, während Mieke sich bemühte, die aufsteigenden Emotionen niederzuringen. Ein Einsatz ohne genaue Dauer. Sie wusste nicht, was sie empfinden sollte. Wenn sie ehrlich mit sich war, wusste sie bei keinem seiner Einsätze, wie lange sie dauern würden. Sie würden den Abend und die Nacht genießen und dann hoffen, dass sie ihn am kommenden Abend nochmals sehen und er die Nacht nicht in der Base verbringen würde. Sie wollte jede Minute mit ihm genießen, ehe er aufbrach. Es fühlte sich jedes Mal an, als müsse sie ihn für immer verabschieden